nicht mehr, nicht weniger.Beiträge-Feed Kommentare-Feed

Archive for the 'Rechner und Netz' Category

Schreibwarenhandel, dritter Stock

In den USA und Großbritannien diskutiert man über bessere Datenschutzgesetze. Mein TACD-Kollege Marc Rotenberg von EPIC hat beim Economist die Argumentation für stärkere Datenschutzgesetze übernommen. Ich durfte nun einen Gastbeitrag zur Debatte beitragen, habe dabei die deutsch-europäische Perspektive vertreten.

No responses yet

Der Egotainer als Alleinunterhalter 2.0

Vielleicht hab ich einfach nur keinen Humor. Oder ich bin zu arrogant, verwöhnt, kritisch. Aber ich mag die ganzen Spaß-Twitterer langsam nicht mehr. Diese Mario Barths des digitalen Alltags. Die nur und ausschließlich lustig sein wollen. Die keine Inhalte haben außer der nächsten Pointe, so mies sie auch sei. Die in ihrer Selbstbespaßung (aka Egotainment) um etwas Aufmerksamkeit heischend wirken, wie der Radiosidekick mit seinen schlechten Witzen am Morgen - weshalb ich das Radio abgeschaltet habe.

Die meisten von ihnen wirken so traurig, wie ein Alleinunterhalter auf einer Landhochzeit, ein Clown in einem Kinderzirkus. Trifft man sie dann im realen Leben, bestätigt sich das Urteil meist. Irgendwie ist es mir lieber, wenn Menschen, die auch andere Inhalte haben, auch mal einen Witz machen. Und nicht mit ihrem digitalen Alter Ego auf Fav-Jagd gehen müssen. Alles andere ist Timelineverschwendung. Aber nur für mich.

2 responses so far

Schlaumeiern für Schlaumeier

Stefan Niggemeier findet heute im Bildblog heraus, dass viele von Bild befragte Prominente keine Ahnung von GoogleStreetView haben. Das ist mir beim Durchklicken heute auch schon aufgefallen, und das finde ich in vielen Dimensionen durchaus schade. Aber fast noch etwas mehr bedauere ich, dass ihm dabei selbst ein paar Fehler in der Freude über die der anderen unterlaufen sind.

Die Antworten vieler Leute, die “Bild” zu Wort kommen lässt, zeigen vor allem eines: Wie wenig die Befragten über das Angebot wissen. Viele scheinen zu glauben, dass es aus Live-Aufnahmen besteht, dass Google quasi rund um die Uhr die ganze Welt überwachen lässt. Das ist nicht der Fall. Zudem werden Personen und Autokennzeichen auf den Fotos unkenntlich gemacht.

Nein, Personen werden nicht unkenntlich gemacht. Sieht man auch sehr schön an den Nachbarländern, in denen Google StreetView bereits gelauncht hat. Es werden Gesichter verwischt, nicht mehr, nicht weniger. Im Datenschutz spricht man von personenbezogenen Daten, nicht gesichtsbezogenen. Hat vielleicht einen Grund. Die Bedenken der Sonnenbadenden könnten aufgrund des restriktiven US-Jugendschutzes allerdings trotzdem unbegründet sein, ich weiß jedoch nicht ob Google “Fleischfilter” einsetzt.

Wie es Google schafft, von der öffentlichen Straße aus Dinge zu sehen, die für andere nicht einsehbar sind; ob die Firma nach Ansicht des “Bild”-Mannes spezielle Kameras hat, die durch Mauern fotografieren können, oder ob sie eigene, sagen wir: “Leser-Reporter” dafür einsetzt, bleibt offen.

Das Geheimnis liegt in der Kamerahöhe. Google - und das wird von manchen als nicht mehr von der Panoramafreiheit gedeckt angesehen - filmt eben nicht von einer normalen, ohne Hilfsmittel erreichbaren Höhe aus. In Berlin sind zum Beispiel Mauern und offene, sockelfreie Einfriedungen nur bis zur Höhe von 2 Metern weitgehend unproblematisch errichtbar. Da filmt der Laden halt einfach man drüber wech…

* Ob BildBlog sich nach Einführung eines Leistungsschutzrechts derartige ausgiebiges Zitieren noch leisten könnte, wage ich zu Bezweifeln

8 responses so far

Pro Netzneutralität

Heute hat eine Gruppe von Netizens aus verschiedensten Bereichen einen Aufruf für eine gesetzliche Festschreibung der Netzneutralität gestartet. Der Aufruf hat von vornherein meine Unterstützung bekommen und ich freue mich über jeden, der ihn mitzeichnet.

Ohne Netzneutralität würde zunehmend eine Priorisierung durch die Internetanbieter stattfinden, entweder von eigenen Angeboten oder von Angeboten, die es sich leisten können, den privilegierten Zugang zu erwerben. Exklusive Partnerschaften zwischen Unternehmen würden zunehmen und gleichzeitig den wichtigen Grundsatz des freien Zugangs zum Internet künstlich beschränken. Die fatale Konsequenz: Statt Qualität, Sicherheit und Kreativität diktiert das Geld, welche Angebote im Internet nutzbar sind und welche nicht. Datenpakete würden nicht länger wie heute in den überwiegenden Fällen unabhängig von Inhalt und Anwendung gleichberechtigt übertragen werden.

Der Aufruf sagt nicht exakt, wie Netzneutralität festzuschreiben ist. Aber eine Idee dafür gibt es zum Beispiel in der Resolution, die die Kollegen im Transatlantischen Verbraucherdialog (TACD) formuliert haben. Auch hieran habe ich beruflich mitgewirkt.

Heute wird in der Diskussion manches Mal so getan, als ob die Frage der Netzneutralität beim bislang nach wie vor nicht weit verbreiteten (Ausnahme Mobilnetze) IPv6-Standard schon eindeutig entschieden sei und nur “layerinterne” Netzneutralität noch möglich sei. Das sehe ich anders: selbst ein Blick in das 12 Jahre alten RFC2460 zeigt mir keinerlei Muss für den Einsatz von Flow Labels anders denn zero oder für unterschiedliche Traffic Classes. Die mir bislang beschriebenen Szenarien für ein mögliches Priorisierungsmuss zulasten anderer Inhalte musste ich leider als höchst irritierend klassifizieren.

So ist mir zum Beispiel zugetragen worden, dass fehlende Priorisierung zum Beispiel ernsthafte Auswirkungen bei telemedizinischen Anwendungen oder auch die Gefechtsinformationsübertragung über IP habe, da diese zeitkritisch seien. Abgesehen davon, dass ich keine Sekunde zögere zu glauben, dass der erste Bereich, in dem alle Header als “zeitkritisch” gemarkert würden wohl die Erotikbranche wäre, deren Kunden im Internet schon immer sehr zeitkritisch Anwendungen benötigten, dürfte auch klar sein, dass, wer an zu dünner Leitung hängend telemedizinische Anwendungen durchführt, fast schon bedingt vorsätzlich oder zumindest fahrlässig Körperverletzung betreibt.

Um mich davon zu überzeugen, dass es anders sein könnte, warte ich also auch weiterhin auf stichhaltige Argumente (dass man erst glaubt, dass Triple-Play ein attraktives Angebot sei, dann feststellt, dass man den PayTV- und Kabelanbietern zuwenig Kunden abjagen kann, das ist jedenfalls keines, was ich gelten lassen könnte).

Ja, Netzneutralität ist eine gesamtgesellschaftlich-politische Frage. Wenn nach der lustigen “Code is Law”-Formel (auch bekannt als Code is Code-Tautologie) oder hier vielmehr Standard = Law sein soll, dann sind der Standard IPv6, seine Verwendung in Next Generation Networks (NGN) und damit seine Interpretation so wie sonstiges Recht auch an den gesellschaftlichen Willen zu binden. Hierfür bedarf es einer breiten gesellschaftlichen Debatte und genau hierfür ist die Initiative Pro Netzneutralität ein Impuls an alle Beteiligten und Betroffenen: nicht hinter verschlossenen Türen, auf der offenen (Internet-)Bühne muss dieses Thema besprochen werden. Mit Providern, Nutzern, Regulierungsbehörden, Politikern, kurzum: allen. Viele behaupten, kein Interesse daran zu haben, die Netzneutralität aufzugeben. Manche argumentieren, dass der Markt es schon regeln werde. Und wieder andere fassen sich nur noch an den Kopf und fragen sich, ob man derartiges angesichts des Google/Verizon-Geschehens heute wirklich noch locker-flockig in den Raum werfen kann. Ich freue mich auf die anstehenden Diskussionen. Und dies hier ist übrigens mein ganz privates Blog, daher gibt es auch keine Meinungs-Automatismen.

12 responses so far

Freitagswissenschaften


Twitterer sind die einflussreichsten Internetnutzer … hat das Unternehmen Exact Target mit der Befragung von 1500 Twitterern herausgefunden.

Gut, dass wir drüber gesprochen haben. Amerikanische Marketingunternehmen haben herausgefunden….

(Dieser Beitrag basiert auf einer presseerzeugnisverwandten Publikation und verfolgt keine gewerblichen Absichten. Dennoch könnte das zur Debatte stehende Leistungsschutzrecht für derartige Beiträge ein Problem werden.)

One response so far

Spendenkübel

Die Blumenkübelwelle von gestern ist durch (und hat Spaß gemacht, mehr dazu im englischen Blog).

Wer dem Antoniusstift nun zum Beispiel für einen neuen Blumenkübel etwas spenden mag, kann hier gerne einen Kommentar mit E-Mailadresse hinterlassen. Ich habe mir von ihnen die Kontoverbindung geben lassen und schicke diese bei Interesse gerne zu. Die Zuständigen wollen die Adresse aber nicht direkt im WWW sehen, daher dieser Weg.

Und wer dann doch lieber für etwas Internetaffineres spenden will, der kann das übrigens hier tun.

No responses yet

Ausschnitt vom Arbeitsplatz

Nein, ich arbeite jetzt nicht im Supermarkt.

Wir haben heute diesen kleinen Spot veröffentlicht, den andere umgehend auf YouTube eingestellt haben und auch bei Facebook hab ich ihn schon gesehen. Was wir recht wichtig als Begleittext finden, das Video jedoch überfrachtet hätte:

Im Internet werden Nutzer oft vom mündigen zum gläsernen Verbraucher gemacht. Sie verlassen sich dabei manchmal auch auf Anbieter, die dieses Vertrauen nicht rechtfertigen. Der Spot des Projekts „Verbraucherrechte in der digitalen Welt“ des Verbraucherzentrale Bundesverbandes soll Internetnutzer darauf aufmerksam machen, dass sie viel häufiger „nackt“ dastehen, als es ihnen bewusst ist. Dabei ist klar, dass hierdurch nicht die Anbieter aus der Pflicht entlassen werden können.

Dazu bedarf es aber auch der Hilfe der Verbraucher: Wer seine Rechte kennt und sie gegenüber den Anbietern gegebenenfalls geltend macht, hilft allen Internetnutzern, künftig vielleicht doch häufiger zu Recht vertrauen zu können. Was Verbraucher für den bewussten und selbstbewussten Umgang mit dem Internet wissen sollten, fasst der Verbraucherzentrale Bundesverband auf der Webseite www.surfer-haben-rechte.de kompakt und leicht verständlich zusammen.

Es lohnt sich übrigens sehr, den Spot mehrfach zu schauen. Zum einen, um danach einen wirklich fiesen Ohrwurm zu haben. Zum anderen, weil man ihn beim zweiten Mal wirklich anders sieht.

No responses yet

Internetthesen

1. Me too.

2. Das Internet ist da.

3. Viel Spaß damit.

3 responses so far

10.000 Tweets später

Ich hab keine Ahnung mehr, warum genau ich damit angefangen habe. Es kam mir sicher interessant vor und ein recht praktisches Interface, um auf dem Laufenden zu bleiben. Damals, am 03. Mai 2007. Ich haderte zu der Zeit oft mit RSS und der Frage, wie man derartige Techniken für den Journalismus und das Veröffentlichungswesen besser nutzbar machen kann. Bis heute ist beides nicht ganz aus meinem Interessenfokus verschwunden. Aber weniger zentral. Twitter hat einen Großteil meiner aktiven Suchtätigkeit auf die Schultern anderer abgewälzt. Ich surfe definitiv weniger, verlinke dafür mehr öffentlich.

Gelitten hat dabei mein Blog. Hier kommt nur noch selten etwas. Dann, wenn ich denke, dass es mehr bedarf als einer kleinen 140-Zeichen-Nachricht. Wenn ich ohne Limit in die Tasten greifen möchte. So richtig zufrieden bin ich mit dem Angebot aus San Francisco aber trotzdem nicht: statt Listen hätte ich viel lieber eine Ignore-Funktion, eine Art Blacklist. Für Begriffe wie Justin Bieber, für #bsf, #dsds, #tatort und noch so ein paar einschlägige Interessiertmichnicht. Soll sich doch jeder drüber unterhalten, auch die Menschen, die ich sonst lesen mag. Aber das würde die Nutzbarkeit doch deutlich erhöhen.

Twitter ist im Laufe der Zeit deutlich erwachsener geworden. Der anfängliche Nerdspielplatz mit der sinngemäßen Frage “Was tust Du eigentlich hier?” wird inzwischen für ernsthafte und erbittert geführte Debatten gleichermaßen genutzt wie für die klassischen Aufregereien, sinnloses Gebrabbel und - nicht zuletzt - jede Menge Egotainment. Es ist stattdessen relativ normal geworden. Die Community ist groß geworden. Nicht jeder kennt um maximal eine Ecke jeden Twitterer in der gleichen Millionenstadt. Und das ist mit Sicherheit nichts schlechtes. Nur das mit der zentralen Plattform, der fehlende Ignorefunktion und der Frage nach dem Geschäftsmodell, das ist nach wie vor suboptimal. War es aber vor 10.000 Tweets auch schon.

No responses yet

Collaboratory-Bericht zu Innovationskultur und Gesellschaft

In den vergangenen Monaten habe ich mich - soweit es der enge Zeitplan zuließ - am von Google gesponsorten und von Max Senges von Google initiierten “Collaboratory Internet & Gesellschaft” beteiligt.

In einem bunt gemischten Kreis aus Wissenschaftlern, Wirtschafts- und Interessenvertretern, Netizens und anderweitig hierfür qualifizierten Personen haben wir in einem ersten Schritt einen Fragebogen zum Thema Innovationskultur und Gesellschaft erarbeitet. Angelehnt an die “Pew Internet & Life Future of the Internet”-Studien haben wir pro Frageblock zwei Extrema ausgearbeitet, die zum Nachdenken und Stellung nehmen aufforderten. Die so entstandenen Extrempunkte wurden zur Diskussion unter per Schneeballsystem durch die Teilnehmer angeschriebene bzw. über ihre ‘normalen digitalen Kommunikationskanäle’ dazu aufgeforderten Menschen gestellt. Kernpunkt war aus meiner sicht dabei nicht, sich für eine der beiden Optionen zu entscheiden. Das hatten wir ja auch absichtlich schwer gemacht. Sondern eine Tendenz anzugeben und darüber hinaus qualitativ zu begründen, vielleicht auch die getroffene Selektion dadurch einzuschränken.

Dabei haben eine Menge Menschen mitgemacht. Daraufhin hat der Collab-Kreis die Antworten - über 500 - nach einem einfachen Muster ausgewertet: was waren die Kernpunkte oder besondere Aspekte, die die Teilnehmer benannt haben? Die Ergebnisse dieser Befragung sind jetzt nachlesbar. Sie sind nicht repräsentativ und auch was die Methodik angeht haben wir im Laufe der Zeit noch einiges dazulernen können. Aber ich find die Antworten überaus interessant. Und sie zeugen von einer Menge Verstand dort draußen. Der Kreis des Collaboratory hat wirklich schöne Diskussionen führen können - und sich von den Antworten der Teilnehmer dann auch zeigen lassen können, dass Crowds definitiv weitere Mehrwerte beibringen können.

No responses yet

Leistungsschutzrecht

Es ist ja immer eine nette Idee, Ideen einfach auch anders herum zu denken: was wäre eigentlich, wenn Suchmaschinenbetreiber, PR-Meldungsverfasser, Wikipedia und alle anderen, die für die journalistische Arbeit heute Standard sind, von den Verlagen Geld für die gewerbliche Nutzung ihrer Angebote verlangen würden?

One response so far

Etwas besser surfen: Firefox-Reinstecks

Eigentlich fände ich es ja sehr schön, wenn ich etwas weniger administrativen Aufwand mit dem schlichten Betrachen von Internetseiten hätte. Aber nein, das scheint unmöglich zu sein. Daher: ich verwende derzeit Firefox mit NoScript- (wg. Diversen), BetterPrivacy- (wg. LSOs), User-Agent-Switcher (um auch mal als Googlebot rumzusurfen). Und seit gestern nutze ich dann auch noch das hier: https-everywhere, was Verbindungen bei vielen Plattformen auf Verschlüsselung erzwingt, denen meine Daten weniger wert sind denn ihre Serverlast.

Wenn Firefox dann irgendwann auch etwas weniger speicherhungrig wird, bin ich fast schon zufrieden für meinen Privatbedarf.

One response so far

Herrjeh, FAZ.net!

Es gibt da einen Menschen, mit dem ich mich eigentlich immer nur streite, wenn ich ihn treffe. Der heißt Michael Seemann, im Internet eher mspro. Zum Beispiel auf Twitter. Einmal hätte ich ihm fast behelfsweise die Hand zum Mund geführt. Ich schätze ihn manchmal, weil er sich Gedanken macht.

Er hat das jetzt leider mal vergessen, wenn ich seinen Schilderungen folge. Er hat in seinem FAZ-Blog Ctrlverlust Bilder verwendet, die er so nicht hätte verwenden dürfen (falsche CC-Lizenz). Soweit, so Alltag. Soll auch schon Printbildredakteuren passiert sein: huch, hatte man gar keinen Vertrag mit dem Knipser oder seiner Agentur. Raus damit, ab dafür: Problem erledigt, evtl. entsprechende Bildhonorare und Strafen nachliefern und nicht wieder machen.

Aber nun ist das Blog gelöscht. Pardon, gesperrt. Weil er sich der Redaktion widersetzt habe, schreibt Michael Seemann. Er hat wohl ohne Rückfrage nach erfolgter Bildentfernung sein Blogposting wiederveröffentlicht.

Ich staune. Er hat bei FAZ.net gebloggt, gegen Geld. Seine Beiträge waren verschwurbelt. Inhaltlich für mich nicht zutreffend. Aber nie im Leben hätte ich gedacht, dass es eine Redaktion gibt, die meint, bei diesem Blog entscheiden zu müssen, was da erscheint. FAZ.net macht sich gerade lächerlich - und zeigt mir zugleich, dass nicht alle Angestellten der Marke, hinter der so viele kluge Köpfe stecken sollen, diesem Anspruch wirklich gerecht werden. Der Verlust von Ctrlverlust ist verschmerzbar. Das offenbar geworden schlechte Minikrisenmanagement bei FAZ.net jedoch nicht. Kann es sein, dass man diese per Order von ganz oben zu ihren bezahlten Blogs gekommenen am Main eigentlich gar nicht so gerne haben wollte? Und nur nach einem Grund gesucht hat? Nein? Dann ist ja alles gut. Dann kann das Blog ja wieder online gehen. Und die anderen. Und FAZ.net sich zu den Vorkommnissen äußern.

Diesen Beitrag kann ich dann auch einfach wieder löschen. Kann.

16 responses so far

Ein bisschen besser als Flattr?

Vor etwa einem Jahr saß ich in meiner Küche, skizzierte eine Plattform für eine konvertible Aufmerksamkeitswährung. Kurz vorher hatte ich aufgehört, an einer Idee für ein Berlin-Onlinemagazin zu arbeiten. Der Grund war: die ökonomischen Rahmenbedingungen bieten momentan nicht das, was mir eine Umsetzung erlauben würde - erst recht nicht auf eine Art, die einen mir passenden Weg ermöglicht hätte. Ich wollte keine Abo-Modelle, keine eingemauerten Bezahlinhalte, nicht Anzeigen als Inhalt verkaufen müssen oder ähnliches. Daher war der erste Schritt, mir ein paar Gedanken über eine Verbesserung der Infrastruktur zu machen.

Die ersten Gedanken waren etwa das hier: normalerweise bezahlen wir im Netz mit unserer Aufmerksamkeit. Aber Aufmerksamkeit selbst hilft nicht beim Zahlen der Miete, nicht einmal für das Essen. Selbst in schwerst Link-Empfehlungs-basierenden Onlineumgebungen wie Twitter oder Facebook sind die meisten damit glücklich, dass sie etwas ‘kostenlos’ bekommen, sagen aber zugleich auch gern, dass die für manches bezahlen würden wenn es einen einfachen Weg dafür geben würde.

Ich hab einige Jahre als Journalist gearbeitet. Meine schwierigste Geschichte musste ich auf einem Blog veröffentlichen und hab keinen einzigen Cent mit ihr verdient, meine üblichen Abnehmer hatten kalte Füße bekommen. Sie spülte innerhalb einer Woche im Jahr 2006 durch reine Mund-zu-Mund-Hinweise 30.000 Unique Visitors herein. Es muss also einen Weg geben, all jenen, die wirklich etwas für ihre Nutzer, Leser, Hörer tun, eine einfache Möglichkeit zu geben um etwas Geld zu erhalten. Und gleichermaßen noch denen eine mitzugeben, die bis heute nichts vom Netz verstehen.

Um die Sache abzukürzen: Ich dachte an eine Plattform bei der:

1. die Nutzer sich mit E-Mailadresse und entweder Kreditkartendaten oder Bankverbindung für Lastschrifteinzug registrieren können.
2. die Anbieter sich für Ihren Teil des Kuchens registrieren können.
3. Anbieter sich dafür registrieren können, nicht in Anspruch genommenes Geld zu bekommen (Erklärung folgt gleich)

You may call me Scribbleangelo now. Well. Not. on Twitpic

Für die Nutzer wäre das System einfach: man sieht im Netz etwas, was einem gefällt. Man entscheidet: das ist etwas, für dass ich einen bestimmten Betrag zu zahlen bereit wäre. Vielleicht fünf Cent, vielleicht einen Euro, vielleicht zehn. Mehr als 20 sollte pro Seite nicht möglich sein, um Betrug vorzubeugen. Es ist also mehr oder weniger wie Bookmarks mit einer Zahl.

Am Ende des Monats erhält man eine Mail mit den Details zu den Zahlungen und der Möglichkeit, die Beträge zu ändern oder auch wieder abzusagen (vielleicht hat man ja zwischenzeitlich rausgefunden, dass der Blogger, dem man etwas zukommen lassen wollte, Millionär ist und das Geld besser woanders hingehen sollte).
Man entscheidet also, wieviel man zahlt, wer das Geld bekommen sollte und sie liefern eine bestimmte Webadresse an die Datenbank.

Für Inhalteanbieter muss das System ungleich komplexer sein: man kann den Besitz seiner Inhalte mit einem dem Technorati-Verfahren ähnlichen Mechanismus anzeigen - man registriert sich, dann erhält man ein personalisiertes Bildchen und legt das auf seinem Server im höchsten Verzeichnis ab, für das man verantwortlich ist. Dann klickt man auf: meins. Danach werden alle Inhalte unterhalb dieses Verzeichnisses als zu diesem Nutzer gehörig behandelt und alles Geld, was dafür gegeben werden soll, soll bei dem Nutzer ankommen (außer wenn jemand anderes ein Unterverzeichnis als Eigentümer markiert).

Alles Geld von den Nutzern wird dabei von einer Stiftung gesammelt. Ihr einziges Ziel: das Geld wieder loswerden. Entweder dadurch, dass es an die registrierten Eigentümer übersandt wird, oder (wenn keiner es will) auf einem zweiten Weg - eine Art Kuratorium mit reputierten Personen sollte entscheiden, was mit eingegangenem Geld passiert, beispielsweise durch Stipendien für Journalismus, für Kunst oder um auf anderem Wege denen zu helfen, die für die Netzöffentlichkeit produzieren. Nur die Verwaltungskosten der Stiftung sollten durch etwas von dem nicht in Anspruch genommenen Geld gedeckt werden.

Nun gibt es Flattr und Kachingle. Anfang des Jahres habe ich Peter Sunde versucht zu kontaktieren, der hat nicht reagiert. Da ich denke, dass es keinen Platz für einen weiteren Mitbewerber in dem Markt gibt und mir die Zeit fehlt, das an den Start zu bringen, habe ich beschlosen das nun abzuschließen und meine Gedanken und Ideen einfach zu veröffentlichen. Wem es gefällt, der sollte anderen davon erzählen und sie vielleicht ein bisschen in die Richtung drücken, von der ich dachte, dass es die Richtige wäre.

2 responses so far

Anstrengend, aber schön: Wenn sich die Timeline materialisiert

Zum Abschluss der re:publica 2010 habe ich am Freitag ein Experiment gewagt: Wenn man im Keller anfängt, sich durch den Hof und dann den Innenraum durch bis zur Theke höflich von all jenen verabschiedet, die einem in den letzten Tagen gute Diskussionen, gute Unterhaltung oder schlicht gute Laune bereiten konnten, dann benötigt man wie lang…? Das Ergebnis lautet: etwa zwei Stunden.

Die re:publica ist ein wunderbarer Kongress für mich. Ich war jedes Mal dort, selbst wenn ich zwischendurch den Job gewechselt habe, und jedes Mal habe ich dort viele Menschen getroffen, bei denen es sich lohnte, zuzuhören, sich mit ihnen zu streiten oder auch zu einigen. Dort gibt es ein ganz hervorragendes Gefühl: nicht bei Adam und Eva anfangen zu müssen. Hier muss man niemandem erklären, warum Twitter faszinierend ist. Auch wenn längst nicht alle der Anwesenden es nutzen. Was ein Trackback ist. Auch wenn längst nicht alle Besucher aktive Blogger sind. Dass nicht alles, was man im Netz macht, auch einen direkten ROI haben muss. Hier ist kaum einer, der glaubt, dass das mit dem Internet auch wieder vorbeigehen würde.

Ein für mich sehr schönes Beispiel war mein eigener kleiner Vortrag zum Thema “Ihre Daten für unsere Zukunft? - Verbraucherschutz in der digitalen Welt”, in dem ich vorgestellt habe, warum Verbraucherschutz auch im Internet eine wichtige Rolle spielen muss. Dort saß auch die Anbieterseite, namentlich Vertreter von Google, den VZ-Netzwerken und Qype und diskutierte eifrig mit, zum Beispiel zum Thema Datenschutz. Wenn ich mir vorstelle, wie diese Diskussion an anderen Orten ausgesehen hätte, bin ich froh, sie dort geführt zu haben.

Was wäre so ein Kongress wie die RP10 ohne ihre gefühlt Abermillionen kleinen Gespräche? Wahrscheinlich nichts. Ich hatte häufig meine Schwierigkeiten, geplante Programmpunkte und die guten Gespräche unter einen Hut zu bringen und werde versuchen, mir noch einiges im Nachhinein anzuschauen.

Viele der Themen waren ernsthaft - zum Beispiel die Vorträge von Evgeny Morozov oder Peter Kruse, aber auch der ganze Netzneutralitätstrack mit verschieden gut besuchten Vorträgen und Diskussionen. Manche Veranstaltungen gingen leider etwas unter. So war die Idee, die Best of Blogs-Awards der Deutschen Welle in die re:publica einzubinden, eine wirklich gute. Sie hätten deutlich mehr Aufmerksamkeit und Hinweise auf sie, aber auch weniger Hetze in der Darbietung vertragen: die Gewinnerblogs wurden kaum vorgestellt, was ihnen mit Sicherheit nicht gerecht wurde. Dabei steckten dort wirklich tolle Sachen drin. Und auch in den kurzen Reden gingen einige bemerkenswerte Punkte viel zu sehr unter: Syeda Gulshan Ferdous Jana aus Bangladesch erwähnte in ihrer Rede zum Beispiel ganz nebenbei, dass von 150 Millionen Einwohnern nur 1,5 Millionen einen Festnetzanschluss hätten - aber 55 Millionen einen Mobilfunkvertrag, weshalb man den Schritt stationäres Internet in der Entwicklung wohl einfach überspringen würde. Und die Iranerin Farnaz Saifi berichtete von den Schwierigkeiten im Iran, nicht zuletzt deshalb, weil westliche Firmen das Zensur-Equipment liefern. Dazu gehört nach ihrer Aussage auch der republica-Sponsor Nokia. Das ist relevant.
Dass der von mir geschätzte Ilja Kabanow aus Nowosibirsk für metkere.com den BOB für das beste russischsprachige Blog erhalten hat, hat mich übrigens sehr gefreut.

Was bleibt also? Ich für meinen Teil freue mich auf jeden Fall sehr auf die nächste Veranstaltung. Viele der in diesem Jahr angefangenen Gespräche werden spätestens dort eine Fortsetzung finden, bei manchen Themen werden wir alle etwas schlauer sein als heute. Wenn sich die Timeline dann im April 2011 wieder materialisiert. Und man am Ende wieder das Gefühl hat, längst nicht mit allen gesprochen zu haben, mit denen man gerne hätte sprechen wollen. Warum so ein Kongress viel besser ist als Chatroulette, haben wir ja auch alle schön demonstriert bekommen.

Das am Anfang erwähnte Experiment endete übrigens abrupt. Dort stellte mir jemand noch jemand neuen vor, ich hatte ein neues Getränk in der Hand und habe den Forschungsdrang aufgrund vorliegender Ergebnisse für beendet erklärt. War noch ein sehr interessantes Gespräch.

5 responses so far

Vorab zur Enquete

Nun wir es also zu “Internet und digitale Gesellschaft” eine Enquete-Kommission geben. Das heißt auf Deutsch eigentlich etwa soviel wie Untersuchungskommission. Sie soll also etwas untersuchen, etwas herausfinden.

Herausfinden soll sie laut Antrag eine ganze Menge, das ist normal für Enquete-Kommissionen. Nun ist herausfinden in Ausschüssen aber so eine Sache. Und die beginnt schon mit dem hereinfinden. Für eine Enquete benennen die verschiedenen Fraktion jeweils Sachverständige, in der Regel solche, die ihnen politisch nahestehen. Jede Fraktion entsendet soviel Sachverständige, wie sie selbst auch Parlamentarier entsenden darf. Das richtet sich nach ihrer Größe im Bundestag. Für die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft sind das also 2×6 CDU/CSU, 2×4 SPD, 2×3 FDP, 2×2 Grüne, 2×2 Linkspartei.

Doch was macht so eine Enquete eigentlich? Es gibt einen zugrundeliegenden Antrag. In diesem Antrag wird festgeschrieben, was die Enquete untersuchen soll. Normal auch, dass manche der Arbeitsaufträge politische Färbungen haben. Nun muss sich die Gruppe aus Sachverständigen und Parlamentariern in ihren ersten Sitzungen darauf einigen, was wann wie behandelt wird. Eine Enquete-Kommission darf nämlich ganz schön vieles tun, zum Beispiel öffentliche und nichtöffentliche Anhörungen weiterer Sachverständiger durchführen, Studien in Auftrag geben und so weiter. Sie soll einen Zwischen- und einen Abschlussbericht vorlegen, mit dem dann viel oder auch gar nichts passieren kann. Eine Enquete ist in erster Linie viel Arbeit, in zweiter Linie Öffentlichkeit für wichtige Themen und in dritter Linie unter Umständen auch eine politische Zwischenlagerstätte für politisch schwer zu lösende Probleme.

Man muss und kann sich fragen, wie das alles bei einem Gegenstand wie “Internet und digitale Gesellschaft” aussehen soll. Auch deshalb, weil viele der berufenen Sachverständigen eben nicht die “Aktenfresser” sind, die in einer Enquete gebraucht werden. Ich würde allen zwar Sachverstand aus ihrer Perspektive zutrauen, aber oft nur auf sehr begrenztem Feld. Es ist an manchen Stellen eher ein auf “Prominente Widersacher” denn ein auf Verständigung in der Sache ausgelegtes Gremium geworden. Natürlich ist das einerseits gut. Denn Streit kann bei vielen dieser Themen nicht schaden, Streiten kann bei vielen Argumentationen eigentlich nur weiterhelfen. An anderer Stelle kann Streit aber auch inszeniert werden, um gewisse Dinge entweder dauerhaft in der Enquete zu halten — oder sie aus der Enquete herauszuhalten. Das alles wird sehr spannend.

Ich bin insbesondere gespannt, ob es eine Blockbildung geben wird - und wenn ja, nach welchen Kriterien. So lagen in der Vergangenheit FDP und CDU bei vielen internetpolitischen Themen weiter auseinander als SPD und CDU. Und zugleich stellt sich die Frage, wie sich die “Netizen”-Vertreter in der Enquete, die Wirtschaftsvertreter und die Wissenschaftler zueinander verhalten werden.

Für die Themen hoffe ich, dass es keine Blöcke geben wird, dass die Enquete nicht zur Entsorgung unliebsamer, drängender politischer Probleme missbraucht wird, dass sie sich in ihrer Gesamtheit so stolz und wichtig wahrnimmt, wie es die Digitalisierung als Herausforderung und Chance für die Gesellschaft selbst in sich birgt, dass es kein reines politisches Zänkelgeplänkel wird. Dann wäre es schade um Zeit, Aufwand und sogar um das relativ wenige Geld, das so eine Enquete kostet. Das alles wird noch herauszufinden sein. Entweder durch die Enquete selbst, oder durch ihre Begleitung in Internet und vielleicht auch Medien.

Hoffen wir, dass die Enquete besser weitergeht, als sie gestartet ist - mit parteipolitischen Scharmützeln um den Antrag, um Inhalte desselben, einer sich sperrenden Bundestagsverwaltung wenn es um bessere Beteiligung der Bürger an der Enquete geht… Noch deutet vieles darauf hin, dass die Enquete unter dem gleichen Stern steht, wie die Internetpolitik in Deutschland bislang: leichter Verdacht auf Zahn-, Kopf- und Ziellosigkeit. Aber vielleicht kokettiert man damit ja auch nur, frei nach Wiefelspütz Trallafitti. Komplette Ahnungslosigkeit darf man nämlich dankenswerterweise mittlerweile bei vielen der Beteiligten ausschließen. Und allein das ist schon viel Wert - eine Enquete zum gleichen Thema hätte in der letzten Legislaturperiode ziemlich sicher einem Gruselkabinett geglichen.

(Disclaimer: ich kenne einige der Personen in der Enquete und bin beruflich mit einigen der dort behandelten Themen mehr oder weniger stark in Kontakt.)

4 responses so far

Nachlese Politcamp: Nackenstarre-Rollen

Wenn man mit wenig Erwartung und noch weniger Schlaf in eine Veranstaltung geht, dann kann man nicht sonderlich enttäuscht sein. Bin ich auch nicht. Samstag und Sonntag diskutierten mehrere Hundert Teilnehmer, einige von ihnen Politiker, Mitarbeiter ebensolcher, Lobbyisten, eher wenige Agenturmitarbeiter (da kein großes Wahljahr?), Netizens, Interessierte. Wobei das mit dem Diskutieren so nicht ganz stimmt…

Am Samstag bin ich in einige Veranstaltungen hinein - und aus den meisten auch schnell wieder herausgegangen. Es ist kein Konzept, “Namen” einzuladen. Namen allein machen keine gute Diskussion. Was eine gute Diskussion ergibt, das sind eine gute Moderation, gute Diskutanten (die etwas zu sagen haben und etwas sagen dürfen). Und damit ist auch die Form gemeint: das Politcamp war kein Barcamp, sondern eine Art “frei floatende Konferenz”. Das muss nicht schlecht sein, war aber teils einfach nicht gut gelungen. Klassische Konferenzformate wie Podiumsdiskussionen stellen gewisse Ansprüche an die Akteure. Um die Konfrontation der vergangenen Jahre etwas zu verringern, wäre es oft sinnvoll gewesen, eben keine Konfrontal-Formate zu nutzen. Sondern aufzubrechen. Was aber leider nur wenig stattfand. Schade.

Nico Lumma schrieb nebenan unter anderem etwas, dem ich nur zustimmen kann:

Das Führen einer derartigen Debatte ist zwingend notwendig, aber das passiert nicht, indem wir fröhlich vor uns her twittern und bloggen, auf einige Camps gehen und uns dort immer wieder bestätigen, daß wir alle Recht haben und die anderen nicht.

Mich hat darüber hinaus das Nackenstarre-Phänomen durch die sehr dominante Twitterwall gestört, auch das an amerikanische Konferenzen erinnernde Claqueur-Verhalten bestimmter Teilnehmergruppen. Und ich fand es vor allem sehr schade, dass die Frontalsituation politischen Vertretern den notwendigen Rahmen gab, in dem sie Fragen ausweichen konnten. Den Rahmen, in dem sie sich sicher wohler fühlten, als viele der Teilnehmer. Der Politik eine Heimat geben, das muss auf einer Konferenz die aus dem Netz kommen will nicht notwendig. Sie ist Gegenstand, und ihre Anwesenheit ist so erwünscht wie hilfreich. Aber sie war eigentlich “beim Internet zu Gast”.

Für mich war das Politcamp - wie so viele Konferenzen - also vor allem abseits der großen Diskussionen spannend. Gute Gespräche geführt, nette Leute wiedergetroffen oder kennengelernt, eigentlich eine ganz nette Zeit gehabt. Aber wieder einmal gesehen, dass ein beiderseitig vorhandenes Interesse an Diskussion auf Bühnen und auf Twitter gleichermaßen zu populistischen Verknappungen, Demonstration von Ahnungslosigkeit, der Flucht in den Gemeinplatz und zu Missmut führen kann. Ich sage: jederzeit gerne anders wieder. Aber anders ist wichtig.

One response so far

Sechs steile Thesen - sechs Antwortversuche

Mathias Richel hat “sechs steile Thesen zum Onlinewahlkampf 2009″ gebloggt. Ich find sie nicht sonderlich steil, aber es wichtig, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Erstens:
Onlinewahlkampf funktioniert nicht, weil es keinen Onlinewahlkampf gibt.

Bezogen auf 2009 würde ich dem zustimmen und widersprechen. Ich habe mich noch im Frühjahr 2009 auf einer Veranstaltung von klassischen PR-Agentur-Mitarbeitern und ähnlichen dafür ausbuhen lassen dürfen, als ich gesagt habe, dass wer Onlinewahlkampf ohne Onlinethemen durchführt, scheitern muss. Ein paar Monate später hab ich Recht behalten.
Allerdings hat Onlinewahlkampf stattgefunden, nicht zu knapp - nur: gegen das Netz bzw. dann im Netz gegen die Wahlkämpfer. CDU, CSU und SPD haben sich mit dem Zugangserschwerungsgesetz der Möglichkeit zu einem echten Onlinewahlkampf beraubt, die Grünen haben es nicht geschafft, ihr Abstimmungsverhalten dabei so zu erklären, dass man ihnen glauben würde, dass sie sich vorher angemessen intensiv (aus Netizenperspektive) mit der Thematik auseinandergesetzt zu haben, und auch die FDP hat ihre argumentativen Probleme mit der klaren Koalitionsaussage zugunsten des damaligen netzpolitischen NoGos CDU gehabt - außerdem ein Glaubwürdigkeitsproblem, sobald es um die Frage geht, ob ihre manchesmal netzaffine zweite Reihe letztendlich politisch durchsetzungsfähig ist. Wer das Netz politisch nicht versteht, kann im Netz auch nicht erfolgreich sein.

Denn zweitens:
Eine gute Onlinepräsenz dient vor allem der Aktivierung der eigenen Anhänger und weniger der Überzeugung von Wählern.

Die Onlinepräsenz ist die Parteizentrale, das lokale Abgeordnetenbüro. Preaching to the converted funktioniert hier, will aber gut gemacht sein. Freiwillig dahin verlaufen ist für politisch Unentschlossene fast ausgeschlossen.

Weil drittens:
1000 Tweets nicht ein einziges Gespräch mit dem Bürger am Wahlstand oder den Eindruck auf Veranstaltungen ersetzen können.

Widerspruch. Viele Gespräche an Wahlständen sind Zeitverschwendung. Wer jedoch auf entsprechenden Plattformen sein Profil zu schärfen weiß, weil er intelligenten Diskurs mit dem Gegner, mit Informationen zum aktuellen Geschehen und eigenen Aktivitäten zu verbinden weiß, weil er zeigt, dass er eben nicht “die da oben” ist - der kann gewinnen.

Aber viertens:
Ein Tweet reicht, um zu verlieren, genau wie schlechte Politik.

Auch Tweets können sich versenden - nur ist ihre ewig währende Dokumentation potenziell, gerade auf längere Sicht, ein Fundus für Angriffe.

Deshalb fünftens:
Sollten Parteien zuerst das meist unterschätzte Tool des Internets nutzen: Das permanente Zuhören, bevor sie am meist überschätzten Tool des Internets scheitern: Dem permanenten Dialog.

D’accord. Permanent Campaigning ist kein neues Wort, das Internet ist das beste Mittel dazu.

Darum gilt sechstens:
Zum Zuhören brauchen die Parteien eine dauerhafte, kampagnenunabhängige Internetpräsenz, über die sie zuerst glaubhaft und transparent informieren und dann endlich echte Diskussionen und offene Gespräche zulassen.

Da letztenendes nicht die Parteien, sondern ihre Mandatsträger für die Umsetzung politischen Willens in Gesetze zuständig sind, ist es wichtig, deren Aktivitäten entsprechend abzubilden und sie einzubeziehen. Eine Partei ist ein politisches Vehikel zur Koordination und Aufgabenteilung, so wie ein Flugzeug primär der schnellen Zielerreichung und dem Transport dient und nicht in erster Linie für Luftfahrtingenieure gebaut ist.

2 responses so far

Verlagerung von Internetkriminalität?

“Bei schwerer Kriminalität, die im Internet stattfindet, entsteht aber wirklich eine Sicherheitslücke. Wenn sich das herumspricht, dann wird Internetkriminalität nach Deutschland verlagert.”

sagt Bundesinnenminister Thomas de Maiziére im Interview mit der FAZ zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Vorratsdatenspeicherung.

Da ich de Maiziére bislang als sehr besonnenen Politiker wahrgenommen habe, möchte ich einfach nur darauf hinweisen, dass ich ganz persönlich das für schlicht falsch halte und diese Äußerung ungern zur Kenntnis genommen habe, da sie mich an die Angstpolitik seines Vorgängers ungut erinnert. Sicherheitspolitik muss mit sinnvollem Augenmaß betrieben werden, damit sie nicht zu teurer Symbolpolitik verkommt, die als Kollateralschaden die Freiheit dahinrafft, die zu schützen sie als Aufgabe hat.

Zur Faktenlage: Die Vorratsdatenspeicherung speichert Verbindungen bei Internetprovidern und Mobilfunkverbindungen. Sie ist ein europäischer Sonderweg und auch hier längst nicht überall umgesetzt. Innerhalb der Bundesrepublik funktioniert die Strafverfolgung meist, auch die Judikative tut ihre Arbeit. Ein Ende der Vorratsdatenspeicherung ist für keinen Täter auf der Welt ein verstärkter Anreiz, seine Taten auf dem Grund und Boden der Bundesrepublik Deutschland zu verüben - auch ohne dieses Instrument ist die Gefahr einer effizienten Strafverfolgung für Kriminelle hierzulande zu hoch.

Es entsteht also folgerichtig eben keine Sicherheitslücke und schon gar kein Bedarf, nun übereilt tätig zu werden. Stattdessen muss es eine neue politische Diskussion, möglichst auf europäischer Ebene geben - denn natürlich ist es wünschenswert, wenn mindestens der deutsche Grundrechtsschutz auch den anderen Bürgern Europas bei diesem wichtigen Thema zugestanden wird. Dafür erwarte ich Herrn de Maiziéres Einsatz in Europa.

(Wie bei vielen politischen Themen weise ich noch einmal darauf hin: dies hier ist mein privates Weblog.)

One response so far

Bürogrinsen

Während ich den Livestream zur Einsetzung einer Enquete-Kommission “Internet und Gesellschaft” schaue, habe ich gerade überlegt, wie vor fünf Jahren, aber oft auch noch vor einem Jahr über Netzpolitik gesprochen wurde. Heute reden Abgeordnete über Twitterfeeds, Datenschutz, Netzneutralität, Cloud Computing und vieles mehr. Nun denn, da hat sich schon etwas bewegt, hoffentlich nicht nur beim Buzzwordbingo.

2 responses so far

D’accord, Herr Prantl

.. ist die anlasslose Speicherung von Telekommunikationsverkehrsdaten geeignet, ein diffus bedrohliches Gefühl des Beobachtetseins hervorzurufen, das eine unbefangene Wahrnehmung der Grundrechte in vielen Bereichen beeinträchtigen kann.

Soweit die Richter in Karlsruhe.

Wenn die Totalspeicherung der Telekommunikationsdaten auf Vorrat so gefährlich ist, wie es die Verfassungsrichter beschrieben haben - und sie haben recht mit dieser Beschreibung - dann dürfen sie es bei bloßen Warnungen nicht mehr belassen.

Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung

No responses yet

Die über das Internet schreiben

Das Internet macht dies, das Internet macht das, ist gut für dieses, schlecht für jenes, es kann uns alle ändern (oder auch nicht), es wird uns alle fressen (oder auskotzen), es macht alles zu schnell (und zu langsam, weil zersplittert), es bietet keine guten Informationen (oder zuviele, um diese zu finden, auf jeden Fall aber sind wir alle chronisch überfordert), es frisst unsere Zeit und optimiert uns bis zum Gehtnichtmehr, ja, dieses Internet ist ein wahrlich Wunderding.

Wenn ich mir anschaue, wieviele ach so schlaue Texte, Manifeste, Essays und Aufsätze zum Internet so erschienen sind, fällt mir etwas auf: die meisten davon sind kritisch-distanziert-gezwungen. “Ach, dieses Netz, es überfordert uns alle und mich sowieso, aber wir können ja nicht mehr ohne”, scheinen sie sagen zu wollen. Das ist, mit Verlaub, gequirlter Schrott.

Ich möchte nicht zurück in eine Zeit, in der ich triviale Informationen wie Telefonnummern in Büchern nachschlagen musste, in der ich nicht mehreren Menschen gleichzeitig eine Nachricht schriftlich zukommen lassen konnte, auf die auch wieder alle an alle antworten konnten, eine Zeit, in der nur Privilegierte überhaupt die theoretische Möglichkeit hatten, bei einer breiteren Öffentlichkeit Gehör zu finden. Natürlich ist nicht alles rosig im Zusammenhang mit dem Netz, natürlich ist nicht alles toll, was so eine Gesellschaft in ihrem Wandel produziert. Aber wenn sich in den Feuilletons die Verlorenen aus der Vergangenheit weinend an den Schultern liegen, möchte ich einfach nicht mehr zuhören. Früher war es nicht besser, nur anders. Als nach wie vor relativ junger Mensch würde ich sogar sagen: es ist vieles so schlecht gewesen, dass diejenigen, die über heute so sehr jammern, gestern schon ihr Können und Versagen gezeigt haben.

Und nun hab ich selbst wieder einmal Zeit und Gedanken in diesem Metaflauschsofa verbracht und mich darüber echauffiert, statt die Dinge anzugehen, die mir wichtiger sind als alter Männer wöchentliche Weinattacken. Mist. Naja. Viertelstunde verschwendet.

(Anlass für dieses Stück: der Herr Gelernter in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)

2 responses so far

Petitessen, Petitionen, Politische Problemzonen

Nun ist das Petitionsverfahren wohl weitgehend durch, das Petitionsverfahren gegen das Zugangserschwerungsgesetz, mit dem sich die einen als Kinderschützer profilieren wollten und sich als Community-Manager für die kritische deutsche Netznutzerschaft betätigt haben, fand gestern seine Anhörung.

Ich habe nur Teile davon im Stream gesehen, habe viel dazu auf Twitter mitgelesen und war erstaunt: anders als im teils wütenden Geheul des letzten Spätfrühlings haben sich die meisten, die ich las, ein gewisses Grundmaß an politischem Verständnis zugelegt. Als Max Winde damals schrieb “Ihr werdet euch noch wünschen wir wären Politikverdrossen”, da hat er zum Ausdruck gebracht, was passiert ist und womit viele im politischen Betrieb nicht rechnen wollten. Diese Generation - wobei der Begriff nicht ganz passt, da es keine auch nur halbwegs sauber zu bezeichnende Alterskohorte sondern vielmehr eine Grundaffinität zum Netz ist, die sie beschreibt - ist nicht unpolitisch. Und sie ist nicht gewillt, das was sie zwar diffus aber doch schätzt, nämlich ihre Lebensrealität, unkritisch von Menschen gestalten zu lassen, deren Kompetenzen zwar zur Kenntnis genommen, deren Inkompetenzen jedoch ebenso identifizierbar sind.

Im Netz wird gern und viel zu starken Ausdrücken gegriffen, insbesondere im deutschsprachigen Raum ist die Kultur der Keule eben kein Spezifikum der Politik. Viele Nutzer sind in Debatten mindestens ebenso geschult wie Berufspolitiker - zumindest solange es im Schriftlichen bleibt. Was lange fehlte, war die positive Sprechfähigkeit: zwar ist klar, was man nicht will. Aber andersherum zu sagen, was man möchte, das war lange Zeit selten. Ich freu mich, wenn ich sehe, dass zum Beispiel eines der Urgesteine des deutschen Internets sich inzwischen daran macht, klare Forderungen zu postulieren.

Das ist ein großer Fortschritt, es ist der Wille, Politik nicht reaktiv sondern aktiv zu gestalten - mit dem Wissen um, dem Verständnis für und der Freude an der Zukunft der geschätzten Gegenwart und im vollen Bewusstsein ihrer Unzulänglichkeit. Ich hoffe, dass diese Entwicklung in genau dieser Richtung weitergeht. Und wenn das unter weitgehender Ignoranz mancher Eliten klassischer Prägung geschieht, dann muss das nichts schlimmes sein. Sondern vielleicht einfach nur Produkt der Erkenntnis, dass eigentlich alle nur mit Wasser kochen - und nur sehr wenige mit Olivenöl.

No responses yet

Potenziell vorsichtig, potenziell zuversichtlich

Das Internet verändert rasant unsere Gesellschaft. Ha!
Das Internet stellt die bisherigen Verhältnisse auf den Kopf. Ha!
Die allgegenwärtige Vernetzung und die Operationalisierung aller Handlungen und Optionen in Bits und Bytes bietet enorme Potenziale! Haha!

Okay, liebe Netizens. Seit über zehn Jahren reden wir, ihr, ich, andere, über die großartigen Chancen und Potenziale, die die Digitalisierung für uns bereit hält. Darüber, was für ein großartiges Medium es ist. Was es uns nicht alles tolles ermöglicht. Und was es uns nicht noch alles ermöglichen könnte. Könnte? Ja, könnte.

Nun sind wir Deutschen nicht unbedingt dafür bekannt, dass wir besonders offen auf neues zugehen. Wir kritisieren von Herzen gern, wir dekonstruieren bis ins kleinste Fitzelchen und wenn beispielsweise Stefan Niggemeier nebenan feststellt, dass der deutsche Journalismus das Internet als Feind und nicht als Chance begreift, dann hat er damit verdammt nochmal dermaßen recht. Und auch ich bin einer dieser Moserköpfe, die mit jeder potenziellen Chance auch erst einmal die Risiken bis zum Ende der Vorstellungskraft abwägen wollen. Das deutsche Wort “Vorsicht” hat es bis heute noch nicht in das Wörterbuch der englischen Germanophobie geschafft, obwohl ich es viel deutscher als “Achtung” oder “Hausfrau” finde.

Vor etwa einem Jahr habe ich mir etwas ausgedacht, das ich selbst ganz großartig finde. Das jeder, mit dem ich bislang darüber gesprochen habe, großartig findet. Ich habe weder genug Zeit gehabt noch genug Einwände beiseite geräumt, um es Wirklichkeit werden zu lassen (Hint: es ist eine Kreuzung aus Kachingle und Flattr, die es beide da noch nicht gab. Zielsetzung jedoch war eine andere als bei diesen beiden Projekten). German Vorsicht, here we are. Ich habe es durchkalkuliert, ich habe es mit den richtigen Leuten diskutiert, ich habe es am Ende nicht umgesetzt. Klar könnte ich das noch machen. Aber ich kann es auch einfach sein lassen. Es ist und bleibt: Potenzial. Nicht mehr, nicht weniger.

Wenn ich mir anschaue, was das Netz bislang tatsächlich geändert hat, dann bin ich erstaunt. In erster Linie hat das Netz Dinge verschoben, sie verschnellert und verkürzt. Früher war es nervig und umständlich, ein Produkt zu bestellen oder es im Laden zu kaufen. Heute ist es nervig und umständlich, das gelieferte Paket vom Nachbarn oder der Packstation zu holen. Früher war es schwierig, sich jenseits seiner direkten Peer Group auch einmal auf etwas neues einzulassen. Heute gibt es neue Formen von Peer Groups, mit denen richtig umzugehen wir alle noch nicht gelernt habe. Und all das birgt natürlich riesige Potenziale…

Nehmen wir einmal die Politik. Warum kann ich zum Beispiel mit der Piratenpartei so wenig anfangen? Weil sie in meiner Wahrnehmung unreif ist. Statt sich mit Politik zu beschäftigen, wie sie ist und wie sie sein sollte, konstruiert man sich ein Bild von Politik, wie es sein muss damit die eigenen Lösungsansätze auf jeden Fall erfolgversprechender sind. Und nein, die Piraten bieten in meinen Augen keine Lösungen für die dringlichen Fragen. Sie bieten auf einem eng begrenzten Feld Ansätze um Politik besser zu machen. Ob daraus jemals mehr wird, wird die Zeit zeigen (und ja, potenziell bin ich jederzeit zu einer Neubewertung bereit).

Vielleicht aber sehe ich auch all das falsch. Ich bin derzeit nicht in der Rolle eines außenstehenden Beobachters, ich nehme Teil. Unvoreingenommenheit könnte ich mir zwar anmaßen, mit der Realität hat es auf jeden Fall nichts zu tun.

Was fehlt, ist der Wille, aktiv zu gestalten. Und da gibt es so gut wie keinen Unterschied zwischen On- und Offline: was wünschen wir uns? Was möchten wir erreichen? Ist der status quo das, was man nur etwas optimieren muss? Gibt es Dinge, die grundlegend schief laufen? Wie kann man diese ändern? In welche Richtung? Wieviel Vorsicht, aber auch: wieviel Zuversicht ist notwendig? “Wer nichts macht, macht nichts falsch” ist mächtig falsch. Es wird Zeit, sich nicht auf Strukturdiskussionen und Meta zu beschränken. Ich mag nicht mehr den 300. Besinnungsaufsatz von Frank Schirrmacher, Susanne Gaschke oder mir selbst lesen, ich mag auch nicht mehr über Blogs und schon gar nicht Social Media und Potenziale diskutieren. Ich mag machen. Wer macht mit?

18 responses so far

Habe die Ehre, muss twittern

In der vergangenen Woche diskutierte ich mit Jodok Batlogg von StudiVZ/VZNetzwerke und Alexander Korth auf der Social Media Week über Privatsphäre, Verantwortung und das Schreiben von To-Do-Listen. Im Raum saßen gut einhundert Personen, wovon nach eigener Auskunft fast alle bei Facebook und Twitter waren (Handzeichen). Hinter uns auf der Leinwand und vor uns auf einem kleinen Monitor war eine Twitterwall zu sehen, die alles aggregierte, was mit dem Hashtag smwberlin versehen war.

Ich hatte das Gefühl, dass das weitgehend unproblematisch war. Aber es gab auch andere Panels, bei einem ist Mathias Richel fast die Hutschnur geplatzt. Er sieht die Notwendigkeit, sich etwas stärker mit Respekt auseinanderzusetzen. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob die Respekt-Frage sich ursprünglich primär auf die Aufmerksamkeit oder auf den Respekt für das Erfinden von Social Media-Kampagnen bezog, die größer als 1-Tweet-Negative-Message sind.

Was also ist es, was auch mich manchmal stört? Ich gehöre selbst zu denen, die liebend gerne “backchannelmessern”, wenn eine Diskussion fachlich falsch aber nicht offen für externe ist. Wenn mir die Gelegenheit zur Meinungsäußerung nicht gegeben wird, aber Unfug erzählt wird, dann greife ich natürlich zum alternativen Kanal. Häufig ist Twitter bei Konferenzen lesenswerter als die Podien, über die sich dann dort echauffiert wird. Oder anders: wenn die Party im Wohnzimmer zu schlecht ist, treffen sich die genervten Leute nun einmal in der Küche. Man kann ja auch fragen: was ist eigentlich respektloser? Auf Twitter scharf zu schießen, oder Menschen ihre Zeit zu stehlen, indem man weder gute Information noch gute Unterhaltung oder gar beides hinbekommt?

Für mich selbst versuche ich, möglichst nur so zu twittern, wie ich es den Personen auch ins Gesicht sagen würde. Allerdings weiß ich nicht, ob das auch für Personen funktioniert, die vielleicht etwas scheuer, respektvoller gegenüber Amt und Würden sind.

Besonders schwierig finde ich eine Antwort auf die Frage, ob man vom Panel herunter twittern sollte. Sollten sich Podiumsteilnehmer mit anderen Besuchern im Raum unterhalten, wenn sie auf dem Panel sitzen? Wenn ja, warum? Ich habe das bereits selbst gemacht und dabei den Spagat versucht, den das zwangsläufig bedeutet. Das funktioniert, aber stets nur so lange, wie das Panel nicht besonders gut - also wirklich spannend ist. Manchmal muss halt auch der Gastgeber in die Küche.

No responses yet

Datendiebstahl zur Kriminalprävention?

Die abschreckende Wirkung, die auf künftige Steuerhinterzieher von vermehrten Datendiebstählen ausgeht, ist hinsichtlich der Kriminalitätsbekämpfung viel wertvoller als ein möglicher Schaden, der von der Ermunterung zum Datenklau ausgehen könnte.

Sowas schreibt und denkt man wo? Bei tazens.

One response so far

Lasst die Keule mal zuhause

Die Netzgemeinde hat lange Jahre darum gebeten, dass man ihr zuhört - weil man es nicht tat. Sie hat gezetert, gemosert, ihr ganzer Sach- und Fachverstand wurde ignoriert. Politiker aller Couleur, das von de Maiziere so genannte “Sie wissen schon wovon ich rede” als Höhepunkt, haben sich blamiert. Und sie haben die Netizens zu einer losen Ansammlung von solchen werden lassen, die erst die Augen verdrehen, dann fast schon reflexartig mit “Die haben mal wieder überhaupt nichts verstanden und sowieso keine Ahnung” reagierend. Und dann kommt noch ein kleiner Nachsatz wie: “Damals als …, haben wir das ja auch schon diskutiert. Und auch damals hat uns keiner zugehört.”

Jetzt ist es an der Zeit, ganz schnell zu lernen. Und zwar für die Netzgemeinde.

Politik hört derzeit zu. Politik will zuhören. Natürlich ist es traurig, dass es dafür erst eine in sich selbst zutiefst apolitische und damit Partei im meiner Meinung nach schlechtestem Wortsinne (nämlich als partielle Interessenvertretung ohne gesamtgesellschaftlichen Anspruch) und eine erkleckliche Anzahl enttäuschter Wählerstimmen brauchte. Aber: im neuen Bundestag sitzen viele auch jüngere Menschen, die längst nicht mehr so Internet-inkompetent sind wie ihre Amtsvorgänger. Und viele Politiker der alten Garde bringen andere Qualitäten, Wissen und Instinkt mit. Klar, natürlich gibt es noch viele Entscheidungsträger, deren Affinität zu den neueren Medienformen, freundlich formuliert, distanziert ist. Aber auch das wird sich erledigen - entweder werden die Borg sie schon kriegen, oder sie werden sich nicht dauerhaft halten können.

Wer sich aber gar nicht halten können wird, sind diejenigen, die reflexhaft loskrakeelen. Wer schreit, hat zwar nicht immer Unrecht. Aber er exkommuniziert sich weitgehend aus der Entstehung von Politik. Wer mich kennt, weiß, dass mich Dinge richtig auf die Palme bringen können. Und auch ein angemessen dezibelerzeugendes Stimmorgan besitze. Aber aktuell ist es nicht an der Zeit, mit der Keule in der Hand herumzulaufen und die tatsächlich vorhandenen Verschiebungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, in Köpfe einprügeln zu wollen, die eigentlich sogar sehr gesprächsbereit sind. Leider bin ich kein Comiczeichner, aber das Bild, jemandem eins überzubraten und dabei laut zu rufen: “Hör mir doch zu!”, das zeigt das Problem.

Oft hat “das Internet” die besseren Argumente auf seiner Seite. Dass ihnen zugehört wird, ist neu für viele. Dass sie dann auch noch etwas konstruktives sagen sollen, auch. Aber das wird schon werden. Ich bin da zuversichtlich. Nur beim Lernen über Politik müssen so einige noch etwas nachsitzen. Und vor allem: nicht immer gleich rumschreien.

6 responses so far

Lesestoff: Indien, Wachstum, Europa, digitales Nirwana

Lesen ist etwas wunderbares, wenn man sich dafür Zeit nimmt. Vielleicht hat der eine oder andere Leser der Kühlschranknotizen ja einen kleinen Moment, dann möchte ich auf ein paar Stücke verweisen, die mich in den letzten Tagen auf die eine oder andere Weise interessiert haben.

Wie verkauft man Wissenschaft, die herausfindet, was alle schon vermuteten? Indem man die Ergebnisse “aufsext”.

Ein Artikel von Spiegel Online, Ressort Wissenschaft: “Wer früh zu Bett geht, hat weniger Depressionen”. Darin geht es um eine Studie, in der die Korrelation zwischen frühem Schlafen gehen und Depressionen untersucht wurde. Der Artikel ist in weiten Teilen schlicht falsch: er unterstellt eine Kausalität (”Unzureichender Schlaf macht nicht nur müde, sondern kann auch zu Depressionen führen.”) statt Korrelation (Ursache und Wirkung sind unklar, nur der Zusammenhang ist feststellbar).
Natürlich ist solcher Bullshit klickträchtig: Schlafen hilft gegen Depressionen, das können sich Depressive als Wundermittel eigentlich nur wünschen. Geht früh ins Bett, dann klappt das schon. Erst im vorletzten Absatz wird wirklich erzählt, was die Wissenschaftler herausgefunden haben:

Weil die Forscher allein einen statistischen Zusammenhang (Korrelation) von Schlafdauer und Depression festgestellt haben, kommt jedoch auch eine ganz andere Erklärung in Frage: Womöglich fügen sich psychisch stabilere Jugendliche eher einer frühen Nachtruhe als jene, die zu Depressionen neigen.

Das Internet vergisst nichts - oder immer nur das Falsche?

Der Guardian hat sich mit der British Library beschäftigt, die Probleme mit der Archivierung von Onlineinhalten aufgrund von Rechtslage und praktischen Hürden berichtet. Ob es so schade wäre, wenn viele Dinge im digitalen Nirwana verschwinden, darüber kann man sicherlich streiten.

Die Verzichtmalnicht-Gesellschaft?

Ob zum hören oder lesen, der Hintergrund zum Thema Wachstum, Konsum und Wohlstand im Deutschlandfunk war sehr interessant. Nur im Audioteil kommt auch Meinhard Miegel zu Wort, ein alter Bekannter in neuer Funktion. Interessante Gedanken inklusive der Frage, ob wir nicht auf vieles verzichten könnten und sollten, das uns nur durch künstliche Bedarfschaffung als Notwendigkeit erscheint.

Persönlich nachdenklich

Ich mag die Euroblogger-Szene, also die Leute, die sich über Grenzen hinweg mit Europa, der EU und ihren Bürgern beschäftigen. Oft wirken ihre Themen leider so kryptografisch-technokratisch, wie die EU als Verwaltungsapparat nun einmal häufig ist. Daher freut es mich ganz besonders, wenn andere Töne zu lesen sind.

Wann liest man etwas über Indien?

Die Frage habe ich mir gestellt, als ich dieses faszinierende Stück über Konflikte im Staat Jharkhand las. Wenig Ahnung vom Subkontinent mit der knappen Milliarde Bewohner, seiner Politik, Wirtschaft, Problemen. Die Berichterstattung wird aber sicher noch kommen, in absehbarer Zeit - dafür wird die Gegend mit ihren Bewohnern einfach zu wichtig werden, um sie weiterhin so sehr zu ignorieren (und nur über den IT-Standort Bangalore und heilige Kühe zu berichten).

One response so far

Des Verlegers Klagelied

Weil heut nicht mehr jeder zahlt
was ihm blind wird vorgesetzt
geht ein Businesscase dahin
bloß: wohin weiß keiner schon
Bald vorbei ist’s sicherlich!
Wenn man nicht mehr Geld erhält.
Singt der Manager gequält
Klagelieder bitterlich.

Qualität! Das schreien sie.
Und Rendite meinen sie.
Kaum verlegene Verleger
wohlgeboren, hochinteger
sind sehr skeptisch heutzutage
‘kostenlos’ die Plageklage.

Nein, die Internetgemeinde!
Unter dem Pantoffel Panik.
Überall sind Zeitungsfeinde!
Googles Schuld!
Der Kuchen: sahnig.

No responses yet

Ein Heimatverein für das Internet

Schon ein Weilchen beschäftige ich mich mit Fragen von Politik im und für das Netz. Und es ist sehr schön zu sehen, dass es immer mehr Menschen geworden sind, die das Internet als gesellschaftlich relevant erachten. Es ist schön zu sehen, dass viele Menschen bereit sind, Engagement und Wissen für Erhalt und Verschönerung des Netzes einzubringen. Doch das reicht nicht. Denn die Stärken des Netzes sind zugleich auch seine Schwächen: lose Verbindungen, ad-hoc-Strukturen, unkoordiniertes Vorgehen. Das Rad wird immer wieder neu erfunden, oft fehlt es an Wissen um Technik, Politik und nicht zuletzt am Willen, vielleicht doch eher in der zweiten statt in der ersten Reihe für gemeinsame Ziele einzustehen. Die netzpolitische Szene ist eine Kakophonie, die oft nicht durch ihre Besten, sondern ihre besten Selbstvermarkter nach außen repräsentiert wird.

Auch in einer Massenmedien-Gesellschaft, also einer, in der die Masse selbst ihre Medien gestalten und verbreiten kann, bedarf es der Strukturierung der Interessen und Ideen, die nicht schon im ersten Schritt durch ihre Ablehnung “des Systems” oder ihre hermetisch abgeriegelte Argumentation (”Nur für Nerds”-Syndrom) die gesamtgesellschaftliche Diskursfähigkeit von vornherein ausschließt.

Es wäre wichtig und wünschenswert, dass die zweifelsohne vorhandenen Kompetenzen gebündelt werden. Leider sehe ich noch nicht viel, was in diese Richtung geht - vielleicht reichen die Gemeinsamkeiten dafür auch schlicht nicht aus. Das Wort “Think-Tank” ist etwas verrufen, allerdings ist es in etwa das, was ich mir vorstelle. Viel Netzpolitik basiert auf ungesicherten Annahmen und spontanem Crowdsourcing, was zwar bunte Stimmungsbilder ermöglicht, aber eher löchriges Mosaik denn konsolidierte Stellungnahme bildet. Wenn jedes Dorf einen Heimatverein organisiert bekommt, der bei “Unser Dorf soll schöner werden” mitmacht, sollte das dem deutschsprachigen Teil des Global Village doch eigentlich auch gelingen.

2 responses so far

Next »