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Archive for the 'Rechner und Netz' Category

Verlagerung von Internetkriminalität?

“Bei schwerer Kriminalität, die im Internet stattfindet, entsteht aber wirklich eine Sicherheitslücke. Wenn sich das herumspricht, dann wird Internetkriminalität nach Deutschland verlagert.”

sagt Bundesinnenminister Thomas de Maiziére im Interview mit der FAZ zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung.

Da ich de Maiziére bislang als sehr besonnenen Politiker wahrgenommen habe, möchte ich einfach nur darauf hinweisen, dass ich ganz persönlich das für schlicht falsch halte und diese Äußerung ungern zur Kenntnis genommen habe, da sie mich an die Angstpolitik seines Vorgängers ungut erinnert. Sicherheitspolitik muss mit sinnvollem Augenmaß betrieben werden, damit sie nicht zu teurer Symbolpolitik verkommt, die als Kollateralschaden die Freiheit dahinrafft, die zu schützen sie als Aufgabe hat.

Zur Faktenlage: Die Vorratsdatenspeicherung speichert Verbindungen bei Internetprovidern und Mobilfunkverbindungen. Sie ist ein europäischer Sonderweg und auch hier längst nicht überall umgesetzt. Innerhalb der Bundesrepublik funktioniert die Strafverfolgung meist, auch die Judikative tut ihre Arbeit. Ein Ende der Vorratsdatenspeicherung ist für keinen Täter auf der Welt ein verstärkter Anreiz, seine Taten auf dem Grund und Boden der Bundesrepublik Deutschland zu verüben - auch ohne dieses Instrument ist die Gefahr einer effizienten Strafverfolgung für Kriminelle hierzulande zu hoch.

Es entsteht also folgerichtig eben keine Sicherheitslücke und schon gar kein Bedarf, nun übereilt tätig zu werden. Stattdessen muss es eine neue politische Diskussion, möglichst auf europäischer Ebene geben - denn natürlich ist es wünschenswert, wenn mindestens der deutsche Grundrechtsschutz auch den anderen Bürgern Europas bei diesem wichtigen Thema zugestanden wird. Dafür erwarte ich Herrn de Maiziéres Einsatz in Europa.

(Wie bei vielen politischen Themen weise ich noch einmal darauf hin: dies hier ist mein privates Weblog.)

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Bürogrinsen

Während ich den Livestream zur Einsetzung einer Enquete-Kommission “Internet und Gesellschaft” schaue, habe ich gerade überlegt, wie vor fünf Jahren, aber oft auch noch vor einem Jahr über Netzpolitik gesprochen wurde. Heute reden Abgeordnete über Twitterfeeds, Datenschutz, Netzneutralität, Cloud Computing und vieles mehr. Nun denn, da hat sich schon etwas bewegt, hoffentlich nicht nur beim Buzzwordbingo.

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D’accord, Herr Prantl

.. ist die anlasslose Speicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten geeignet, ein diffus bedrohliches Gefühl des Beobachtetseins hervorzurufen, das eine unbefangene Wahrnehmung der Grundrechte in vielen Bereichen beeinträchtigen kann.

Soweit die Richter in Karlsruhe.

Wenn die Totalspeicherung der Telekommunikationsdaten auf Vorrat so gefährlich ist, wie es die Verfassungsrichter beschrieben haben - und sie haben recht mit dieser Beschreibung - dann dürfen sie es bei bloßen Warnungen nicht mehr belassen.

Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung

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Die über das Internet schreiben

Das Internet macht dies, das Internet macht das, ist gut für dieses, schlecht für jenes, es kann uns alle ändern (oder auch nicht), es wird uns alle fressen (oder auskotzen), es macht alles zu schnell (und zu langsam, weil zersplittert), es bietet keine guten Informationen (oder zuviele, um diese zu finden, auf jeden Fall aber sind wir alle chronisch überfordert), es frisst unsere Zeit und optimiert uns bis zum Gehtnichtmehr, ja, dieses Internet ist ein wahrlich Wunderding.

Wenn ich mir anschaue, wieviele ach so schlaue Texte, Manifeste, Essays und Aufsätze zum Internet so erschienen sind, fällt mir etwas auf: die meisten davon sind kritisch-distanziert-gezwungen. “Ach, dieses Netz, es überfordert uns alle und mich sowieso, aber wir können ja nicht mehr ohne”, scheinen sie sagen zu wollen. Das ist, mit Verlaub, gequirlter Schrott.

Ich möchte nicht zurück in eine Zeit, in der ich triviale Informationen wie Telefonnummern in Büchern nachschlagen musste, in der ich nicht mehreren Menschen gleichzeitig eine Nachricht schriftlich zukommen lassen konnte, auf die auch wieder alle an alle antworten konnten, eine Zeit, in der nur Privilegierte überhaupt die theoretische Möglichkeit hatten, bei einer breiteren Öffentlichkeit Gehör zu finden. Natürlich ist nicht alles rosig im Zusammenhang mit dem Netz, natürlich ist nicht alles toll, was so eine Gesellschaft in ihrem Wandel produziert. Aber wenn sich in den Feuilletons die Verlorenen aus der Vergangenheit weinend an den Schultern liegen, möchte ich einfach nicht mehr zuhören. Früher war es nicht besser, nur anders. Als nach wie vor relativ junger Mensch würde ich sogar sagen: es ist vieles so schlecht gewesen, dass diejenigen, die über heute so sehr jammern, gestern schon ihr Können und Versagen gezeigt haben.

Und nun hab ich selbst wieder einmal Zeit und Gedanken in diesem Metaflauschsofa verbracht und mich darüber echauffiert, statt die Dinge anzugehen, die mir wichtiger sind als alter Männer wöchentliche Weinattacken. Mist. Naja. Viertelstunde verschwendet.

(Anlass für dieses Stück: der Herr Gelernter in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)

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Petitessen, Petitionen, Politische Problemzonen

Nun ist das Petitionsverfahren wohl weitgehend durch, das Petitionsverfahren gegen das Zugangserschwerungsgesetz, mit dem sich die einen als Kinderschützer profilieren wollten und sich als Community-Manager für die kritische deutsche Netznutzerschaft betätigt haben, fand gestern seine Anhörung.

Ich habe nur Teile davon im Stream gesehen, habe viel dazu auf Twitter mitgelesen und war erstaunt: anders als im teils wütenden Geheul des letzten Spätfrühlings haben sich die meisten, die ich las, ein gewisses Grundmaß an politischem Verständnis zugelegt. Als Max Winde damals schrieb “Ihr werdet euch noch wünschen wir wären Politikverdrossen”, da hat er zum Ausdruck gebracht, was passiert ist und womit viele im politischen Betrieb nicht rechnen wollten. Diese Generation - wobei der Begriff nicht ganz passt, da es keine auch nur halbwegs sauber zu bezeichnende Alterskohorte sondern vielmehr eine Grundaffinität zum Netz ist, die sie beschreibt - ist nicht unpolitisch. Und sie ist nicht gewillt, das was sie zwar diffus aber doch schätzt, nämlich ihre Lebensrealität, unkritisch von Menschen gestalten zu lassen, deren Kompetenzen zwar zur Kenntnis genommen, deren Inkompetenzen jedoch ebenso identifizierbar sind.

Im Netz wird gern und viel zu starken Ausdrücken gegriffen, insbesondere im deutschsprachigen Raum ist die Kultur der Keule eben kein Spezifikum der Politik. Viele Nutzer sind in Debatten mindestens ebenso geschult wie Berufspolitiker - zumindest solange es im Schriftlichen bleibt. Was lange fehlte, war die positive Sprechfähigkeit: zwar ist klar, was man nicht will. Aber andersherum zu sagen, was man möchte, das war lange Zeit selten. Ich freu mich, wenn ich sehe, dass zum Beispiel eines der Urgesteine des deutschen Internets sich inzwischen daran macht, klare Forderungen zu postulieren.

Das ist ein großer Fortschritt, es ist der Wille, Politik nicht reaktiv sondern aktiv zu gestalten - mit dem Wissen um, dem Verständnis für und der Freude an der Zukunft der geschätzten Gegenwart und im vollen Bewusstsein ihrer Unzulänglichkeit. Ich hoffe, dass diese Entwicklung in genau dieser Richtung weitergeht. Und wenn das unter weitgehender Ignoranz mancher Eliten klassischer Prägung geschieht, dann muss das nichts schlimmes sein. Sondern vielleicht einfach nur Produkt der Erkenntnis, dass eigentlich alle nur mit Wasser kochen - und nur sehr wenige mit Olivenöl.

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Potenziell vorsichtig, potenziell zuversichtlich

Das Internet verändert rasant unsere Gesellschaft. Ha!
Das Internet stellt die bisherigen Verhältnisse auf den Kopf. Ha!
Die allgegenwärtige Vernetzung und die Operationalisierung aller Handlungen und Optionen in Bits und Bytes bietet enorme Potenziale! Haha!

Okay, liebe Netizens. Seit über zehn Jahren reden wir, ihr, ich, andere, über die großartigen Chancen und Potenziale, die die Digitalisierung für uns bereit hält. Darüber, was für ein großartiges Medium es ist. Was es uns nicht alles tolles ermöglicht. Und was es uns nicht noch alles ermöglichen könnte. Könnte? Ja, könnte.

Nun sind wir Deutschen nicht unbedingt dafür bekannt, dass wir besonders offen auf neues zugehen. Wir kritisieren von Herzen gern, wir dekonstruieren bis ins kleinste Fitzelchen und wenn beispielsweise Stefan Niggemeier nebenan feststellt, dass der deutsche Journalismus das Internet als Feind und nicht als Chance begreift, dann hat er damit verdammt nochmal dermaßen recht. Und auch ich bin einer dieser Moserköpfe, die mit jeder potenziellen Chance auch erst einmal die Risiken bis zum Ende der Vorstellungskraft abwägen wollen. Das deutsche Wort “Vorsicht” hat es bis heute noch nicht in das Wörterbuch der englischen Germanophobie geschafft, obwohl ich es viel deutscher als “Achtung” oder “Hausfrau” finde.

Vor etwa einem Jahr habe ich mir etwas ausgedacht, das ich selbst ganz großartig finde. Das jeder, mit dem ich bislang darüber gesprochen habe, großartig findet. Ich habe weder genug Zeit gehabt noch genug Einwände beiseite geräumt, um es Wirklichkeit werden zu lassen (Hint: es ist eine Kreuzung aus Kachingle und Flattr, die es beide da noch nicht gab. Zielsetzung jedoch war eine andere als bei diesen beiden Projekten). German Vorsicht, here we are. Ich habe es durchkalkuliert, ich habe es mit den richtigen Leuten diskutiert, ich habe es am Ende nicht umgesetzt. Klar könnte ich das noch machen. Aber ich kann es auch einfach sein lassen. Es ist und bleibt: Potenzial. Nicht mehr, nicht weniger.

Wenn ich mir anschaue, was das Netz bislang tatsächlich geändert hat, dann bin ich erstaunt. In erster Linie hat das Netz Dinge verschoben, sie verschnellert und verkürzt. Früher war es nervig und umständlich, ein Produkt zu bestellen oder es im Laden zu kaufen. Heute ist es nervig und umständlich, das gelieferte Paket vom Nachbarn oder der Packstation zu holen. Früher war es schwierig, sich jenseits seiner direkten Peer Group auch einmal auf etwas neues einzulassen. Heute gibt es neue Formen von Peer Groups, mit denen richtig umzugehen wir alle noch nicht gelernt habe. Und all das birgt natürlich riesige Potenziale…

Nehmen wir einmal die Politik. Warum kann ich zum Beispiel mit der Piratenpartei so wenig anfangen? Weil sie in meiner Wahrnehmung unreif ist. Statt sich mit Politik zu beschäftigen, wie sie ist und wie sie sein sollte, konstruiert man sich ein Bild von Politik, wie es sein muss damit die eigenen Lösungsansätze auf jeden Fall erfolgversprechender sind. Und nein, die Piraten bieten in meinen Augen keine Lösungen für die dringlichen Fragen. Sie bieten auf einem eng begrenzten Feld Ansätze um Politik besser zu machen. Ob daraus jemals mehr wird, wird die Zeit zeigen (und ja, potenziell bin ich jederzeit zu einer Neubewertung bereit).

Vielleicht aber sehe ich auch all das falsch. Ich bin derzeit nicht in der Rolle eines außenstehenden Beobachters, ich nehme Teil. Unvoreingenommenheit könnte ich mir zwar anmaßen, mit der Realität hat es auf jeden Fall nichts zu tun.

Was fehlt, ist der Wille, aktiv zu gestalten. Und da gibt es so gut wie keinen Unterschied zwischen On- und Offline: was wünschen wir uns? Was möchten wir erreichen? Ist der status quo das, was man nur etwas optimieren muss? Gibt es Dinge, die grundlegend schief laufen? Wie kann man diese ändern? In welche Richtung? Wieviel Vorsicht, aber auch: wieviel Zuversicht ist notwendig? “Wer nichts macht, macht nichts falsch” ist mächtig falsch. Es wird Zeit, sich nicht auf Strukturdiskussionen und Meta zu beschränken. Ich mag nicht mehr den 300. Besinnungsaufsatz von Frank Schirrmacher, Susanne Gaschke oder mir selbst lesen, ich mag auch nicht mehr über Blogs und schon gar nicht Social Media und Potenziale diskutieren. Ich mag machen. Wer macht mit?

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Habe die Ehre, muss twittern

In der vergangenen Woche diskutierte ich mit Jodok Batlogg von StudiVZ/VZNetzwerke und Alexander Korth auf der Social Media Week über Privatsphäre, Verantwortung und das Schreiben von To-Do-Listen. Im Raum saßen gut einhundert Personen, wovon nach eigener Auskunft fast alle bei Facebook und Twitter waren (Handzeichen). Hinter uns auf der Leinwand und vor uns auf einem kleinen Monitor war eine Twitterwall zu sehen, die alles aggregierte, was mit dem Hashtag smwberlin versehen war.

Ich hatte das Gefühl, dass das weitgehend unproblematisch war. Aber es gab auch andere Panels, bei einem ist Mathias Richel fast die Hutschnur geplatzt. Er sieht die Notwendigkeit, sich etwas stärker mit Respekt auseinanderzusetzen. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob die Respekt-Frage sich ursprünglich primär auf die Aufmerksamkeit oder auf den Respekt für das Erfinden von Social Media-Kampagnen bezog, die größer als 1-Tweet-Negative-Message sind.

Was also ist es, was auch mich manchmal stört? Ich gehöre selbst zu denen, die liebend gerne “backchannelmessern”, wenn eine Diskussion fachlich falsch aber nicht offen für externe ist. Wenn mir die Gelegenheit zur Meinungsäußerung nicht gegeben wird, aber Unfug erzählt wird, dann greife ich natürlich zum alternativen Kanal. Häufig ist Twitter bei Konferenzen lesenswerter als die Podien, über die sich dann dort echauffiert wird. Oder anders: wenn die Party im Wohnzimmer zu schlecht ist, treffen sich die genervten Leute nun einmal in der Küche. Man kann ja auch fragen: was ist eigentlich respektloser? Auf Twitter scharf zu schießen, oder Menschen ihre Zeit zu stehlen, indem man weder gute Information noch gute Unterhaltung oder gar beides hinbekommt?

Für mich selbst versuche ich, möglichst nur so zu twittern, wie ich es den Personen auch ins Gesicht sagen würde. Allerdings weiß ich nicht, ob das auch für Personen funktioniert, die vielleicht etwas scheuer, respektvoller gegenüber Amt und Würden sind.

Besonders schwierig finde ich eine Antwort auf die Frage, ob man vom Panel herunter twittern sollte. Sollten sich Podiumsteilnehmer mit anderen Besuchern im Raum unterhalten, wenn sie auf dem Panel sitzen? Wenn ja, warum? Ich habe das bereits selbst gemacht und dabei den Spagat versucht, den das zwangsläufig bedeutet. Das funktioniert, aber stets nur so lange, wie das Panel nicht besonders gut - also wirklich spannend ist. Manchmal muss halt auch der Gastgeber in die Küche.

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Datendiebstahl zur Kriminalprävention?

Die abschreckende Wirkung, die auf künftige Steuerhinterzieher von vermehrten Datendiebstählen ausgeht, ist hinsichtlich der Kriminalitätsbekämpfung viel wertvoller als ein möglicher Schaden, der von der Ermunterung zum Datenklau ausgehen könnte.

Sowas schreibt und denkt man wo? Bei tazens.

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Lasst die Keule mal zuhause

Die Netzgemeinde hat lange Jahre darum gebeten, dass man ihr zuhört - weil man es nicht tat. Sie hat gezetert, gemosert, ihr ganzer Sach- und Fachverstand wurde ignoriert. Politiker aller Couleur, das von de Maiziere so genannte “Sie wissen schon wovon ich rede” als Höhepunkt, haben sich blamiert. Und sie haben die Netizens zu einer losen Ansammlung von solchen werden lassen, die erst die Augen verdrehen, dann fast schon reflexartig mit “Die haben mal wieder überhaupt nichts verstanden und sowieso keine Ahnung” reagierend. Und dann kommt noch ein kleiner Nachsatz wie: “Damals als …, haben wir das ja auch schon diskutiert. Und auch damals hat uns keiner zugehört.”

Jetzt ist es an der Zeit, ganz schnell zu lernen. Und zwar für die Netzgemeinde.

Politik hört derzeit zu. Politik will zuhören. Natürlich ist es traurig, dass es dafür erst eine in sich selbst zutiefst apolitische und damit Partei im meiner Meinung nach schlechtestem Wortsinne (nämlich als partielle Interessenvertretung ohne gesamtgesellschaftlichen Anspruch) und eine erkleckliche Anzahl enttäuschter Wählerstimmen brauchte. Aber: im neuen Bundestag sitzen viele auch jüngere Menschen, die längst nicht mehr so Internet-inkompetent sind wie ihre Amtsvorgänger. Und viele Politiker der alten Garde bringen andere Qualitäten, Wissen und Instinkt mit. Klar, natürlich gibt es noch viele Entscheidungsträger, deren Affinität zu den neueren Medienformen, freundlich formuliert, distanziert ist. Aber auch das wird sich erledigen - entweder werden die Borg sie schon kriegen, oder sie werden sich nicht dauerhaft halten können.

Wer sich aber gar nicht halten können wird, sind diejenigen, die reflexhaft loskrakeelen. Wer schreit, hat zwar nicht immer Unrecht. Aber er exkommuniziert sich weitgehend aus der Entstehung von Politik. Wer mich kennt, weiß, dass mich Dinge richtig auf die Palme bringen können. Und auch ein angemessen dezibelerzeugendes Stimmorgan besitze. Aber aktuell ist es nicht an der Zeit, mit der Keule in der Hand herumzulaufen und die tatsächlich vorhandenen Verschiebungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, in Köpfe einprügeln zu wollen, die eigentlich sogar sehr gesprächsbereit sind. Leider bin ich kein Comiczeichner, aber das Bild, jemandem eins überzubraten und dabei laut zu rufen: “Hör mir doch zu!”, das zeigt das Problem.

Oft hat “das Internet” die besseren Argumente auf seiner Seite. Dass ihnen zugehört wird, ist neu für viele. Dass sie dann auch noch etwas konstruktives sagen sollen, auch. Aber das wird schon werden. Ich bin da zuversichtlich. Nur beim Lernen über Politik müssen so einige noch etwas nachsitzen. Und vor allem: nicht immer gleich rumschreien.

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Lesestoff: Indien, Wachstum, Europa, digitales Nirwana

Lesen ist etwas wunderbares, wenn man sich dafür Zeit nimmt. Vielleicht hat der eine oder andere Leser der Kühlschranknotizen ja einen kleinen Moment, dann möchte ich auf ein paar Stücke verweisen, die mich in den letzten Tagen auf die eine oder andere Weise interessiert haben.

Wie verkauft man Wissenschaft, die herausfindet, was alle schon vermuteten? Indem man die Ergebnisse “aufsext”.

Ein Artikel von Spiegel Online, Ressort Wissenschaft: “Wer früh zu Bett geht, hat weniger Depressionen”. Darin geht es um eine Studie, in der die Korrelation zwischen frühem Schlafen gehen und Depressionen untersucht wurde. Der Artikel ist in weiten Teilen schlicht falsch: er unterstellt eine Kausalität (”Unzureichender Schlaf macht nicht nur müde, sondern kann auch zu Depressionen führen.”) statt Korrelation (Ursache und Wirkung sind unklar, nur der Zusammenhang ist feststellbar).
Natürlich ist solcher Bullshit klickträchtig: Schlafen hilft gegen Depressionen, das können sich Depressive als Wundermittel eigentlich nur wünschen. Geht früh ins Bett, dann klappt das schon. Erst im vorletzten Absatz wird wirklich erzählt, was die Wissenschaftler herausgefunden haben:

Weil die Forscher allein einen statistischen Zusammenhang (Korrelation) von Schlafdauer und Depression festgestellt haben, kommt jedoch auch eine ganz andere Erklärung in Frage: Womöglich fügen sich psychisch stabilere Jugendliche eher einer frühen Nachtruhe als jene, die zu Depressionen neigen.

Das Internet vergisst nichts - oder immer nur das Falsche?

Der Guardian hat sich mit der British Library beschäftigt, die Probleme mit der Archivierung von Onlineinhalten aufgrund von Rechtslage und praktischen Hürden berichtet. Ob es so schade wäre, wenn viele Dinge im digitalen Nirwana verschwinden, darüber kann man sicherlich streiten.

Die Verzichtmalnicht-Gesellschaft?

Ob zum hören oder lesen, der Hintergrund zum Thema Wachstum, Konsum und Wohlstand im Deutschlandfunk war sehr interessant. Nur im Audioteil kommt auch Meinhard Miegel zu Wort, ein alter Bekannter in neuer Funktion. Interessante Gedanken inklusive der Frage, ob wir nicht auf vieles verzichten könnten und sollten, das uns nur durch künstliche Bedarfschaffung als Notwendigkeit erscheint.

Persönlich nachdenklich

Ich mag die Euroblogger-Szene, also die Leute, die sich über Grenzen hinweg mit Europa, der EU und ihren Bürgern beschäftigen. Oft wirken ihre Themen leider so kryptografisch-technokratisch, wie die EU als Verwaltungsapparat nun einmal häufig ist. Daher freut es mich ganz besonders, wenn andere Töne zu lesen sind.

Wann liest man etwas über Indien?

Die Frage habe ich mir gestellt, als ich dieses faszinierende Stück über Konflikte im Staat Jharkhand las. Wenig Ahnung vom Subkontinent mit der knappen Milliarde Bewohner, seiner Politik, Wirtschaft, Problemen. Die Berichterstattung wird aber sicher noch kommen, in absehbarer Zeit - dafür wird die Gegend mit ihren Bewohnern einfach zu wichtig werden, um sie weiterhin so sehr zu ignorieren (und nur über den IT-Standort Bangalore und heilige Kühe zu berichten).

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Des Verlegers Klagelied

Weil heut nicht mehr jeder zahlt
was ihm blind wird vorgesetzt
geht ein Businesscase dahin
bloß: wohin weiß keiner schon
Bald vorbei ist’s sicherlich!
Wenn man nicht mehr Geld erhält.
Singt der Manager gequält
Klagelieder bitterlich.

Qualität! Das schreien sie.
Und Rendite meinen sie.
Kaum verlegene Verleger
wohlgeboren, hochinteger
sind sehr skeptisch heutzutage
‘kostenlos’ die Plageklage.

Nein, die Internetgemeinde!
Unter dem Pantoffel Panik.
Überall sind Zeitungsfeinde!
Googles Schuld!
Der Kuchen: sahnig.

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Ein Heimatverein für das Internet

Schon ein Weilchen beschäftige ich mich mit Fragen von Politik im und für das Netz. Und es ist sehr schön zu sehen, dass es immer mehr Menschen geworden sind, die das Internet als gesellschaftlich relevant erachten. Es ist schön zu sehen, dass viele Menschen bereit sind, Engagement und Wissen für Erhalt und Verschönerung des Netzes einzubringen. Doch das reicht nicht. Denn die Stärken des Netzes sind zugleich auch seine Schwächen: lose Verbindungen, ad-hoc-Strukturen, unkoordiniertes Vorgehen. Das Rad wird immer wieder neu erfunden, oft fehlt es an Wissen um Technik, Politik und nicht zuletzt am Willen, vielleicht doch eher in der zweiten statt in der ersten Reihe für gemeinsame Ziele einzustehen. Die netzpolitische Szene ist eine Kakophonie, die oft nicht durch ihre Besten, sondern ihre besten Selbstvermarkter nach außen repräsentiert wird.

Auch in einer Massenmedien-Gesellschaft, also einer, in der die Masse selbst ihre Medien gestalten und verbreiten kann, bedarf es der Strukturierung der Interessen und Ideen, die nicht schon im ersten Schritt durch ihre Ablehnung “des Systems” oder ihre hermetisch abgeriegelte Argumentation (”Nur für Nerds”-Syndrom) die gesamtgesellschaftliche Diskursfähigkeit von vornherein ausschließt.

Es wäre wichtig und wünschenswert, dass die zweifelsohne vorhandenen Kompetenzen gebündelt werden. Leider sehe ich noch nicht viel, was in diese Richtung geht - vielleicht reichen die Gemeinsamkeiten dafür auch schlicht nicht aus. Das Wort “Think-Tank” ist etwas verrufen, allerdings ist es in etwa das, was ich mir vorstelle. Viel Netzpolitik basiert auf ungesicherten Annahmen und spontanem Crowdsourcing, was zwar bunte Stimmungsbilder ermöglicht, aber eher löchriges Mosaik denn konsolidierte Stellungnahme bildet. Wenn jedes Dorf einen Heimatverein organisiert bekommt, der bei “Unser Dorf soll schöner werden” mitmacht, sollte das dem deutschsprachigen Teil des Global Village doch eigentlich auch gelingen.

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Ganz einfache Bitte an couchverliebte Entwickler

Kann jemand eine Facebook-App schreiben, die folgendes tut?

Ich habe eine Couch. Die wird gerne von anderen Menschen benutzt, die nach Berlin kommen. Das ist sehr schön und ich freue mich darüber sehr. Es ginge aber noch einfacher, wenn Kontakte in FB meine Couch requesten könnten und dann automatisch “Available”/”Not Available” zurückbekämen. Bei “Available” könnten sie dann eine Nachricht an mich schreiben. Oder halt an jeden anderen “Couch-Owner”.

Mag das jemand machen? Könnte man ja auch noch etwas ausdehnen den Gedanken, aber ich will ja nicht zuviel auf einmal. Wer die App schreibt, hat zwei Übernachtungen bei mir gut. Und ein Bier.

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Hallo Nachbarn

Ich lebe in einem stetigen Strom aus Informationen aus Strom. Hätte Christoph Kolumbus heute gelebt, er hätte „Landstrom!“ gerufen, als er eine Küste sah. Ein Leben zwischen Filtern und Füttern, ein Nehmen und Geben, strebend nach Erkenntnis für den Moment, der Gewissheit, sich nicht gewiss sein zu können. Für viele verwirrend flirrend, stets den Grad der Relativität von Wahrheit gen Null zu drücken versuchend, in einer Informationsarchitektur die der stadtplanerischen Leistung von Favellas vermutlich in wenig nachsteht. Es ist übrigens sehr schön hier. Wer dies liest, darf sich wie ein Nachbar fühlen.

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Erstes Release von Schnittchenvergiftung

Endlich ist es soweit: nachdem die Branche monatelang auf das neue StartUp aus dem Hause Falk Lüke gewartet hat, ist es jetzt da. “Social Media changed unser Life rapide und ohne unseren consent”, erklärt Falk Lüke, Founder von Schnittchenvergiftung.de. “Mit unserem fantastischen neuartigen Social Media Approach gewinnen wir tiefe Einblicke in die deutschsprachige Schnittchensociety.”

Schnittchenvergiftung.de analysiert in einem ersten Schritt Milliarden von Social Media-Beiträgen auf ihre Schnittchenlast und zeigt chronologisch invers die Verschnittchung. Doch das ist erst der Anfang: “In einem der nächsten Releases werden wir mit unserem top secret Schnittchensocietyanalyzer Maßstäbe für das Social Media Monitoring setzen”, sagt Lüke. “Die gesamte Branche wird vor Neid in die Leberwurst beißen - das Leberwurstcase-Szenario, sozusagen!” Schnittchenvergiftung.de ist mit dem Start bereits Marktführer im Bereich Schnittchentalkanalyse. Die geplante Releaseparty mit Guido Westerwave musste leider wegen Terminproblemen entfallen.

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Betroffenheitsjournalismus

Heinrich Wefing mal wieder. Schreibt in der Zeit darüber, dass Union und FDP die Chance hätten, “Politik für das Internet” zu machen. Ich halte es nach wie vor für ungut, wenn Journalisten aus der gefühlten Betroffenenperspektive schreiben:

So kann die FDP, die bei der Verteidigung der digitalen Bürgerrechte noch einigermaßen oppositionsradikalisiert, also Piraten-nah, auftritt, als wirtschaftsfreundliche Partei nicht achselzuckend die faktische Enteignung zahlloser Kreativer durch illegale Tauschbörsen hinnehmen, wie das die Piraten tun. Eine Modernisierung des Urheberrechts wäre deshalb ein lohnendes Vorhaben für Union und FDP, zudem müsste die Koalition eine Politik gegenüber Google entwickeln.

Heinrich Wefing fühlt sich enteignet. Und er mag Google nicht. Na dann.

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Ohne Kommentar

http://www.internet-manifest.de/

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Someone’s put…

Es ist ein heißer Sommersonntag. Spanische Touristen und Wespen liefern sich einen Wettstreit darum, wer die Stadt stärker bevölkert. Nein, etwas sinnvolles tun ist bei etwa 30 Grad definitiv unmöglich. Die Stadt drückt und eigentlich kann man in solchen Momenten nur an die überfüllten Seen oder die Ostsee fahren – mit einer dieser überfüllten Regionalkonserven des Lieblingshassobjektes der Deutschen, der Bahn.

Es ist also ein heißer Sommertag und so recht etwas mit ihm anfangen kann ich nicht. Der Kopf, von der Hitze plattgewalzt. Jeder Gedanke Asphalt uralt, porös und matschig zugleich.

Was also tun? Was rät die Brainextension?

Es gibt diese Menschen, die einen eigenen Garten haben. Der H zum Beispiel, der hat einen. Und er ist ein ziemlich nettes Kerlchen. Glaube ich, denn so richtig gut kenne ich H gar nicht. Habe ihn ein paar Mal getroffen, einmal ein sehr nettes langes Brunch mit ihm und seiner Frau gehabt. Die ist auch sehr nett. Und miteinander sind die auch noch sehr nett. Und die haben da diesen Garten am zentrumsnahen Rande des Stadtrandes. Da sitzt also H und twittert, ob jemand Lust hätte, in diesem Garten Sonntag zu machen.

Gott verdammt, warum eigentlich nicht?

Im Garten spielen die Kinder. Die von H, die von den Nachbarn, Speck läuft rum und es gibt tolle Liegestühle. Füße hoch. Ein bisschen reden. Schön hier. Wir unterhalten uns ein Weilchen. Überreden eine andere Person, die wahrscheinlich jeder mag, auch noch vorbeizukommen und etwas Grillgut mitzubringen. Da kommt ein Fahrrad mit einem anderen, der auch den Weg in den Garten gefunden hat.

Uns wird Lasagne kredenzt. Die ist unglaublich lecker. Einfach total nette Gastgeber. Wie gut kennen wir uns eigentlich? Früher hätte man gesagt, wir wären lose Bekannte. Aber das stimmt so nicht. Immerhin schreiben wir uns täglich, mehrfach. Nicht immer direkt persönlich adressiert. Aber wir stehen in Kontakt und haben Teil am Leben der Anderen.

Weitere Menschen kommen hinzu. Sie sind auch nett. Manche der Anwesenden mag ich gerne, viele sehr gerne. Alle haben ihre Marotten, manche davon empfinde ich als eher anstrengend – so wie davon einige meine Marotten sicher auch eher anstrengend finden. Aber das passt schon. Jeder bringt etwas mit – etwas zu trinken, etwas zu essen. Ich lerne Menschen kennen, die ich noch nicht kannte. Und die ich auch gar nicht lese. Bislang zumindest. Die aber auch nett sind.

Was machen wir da eigentlich? Wir besetzen mit einer Horde einander gut und schlecht bekannter Menschen einen Randlagengarten Berlins. Grillen. Chillen. Es ist sehr schön hier. Wieviele wir wohl sind? 15? 20?

Ich denke mir: Someone’s put the social in media.

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Mal was dienstliches

In den letzten Tagen, Wochen, Monaten haben die Projektkolleginnen und ich etwas zusammengestellt: surfer-haben-rechte.de Ich finds ziemlich hübsch geraten, freu mich aber auf Eure Meinungen, Anregungen und Verbesserungsvorschläge.

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Journalismus im Internet #1: Intelligenter veröffentlichen

Beachten wir einmal nicht die Rahmenbedingungen. Stellen wir uns vor, es gäbe eine Welt ohne Verleger, Vermarktung, Zeitdruck und Finanzprobleme. Eine, in der man den Idealtypus von Journalismus, der im Internet veröffentlicht wird, verwirklichen könnte. Wie sollte dieser aussehen? Ich möchte einladen, das zu diskutieren. Und selbst einen Aufschlag dazu machen – ich freue mich darüber, wenn andere ihre Sicht auf ihren Blogs veröffentlichen und hierher zurückpingen.

Das Internet stellt uns eine Infrastruktur zur Verfügung. Der sichtbarste Teil, das WWW, ist der Ort, an dem im Regelfall veröffentlicht wird. Das geschieht mittels Webseiten, auf denen Inhalte veröffentlicht werden können: Text, Ton, Bild, Bewegtbild, Interaktives.

Journalistische Erzählstrukturen haben sich in den jeweiligen Mediengattungen etabliert, die Nutzer haben sich daran gewöhnt. Ob die große Spiegel- oder Deutschlandfunkreportage, ob Kommentar oder Nachricht – sie alle haben sich in ihren Medienformen entwickelt. Und fast überall gibt es die Auffanggattung „Feature“ für einiges, was nicht so recht ins Schema passt. Audio und Bewegtbild im Offlinebereich ist darüber hinaus gemein, dass es ausschließlich linear funktioniert: eine Reportage läuft von vorne bis hinten. Dann ist sie abgeschlossen und der Hörer oder Zuschauer hat sie wahrgenommen, ganz oder in Teilen, oder verpasst. Sie ist ohne Hilfsmittel nicht rückholbar, versendet sich. Für Papiermedien gilt das ähnlich, aber anders: theoretisch ist es so, dass der Leser die Zeitung oder Zeitschrift jederzeit zur Seite legen und später weiterlesen könnte. Praktisch ist es so, dass die Tageszeitungen nach drei Stunden nicht mehr angefasst werden und Zeitschriften selbst bei begeisterten Lesern nach spätestens einer Woche oder einem Monat im Schrank ein staubiges Dasein zu fristen beginnen. Im Internet ist das anders: zum einen muss ein Werk nicht für „fertig“ erklärt werden. Es ist jederzeit Gegenstand möglicher Aktualisierung, Veränderung, Ergänzung, Restrukturierung. Und es ist solange erreichbar, wie es verfügbar gehalten wird (oft aber auch noch einige Zeit darüber hinaus zumindest in Zwischenspeichern). Das gilt für alle Inhalte – egal welcher der alten Gattungen sie angehören oder ob sie Hybridformen sind.

Die Erzählstruktur im Netz muss dieser Realität gerecht werden. Zwar wird für den heutigen Leser, Zuhörer oder Zuschauer (= Nutzer) etwas hergestellt. Aber viele Artikel erreichen im Verlauf von vier oder fünf Jahren ein ebenso beträchtliches Publikum wie in den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung, der Zeit, in der sich die meisten Tageszeitungsinhalte bereits versendet haben. Entsprechend muss dies mitgedacht werden, wenn man wirklichen Onlinejournalismus betreiben möchte. Und hierzu gibt es eine grandiose Möglichkeit: den Link. Wer ältere und neuere Inhalte miteinander verknüpft, sie mittels thematischer, örtlicher, zeitlicher oder personaler Identifikatoren in Relation zu anderen Inhalten setzt (Stichwort: Metadaten), hat die Möglichkeit, den Ausschnitt der Wirklichkeit, den er nun beleuchten möchte, im Kontext bereits erzählter Geschichten weiter zu erzählen, muss nicht die ganze Geschichte von vorne erzählen.

Diese Möglichkeit der Kontextualisierung ist eine der großen Chancen für Journalismus im Netz. Sie wird nach wie vor nur spärlich eingesetzt. So hat zum Beispiel im Videobereich bis heute niemand die naheliegende Idee umgesetzt, in einem Videoplayer Links einzublenden, die, sobald der Zuschauer sie klickt, das Video zum pausieren veranlassen und den Inhalt öffnen. So lassen sich beliebige Inhalte in beliebigen Trägermedien verknüpfen. Einziges Sorgenkind dabei ist Audio, das aufgrund seiner Einwegeigenschaften und in Ermangelung direkter Interaktionsmöglichkeiten hier mit Text, Bild und Bewegtbild nicht mithalten kann.

Nun kann man also intelligenter veröffentlichen. Doch eine Veröffentlichung macht noch keinen Journalismus. Was also kann Journalismus im Internet, was Journalismus ohne Internet nicht oder nur schlechter kann? Und was heißt das? Ein bald erscheinender Folgebeitrag soll versuchen, Hinweise darauf zu geben, welche neuen Möglichkeiten und Anforderungen für Recherchezwecke im Journalismus im Internet entstanden sind.

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Öffentliche Privatheiten, private Öffentlichkeiten

Was heißt es in seiner Konsequenz, dass immer mehr Menschen mit dem Internet leben, es in ihren Alltag integrieren, in ihren Kommunikationshabitus? Wenn das Internet als Verlängerung der mündlichen Kommunikation gehandhabt wird?

Immer wieder wird das Internet vor allem von älteren Mitbürgern mit dem Telefon verglichen. Doch das Telefon überträgt keine Bilder, verschriftlicht keine Kommunikation. Und doch: genau die Kommunikation, die früher ausschließlich mündlich kabeltransportiert wurde, findet heutzutage auch schriftlich statt – aufgrund allgemeinen Wertewandels vermutlich sogar noch um einiges intimer, als dies über die Telefonleitungen früher passierte. Ob über Sex, Krankheiten, Geldnöte oder Zukunftsplanungen: die Kommunikation über das Netz ist sehr privater Natur. Private Chatfenster, Direkt- und Kurznachrichten (ja, auch SMS gehört zu diesem Phänomen dazu) simulieren 1:1-Kommunikation. Hier wird oft unverschlüsselt ausgetauscht, was nur zwei Menschen etwas angeht.

Wer verstehen will, warum die Privatsphäre, die informationelle Selbstbestimmung ohne Abhörangst, die Wichtigkeit der uninfiltrierten Kommunikation für diese Generation so zwiespältig in ihrer tatsächlichen Nutzung und zugleich so wichtig ist, muss das berücksichtigen. Jeder Eingriff in Telekommunikationsinfrastrukturen ist heute auch ein Frontalangriff auf die Intimsphäre.

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Linktipp: Verfassungsblog.de

Maximilian Steinbeis, Autor und früher beim Handelsblatt, bloggt jetzt unter Verfassungsblog.de. Ich bin gespannt.

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Keine Links, 2, 3, 4

Ein Lied geht um die Welt. Ups! Aber das sollte es noch gar nicht!

Was einmal im Internet ist, ist nicht mehr einzuholen. Das hat nun auch das Management der deutschen Rülpsrockband Rammstein erkannt, die sonst eher Nichtmuttersprachler mit ihrem germanischen Gegröle erfreut, die die mit wahnsinnig intelligenten Texten auf dem Niveau von Leid ist meine Maid, ihr Leib mein Laib: Brot, Tod. (Faketext) höchstens fragmentarisch verstehen.

Jetzt sind die Banalitätsbarden bzw. ihr wunderbares Management auf dem Weg dazu, das neue Metallica zu werden: jeder, der zuviel über diesen Song, dessen leaken usw. schreibt, wird laut Berichten versucht mit Rechtsmitteln einzufangen. Lars Ulrich ist sicher stolz auf sie.

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Sparbeitrag: Verlage, Journalisten, Internet

Bitte einmal hier klicken, dann hier , da, da auch und dann dort. Was ich davon halte, habe ich bereits hier gesagt.

Wer dann noch nicht genug hat, kann sich hernach noch der Zitatensammlung Michael K. widmen. Hinter den Links verbergen sich übrigens oft ganz Beiträge.

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Erkenntnis der Woche: Blogger

Sind gar keine besseren Menschen. Sie können nicht mal besser so tun, als ob.

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Freiheit statt Angst-Trailer von Wortfeld

Alexander von Wortfeld.de (ich finde, sowas sollte man anstelle von klassischen Adelstiteln als Namensbestandteil einführen) hat einen sehr netten Trailer für die “Freiheit statt Angst”-Demo fabriziert.

Freiheit statt Angst - der Trailer from Alexander Svensson on Vimeo.

Das steht in guter Tradition diverser sehr netter kurzer Videos, die er im Laufe der Zeit so bastelte. Ich finde ja “Planet unter Beobachtung” nach wie vor ganz, ganz klasse:

Planet unter Beobachtung from Alexander Svensson on Vimeo.

Ich wünscht, ich hätte ähnliches Videotalent.

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Too small to meter

Dankenswerterweise muss ich mich bei Chris Anderson nicht beschweren. Ich habe in U- und S-Bahn sein neues Buch “Free” gehört. Das Hörbuch war umsonst, in jederlei Hinsicht. Der Zeitaufwand war glücklicherweise “too small to meter”, um Andersons Kernthese zu verwenden.

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Missverständnis 2.0: Es ist doch gar nicht für uns…

Der eine oder andere in der Blogosphäre, der ein oder andere geschätzte und weniger geschätzte Twitterer hat seit gestern gejammert, gezetert, gejault oder einfach nur den Kopf geschüttelt. Was ist passiert? Ein Telefonkonzern hat Werbung vorgestellt. Soweit, so uninteressant. Aber dann vereinnahmt dieser Telefonkonzern in seiner Werbung einige der bekannteren Köpfe der deutschen Blogosphäre bzw. aus einig Deutschlands Twitterland. Das finden viele ziemlich doof.

Was ist da denn passiert? Ist das der Ausverkauf von Idealen? Sind wir alle ungefragt mitverkauft worden? Werbespots sehe ich wenn überhaupt mal im Kino. Mein Internet zeigt mir sowas nämlich nicht, wenn ichs nicht unbedingt will. Menschen mit einer gewissen Popularität, die Aktivitäten nachgehen, die derzeit als populär gelten, haben sich also von einer populären Werbeagentur zur Bewerbung für mich uninteressanter Produkte einspannen lassen. Die Werbeagentur hat alles inszeniert und durchproduziert, nichts ist authentisch und alles schrecklich steril. Also die ganz normale Perversion von Popkultur. Und damit auch konzeptionell einfach so alt, dass es mir am Popo vorbeigeht. Kein Grund zum Grienen. Und jetzt hab ich doch drüber geschrieben. Hm.

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Schön ist’s in diesem Internet

Mir sind Daten und ihre Verwendung wichtig. Ich gehe in meinen Augen bewusst mit meinen persönlichen Daten um, ich versuche andere Menschen dazu zu bewegen, jedes mal abzuwägen ob eine Preisgabe sinnvoll ist. Und ich bin ein ziemlich intensiver Internetnutzer. Wie geht das zusammen?

Vorweg: ich weiß nicht, ob es wirklich zusammengeht. Natürlich hinterlasse ich dauernd, immer wieder und an vielen Stellen Daten. Google weiß vieles über mein Verhalten im Internet. Zum einen, weil ich die Qualität der Suchmaschine schätze. Zum anderen, weil an vielen Stellen im Internet Google-Ads geschaltet werden oder Google Analytics zur statistischen Auswertung der Besuche und Besucher benutzt wird. Doch was weiß Google wirklich über mich?

Die Suchmaschine spuckt eine Menge Treffer zu meinem Namen aus (Sorry übrigens an meine beiden Namensvettern, Ihr werdet Euch in Eurem Leben noch häufiger für meine Suchtreffer erklären müssen, trotz des nicht sonderlich gebräuchlichen Namens. Das vornehme Recht des internetältesten Namensträgers, die Ergebnisse zu dominieren, muss ich irgendwann auch mal betrachten). Was erfährt man da? Wo ich im Internet existiere. Manchmal, wo ich im Internet diskutiere. Und hin und wieder sogar, was ich im Internet äußere.

Aber, bin das eigentlich ich? Nun könnte ich behaupten: der Ganze ist mehr als die Summe seiner googlebaren Teile. Und das stimmt. Aber man kann mich im Internet sicherlich von einer ganz bestimmten Seite kennenlernen.

Ich äußere mich viel und gerne online. Doch für die meisten Menschen wird es kryptisch bleiben, was ich fabriziere. Was ich tue, was ich denke, was ich möchte und was mich berührt - all das sind Dinge, die man nur aus dem Kontext des Kennens richtig erfassen kann. Manchmal wähle ich Ausschnitte aus und veröffentliche sie. Fragment. Die meisten meiner Leser hingegen kennen mich genauso schlecht, wie ich sie. Und das ist irgendwie doch schön.

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Der Dieter von der traurigen Gestalt

Es ist ein zum Scheitern verurteilter Versuch: Stefan Niggemeier versucht, Dieter Gorny zu verstehen.

Gorny, die personifizierte Musikindustriekrise, der Übervater des NoChange-Management-Gedankens, der Popularmusikvertriebslobbyist, ist ein stetiger Begleiter. Und so schaurig traurig, dass es einem kalt den Rücken runterrieselt.

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