Horst Köhler ist am Montag zurückgetreten. Die Begründung klingt schief:
Die Kritik geht aber so weit, mir zu unterstellen, ich befürwortete Einsätze der Bundeswehr, die vom Grundgesetz nicht gedeckt wären. Diese Kritik entbehrt jeder Rechtfertigung. Sie lässt den notwendigen Respekt für mein Amt vermissen.
Horst Köhler konnte nie sonderlich gut mit den Medien, er konnte auch nicht gut mit der Politik. Er wollte gut mit dem Bürger können. Köhler, der Volkspräsident, das war offenbar seine Idee. Nun hat er hingeschmissen, aufgrund einer relativen Kleinigkeit: er fühlte sich zu Unrecht angegriffen. Genauer: das Amt, in dem er sich vielleicht nicht so recht fand. Aber war er ein schlechter Präsident?
Ich habe selten so laut lachen müssen wie beim Nachlesen seiner in den Medien kaum berichteten Gratulationsrede zum 60. Geburtstag der Bundespressekonferenz. Damals las er den versammelten Hauptstadtjournalisten die Leviten, und was taten diese: sie schwiegen es weitgehend tot.
Als Werner Gößling mich vor einem halben Jahr für den heutigen Abend einlud, habe ich mich gewundert: Warum will sich die Bundespressekonferenz zu ihrem 60. Geburtstag ausgerechnet von dem einen Bundespolitiker gratulieren lassen, der von Amts wegen am wenigsten mit ihr zu tun hat?
Aber dann fiel mein Blick auf den Kalender. Schon richtig: Ihre Stammkundschaft ist in diesen Tagen anderweitig beschäftigt. Der Vorstand hat in weiser Vorausschau eingeladen; ich bin gern gekommen, herzlichen Glückwunsch.
Übersetzung: sie interessieren sich normalerweise nicht für mich, jetzt haben Sie mich aus Verlegenheit eingeladen, ich werde die Gelegenheit nutzen. In der gesamten Rede hielt Köhler den Journalisten ihre Unzulänglichkeiten, ihre zu große Nähe zum Politikbetrieb, ihre Oberflächlichkeit, ihren mangelnden Sachverstand und ihre zu große Leserdistanz vor.
Hier geht es gar nicht um Verheißung; hier geht es schlicht um Selbstbestimmung. Und die beginnt mit der Erkenntnis, dass man seinem eigenen Denken die Durchdringung von Tatsachen selbst dann zumuten sollte, wenn sie einem unangenehm sind. Das ist gerade für Anhänger gefestigter Weltanschauung mitunter eine Herausforderung, aber Journalisten sollten sich ihr nicht entziehen. Was soll man davon halten, wenn viele von Ihnen gern ein Urteil über die Dienstwagennutzung der Gesundheitsministerin zum Besten geben, aber die wenigsten ein kompetentes Urteil über die Gesundheitspolitik der Ministerin abgeben können?
Wie sollte man dem widersprechen? Es gibt viele im “Kommentariat” (wie es das Wissenschaftszentrum Berlin einst nannte), die durch Netzwerke, Selbstgefälligkeit und starke, schnelle Urteile auf das Nachspüren, das Forschen, das Suchen und vor allem auch das Auskennen verzichten zu können glauben. Und es gibt Verleger, denen das auch egal ist - denn starke Meinung ist nicht weniger quoten- und auflagenträchtig als gute Recherche.
Nun ist es natürlich eine ganz besondere Ironie der Geschichte, dass Köhler nun gerade darüber stolperte, dass ausnahmsweise einer die richtige Frage stellte. Und jemand anderes genauer zuhörte. Dass er beim Wort genommen wurde - dass er als Bundespräsident nicht hätte sagen dürfen, was er vielleicht zitieren hätte können.
Haltung haben. Es ist ein ziemlich altes Wort. Aber ich finde, es könnte mal wieder in Mode kommen. Genau wie ein anderes, viel schlichteres Wort: Ahnung haben. Zusammen sind sie stark, meine ich.
Haltung und Ahnung, das wünsche ich mir von einem neuen Bundespräsidenten. Von Abgeordneten, Ministern, Staatssekretären, Journalisten, eigentlich von jedem. Und dazu gehört dann auch, klar die Karten auf den Tisch zu legen: die Amtszeit von Horst Köhler war insgesamt keine gute. Er war offensichtlich schlecht beraten, im Bundespräsidialamt sind dem Vernehmen nach oft Mitarbeiter gekommen und gegangen, der Umgangston soll nach Johannes Rau wesentlich rauer geworden sein. Köhlers Abgang war das Versagen einer kompletten Institution, die als Unterbau eines Verfassungsorgans fungiert. Niemand kann von einem Bundespräsidenten erwarten, dass er perfekt ist. Aber man kann vom Bundespräsidialamt erwarten, dass es ihm beratend zur Seite steht, um Perfektion zu erreichen. Darauf haben die Bürger einen Anspruch. Nur leider war auch über Schwierigkeiten im Schloss Bellevue in den letzten Jahren durch die deutsche Hauptstadtpresse fast nichts zu erfahren. Es war ja auch einfacher, über den traurigen Horst zu berichten.