Ein paar Gedanken zu dem, dem, dem, dem, dem, dem und dem. Ob ich mich dazu normalerweise äußern darf, weiß ich nicht - tangiert es doch meinen Arbeitsalltag bei meinem Brötchengeber. Aber ich glaube kaum, dass man mir deswegen kündigen wird (Nur ein kleiner Witz für alte Bekannte, wer ihn nicht versteht, möge ihn bitte ignorieren).
Wir haben bei ZEIT online Leserkommentare in der ZEIT online Community. Eigentlich! Dass diese bei den Videobeiträgen bis dato nicht eingebunden ist, hat weniger mit einem Nicht-Wollen als mit ihrem Nicht-Fertigsein zu tun. Ich habe mich darüber nun sowohl gefreut, als auch geärgert. Jens Jessens spitze Polemik, sei sie überzogen oder auch nicht, hat eine Welle ausgelöst. Oder, um genau zu sein: mehrere Wellen. Der letzte Nachschwapp kommt gerade über das FAZ-Feuilleton, den Kulturteil jener Zeitung, in dem Jens Jessen selbst von 1988 bis 1996 tätig war.
[…] Natürlich sind etliche auf derartigen Internet-Seiten abgedruckten „Leserkommentare“ glatt rechtswidrig oder operieren bewusst an den Grenzen der Legalität. Juristische Kanzleien müssten sich eigentlich herausgefordert fühlen, in dieser Lücke des zivilisierten Umgangs zivilisatorisch zu wirken. Denn jeder Anbieter von Internet-Seiten ist ja gesetzlich gehalten, dafür zu sorgen, dass nicht jeder Dreck und Müll zum Abdruck gelangt.
Gut erkannt. Und genau dem werden wir bei ZEIT online denn auch gerecht. Livemoderation ist nach bisheriger Rechtsprechung eben keine Pflicht. Und die können wir dort auch gar nicht leisten. Die Moderation findet dort im Nachhinein statt und war in den letzten beiden Wochen ganz sicher kein Zuckerschlecken (ich habe zum Beispiel einen großen Teil meines letzten Sonntags mit dem Kehrbesen in Digitalien verbracht, dabei hätte meine Wohnung das sicherlich genauso nötig gehabt).
[…] Es ist allerdings oft die schiere Masse an Beleidigungen, die eine rechtliche Ahndung schwierig macht. Darauf setzen manche Anbieter, wenn sie vorsätzlich den Pöbel-Nutzern ihre Portale öffnen.
Da muss man wohl in diesem Zusammenhang nicht viel sagen, oder? Zitiert haben wollte ich diesen Satz aber dennoch. Denn ich bin derjenige gewesen, der die Dokumentation zusammengestellt hat, auf die weitere (bislang) 690 Antworten folgten. Aus E-Mails an Jessen und die Redaktion, aus Irrläufer-Kommentaren habe ich herausdestilliert, was typische Argumentationsmuster waren, auch was Einzelmeinungen waren.
Ich nenne es Dokumentation, denn: Es ist ein Nachweis der Kampagnenfähigkeit bestimmter Kreise rund um bestimmte Webseiten. Und der Nachweis, dass viele Leute sich vor einem Computer mehr trauen als auf der Straße. Sozialpsychologen haben mit dem Internet ein wahres Paradies vor Augen, verhält sich mancher dort doch eher so wie hinter zugezogenen Gardinen oder zumindest so, wie er es wohl gerne in Gemütswallungen gerne tun würde (wäre er nicht das, was er in Wahrheit ist: ein armes Würstchen).
Es lohnt, sich die Links anzuschauen, die beispielsweise Technorati zu den Beiträgen kennt. Da findet man Webseiten von Menschen, deren Mitbürger zu sein man sich mehr schämt denn der spießigen Jugendlichen und gewalttätigen Rentner dieser Republik und andersherum.
Ich habe vor wenigen Journalisten viel Respekt. Jens Jessen ist einer davon. Nicht primär aufgrund dessen, was er schreibt - ich bin bekennend ignorant gegenüber Texten in der ZEIT. Seine gehören auch des öfteren dazu. Mich faszinieren Art und Weise, Worte zu nehmen, sie zu drechseln, sie zu wechseln, dabei oft auf der feinen Linie zwischen Ironie und Sarkasmus tänzelnd. Und wenn allen schon die Kinnlade herunterfällt, dann kommt manchmal, aber natürlich nicht immer, sonst wäre es nicht Jens Jessen, eine kleine Volte. Manchmal folgt darauf auch eine Revolte. Stets jedoch macht es Spaß, Jessen diskutieren zu hören. Obwohl, oder gerade weil er Feuilletonist ist – und man manchmal das Gefühl hat, dass seine Worte schon schelmisch grinsend über die Tastatur flitzen mussten, das fröhliche Liedchen gefühlten Königressorts unter all den politischen im Herzen tragend. Jens Jessens gleichnamiger Großvater wurde nach dem 20. Juli 1944 in Plötzensee hingerichtet.
Dann gab es da noch eine sehr spezielle Linkquelle: Herrn Herres Blog. Die Kampagnenfähigkeit derartiger Publikationsorte ist tatsächlich verstörend, und die Art ihrer Leserschaft leider nicht minder, denn verstanden haben viele der Kommentatoren Herrn Jessen nicht. Mein Erstaunen darüber war jedoch gering: Teile des Textes dort wurde von vielen “erbosten Zeitlesern”, die umgehend “ihr Abonnement kündigen” wollten, oft erstaunlich wortgleich übernommen. Man könnte also glatt vermuten, dass manch einer den Umweg über das Anschauen des Videos sparte und gleich zum Kommentarfeld, zum Mailformular oder dem E-Mail-Client griff.
Ein Jessen werde ich nie werden. Schon allein deshalb, weil dieser Text wieder einmal viel zu lang, zu pointenlos, zu schnarchig ist. Außerdem mag ich (Cord-)Anzüge nicht. Immerhin habe ich nun in jungen Jahren schon meine eigenen Trolle.
[Nachtrag: Der grandiose Wortwitz des FAZ-Autoren verschlägt mir nun doch die Sprache. »Anbieter von Internet-Seiten … gehalten, dafür zu sorgen, dass nicht jeder Dreck … zum Abdruck gelangt.« So sei es - das schaffen eigentlich sogar alle.]