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Journalismus im Internet #1: Intelligenter veröffentlichen

Beachten wir einmal nicht die Rahmenbedingungen. Stellen wir uns vor, es gäbe eine Welt ohne Verleger, Vermarktung, Zeitdruck und Finanzprobleme. Eine, in der man den Idealtypus von Journalismus, der im Internet veröffentlicht wird, verwirklichen könnte. Wie sollte dieser aussehen? Ich möchte einladen, das zu diskutieren. Und selbst einen Aufschlag dazu machen – ich freue mich darüber, wenn andere ihre Sicht auf ihren Blogs veröffentlichen und hierher zurückpingen.

Das Internet stellt uns eine Infrastruktur zur Verfügung. Der sichtbarste Teil, das WWW, ist der Ort, an dem im Regelfall veröffentlicht wird. Das geschieht mittels Webseiten, auf denen Inhalte veröffentlicht werden können: Text, Ton, Bild, Bewegtbild, Interaktives.

Journalistische Erzählstrukturen haben sich in den jeweiligen Mediengattungen etabliert, die Nutzer haben sich daran gewöhnt. Ob die große Spiegel- oder Deutschlandfunkreportage, ob Kommentar oder Nachricht – sie alle haben sich in ihren Medienformen entwickelt. Und fast überall gibt es die Auffanggattung „Feature“ für einiges, was nicht so recht ins Schema passt. Audio und Bewegtbild im Offlinebereich ist darüber hinaus gemein, dass es ausschließlich linear funktioniert: eine Reportage läuft von vorne bis hinten. Dann ist sie abgeschlossen und der Hörer oder Zuschauer hat sie wahrgenommen, ganz oder in Teilen, oder verpasst. Sie ist ohne Hilfsmittel nicht rückholbar, versendet sich. Für Papiermedien gilt das ähnlich, aber anders: theoretisch ist es so, dass der Leser die Zeitung oder Zeitschrift jederzeit zur Seite legen und später weiterlesen könnte. Praktisch ist es so, dass die Tageszeitungen nach drei Stunden nicht mehr angefasst werden und Zeitschriften selbst bei begeisterten Lesern nach spätestens einer Woche oder einem Monat im Schrank ein staubiges Dasein zu fristen beginnen. Im Internet ist das anders: zum einen muss ein Werk nicht für „fertig“ erklärt werden. Es ist jederzeit Gegenstand möglicher Aktualisierung, Veränderung, Ergänzung, Restrukturierung. Und es ist solange erreichbar, wie es verfügbar gehalten wird (oft aber auch noch einige Zeit darüber hinaus zumindest in Zwischenspeichern). Das gilt für alle Inhalte – egal welcher der alten Gattungen sie angehören oder ob sie Hybridformen sind.

Die Erzählstruktur im Netz muss dieser Realität gerecht werden. Zwar wird für den heutigen Leser, Zuhörer oder Zuschauer (= Nutzer) etwas hergestellt. Aber viele Artikel erreichen im Verlauf von vier oder fünf Jahren ein ebenso beträchtliches Publikum wie in den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung, der Zeit, in der sich die meisten Tageszeitungsinhalte bereits versendet haben. Entsprechend muss dies mitgedacht werden, wenn man wirklichen Onlinejournalismus betreiben möchte. Und hierzu gibt es eine grandiose Möglichkeit: den Link. Wer ältere und neuere Inhalte miteinander verknüpft, sie mittels thematischer, örtlicher, zeitlicher oder personaler Identifikatoren in Relation zu anderen Inhalten setzt (Stichwort: Metadaten), hat die Möglichkeit, den Ausschnitt der Wirklichkeit, den er nun beleuchten möchte, im Kontext bereits erzählter Geschichten weiter zu erzählen, muss nicht die ganze Geschichte von vorne erzählen.

Diese Möglichkeit der Kontextualisierung ist eine der großen Chancen für Journalismus im Netz. Sie wird nach wie vor nur spärlich eingesetzt. So hat zum Beispiel im Videobereich bis heute niemand die naheliegende Idee umgesetzt, in einem Videoplayer Links einzublenden, die, sobald der Zuschauer sie klickt, das Video zum pausieren veranlassen und den Inhalt öffnen. So lassen sich beliebige Inhalte in beliebigen Trägermedien verknüpfen. Einziges Sorgenkind dabei ist Audio, das aufgrund seiner Einwegeigenschaften und in Ermangelung direkter Interaktionsmöglichkeiten hier mit Text, Bild und Bewegtbild nicht mithalten kann.

Nun kann man also intelligenter veröffentlichen. Doch eine Veröffentlichung macht noch keinen Journalismus. Was also kann Journalismus im Internet, was Journalismus ohne Internet nicht oder nur schlechter kann? Und was heißt das? Ein bald erscheinender Folgebeitrag soll versuchen, Hinweise darauf zu geben, welche neuen Möglichkeiten und Anforderungen für Recherchezwecke im Journalismus im Internet entstanden sind.

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