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Anmerkungen zur Bundestwitterkonferenz

Posted on 29 März 2011 by Falk

Es rumort in der Bundespressekonferenz, es rumort im Internet. Der Regierungssprecher Steffen Seibert, ehemaliger Anker der heute-Nachrichten auf dem Mainzer Lerchenberg, twittert seit wenigen Wochen. So weit, so unspektakulär. Er schreibt fast nichts, reagiert kaum auf Nachrichten an ihn, er vertippt sich oft auf seinem iPad.

Aber jetzt wurden seine Tweets zum Politikum. Nein, nicht im Bundestag. Sondern in der Bundespressekonferenz selbst. Wir erinnern uns: die BPK, der Verein der Hauptstadtjournalisten, ist der Ort, für den sich kürzlich “das Internet” noch begeistern konnte. Die versammelte Journalistenschar hatte aus Protest die Regierungspressekonferenz verlassen, als Karl-Theodor zu Guttenberg parallel eine Pressekonferenz abhielt. Doch jetzt hatten einige der Mitglieder ein Problem: sie hatten etwas nicht als erstes erfahren. Sie kamen sich offensichtlich zurückgesetzt vor, zurückgesetzt hinter der Internetöffentlichkeit.

Jetzt ist die Bundespressekonferenz nicht irgendein Verein. Es sind vor allem die Korrespondenten der Tageszeitungen, die hier Mitglied sind und in Form eines Gentleman Agreement oft zuerst mit Neuigkeiten befüttert werden: Wir kommen zu Euch, ihr schreibt über uns. Wer eine Pressekonferenz geben möchte, macht das am besten im Glaspalast am Schiffbauerdamm gegenüber von Parlament und Kanzleramt – wenn er denn darf.

Doch dass der Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung zuerst die Öffentlichkeit informiert, das regt auf. Kann, ja darf das denn sein? Das Internet macht sich über die aus den Fragen herausstechenden technischen Inkompetenzen lustig. Was aber jenseits dessen, dass offensichtlich auch heute Twitter und Co. für einige Hauptstadtjournalisten noch Fremdkörper sind, rein anekdotischen Charakter hat. Dem einen oder andere Journalisten sträuben sich gleichermaßen die Nackenhaare, wenn er sieht, was im Netz für bare Münze genommen wird – da sind die BPK-Mitglieder auf einem zweifelsohne höheren Niveau. Aber, und das ist das Relevante: hier wird darüber gemeckert, dass gefühlt verdiente Privilegien angekratzt werden. Die redenden Vertreter der Hauptstadtpresse hätten gerne ein Exklusivitätsmonopol. Das ist undemokratisch, werte Herrschaften! Und nebenbei bemerkt auch unwürdig. Denn nicht die Information darüber, dass Angela Merkel in die USA reist, ist relevant. Sondern deren Kontextualisierung. Woher die Information stammt, ist dabei zweitrangig, solang sie kurzfristig verifizierbar bleibt. Das ist der journalistische Teil. Oder geht es am Ende gar nur darum, dass manche Journalisten befürchten, sich nicht rechtzeitig für ein Mitreiseticket im Regierungsjet anmelden zu können?

Vielleicht hatte Alt-Bundespräsident Horst Köhler einfach Recht, als er den Mitgliedern der BPK zum 60. Geburtstag eine Standpauke hielt:

Haltung haben. Es ist ein ziemlich altes Wort. Aber ich finde, es könnte mal wieder in Mode kommen. Genau wie ein anderes, viel schlichteres Wort: Ahnung haben. Zusammen sind sie stark, meine ich.

Soviel Kontext darf sein. Und wenn sich die Twitteria weniger über technische Inkompetenz sondern mehr über den offenbar gewordenen Anspruch echauffieren würde, könnte man sie einfach ernster nehmen. Der Journalist, der die Debatte überhaupt ins Rollen brachte und den entsprechenden Protokollauszug im Netz veröffentlichte, ist Journalist, Blogger, Twitterer, Großvater und BPK-Mitglied. Ihm gilt meine uneingeschränkte Wertschätzung dafür.

10 Responses to “Anmerkungen zur Bundestwitterkonferenz”

  1. Stecki sagt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Die arrogante Attitüde der BPK ist unfaßbar. Die spielen richtig beleidigte Leberwurst, weil das gemeine Volk etwas gleichzeitig erfährt. Traurig.

    http://blog.stecki.de/archives/249-Paralleluniversum-Qualitaetsjournalismus.html

  2. Torsten sagt:

    Andere Sichtweise: Journalismus ist eine arbeitsteilige Industrie. Ein Umbau der Prozesse wird natürlich von Widerständen begleitet. Und die neuen Prozesse sind nicht unbedingt besser.

    Man stelle sich vor, die Marketing-Abteilung geht in die Werkhalle einer Auto-Fabrik, schnappt sich ein halb montiertes Auto und geht damit auf Pressereise. Der Aufschrei der Schichtleiter wird in der Vorstandsspitze und in den Betriebskantinen gleichermaßen zu hören sein.

    Einerseits ist es natürlich toll, wenn sich die Regierung direkter an die Bevölkerung, ihre Arbeitgeber wendet. Aber auf der anderen Seite werden diese Kanäle natürlich auch zur Manipulation genutzt. Theo Zwanziger schilderte auf der Demokratie-Konferenz der Grünen in Mainz ganz offen den Fall des Stadion-Umbaus in Braunschweig. Im Stadtrat war keine Mehrheit zu bekommen, also initiierte der DFB mit seinem gewaltigen Mobilisierungspotenzial einen Bürgerentscheid(?) und jeder Widerstand gegen die Pläne wurde weggefegt.

  3. Falk sagt:

    @Torsten Interessanter Aspekt, aber ich sehe da nicht den direkten Zusammenhang. Dass bestimmte Organisationen wie der DFB kampagnenfähig sind, ist ja keine Neuerung.. Dass diese demokratische Instrumente zu instrumentalisieren versuchen, auch nicht so recht. Sollten wir nicht froh sein, wenn sie es mit direktdemokratischen Instrumenten tun, statt nur repräsentativ zu kungeln?

    Nebenbemerkung: Für mich ist es überaus seltsam, dass es einen CvD-Verteiler gibt, über den “exklusiv” “die Öffentlichkeit” informiert wird, statt dass diese Pressekommunikation von vornherein öffentlich ist. Gern auch doppelt – per Mail und im Web.

  4. Torsten sagt:

    Falk: “Sollten wir nicht froh sein, wenn sie es mit direktdemokratischen Instrumenten tun, statt nur repräsentativ zu kungeln?” Ähm, nein? Manipulation wird nicht besser, wenn das Medium ein anderes ist.

    Es ist das alte Problem, alte Errungenschaften auf ein neues Medium zu übertragen. Beispiel: Obwohl kein Platzmangel in dem Sinne herrscht, kann Wikipedia von der zum Beispiel prägnanten Sprache der Print-Enzyklopädien profitieren.

    So müssen auch direktdemokratische Prozesse erst Immunsysteme gegen Lobbyarbeit entwickeln. Und auch Medienprozesse müssen sich neu formieren. Nichts lässt sich einfacher manipulieren als ein Echtzeit-Ticker.

  5. Falk sagt:

    Torsten, ich rede nicht der “Manipulation” (das Wort finde ich hier eher schwierig, es geht eher um einen Umweg zur Durchsetzung von Interessen, Lobbying the Public) das Wort. Sondern sage, dass das zumindest offener sein könnte als das Hinterzimmergeplänkel.

  6. Torsten sagt:

    Stimmt, Manipulation war das falsche Wort, Lobbying der Öffentlichkeit ist viel besser. Aber auch hier gilt: auf welcher Ebene es ansetzt, ist mir relativ egal. Widerspruch zum Hinterzimmer: der Stadtrat war in Braunschweig sehr transparent in der Beziehung.

    Ich habe heute mit jemandem zum Thema Bürgerhaushalte gesprochen: wenn man nur Forderungen kanalisiert ohne die Kosten angemessen im Entscheidungsprozess zu berücksichtigen, funktioniert das System nicht. Verkürzt gesagt: Das neue Stadion wird gebaut und wo das notwendige Geld eingespart wird, ist wieder Entscheidung der Hinterzimmer.

  7. Ron sagt:

    Glaube aber auch, dass häufig die andere Seite – die Regierungsvertreter – diese “privilegierte Partnerschaft” bevorzugen, wie auch in Brüssel zu beobachten:
    http://polscieu.ideasoneurope.eu/2011/03/08/some-remarks-on-the-council-briefing-off-the-record/

    Das BPK-Phänomen ist daher für mich nur eine Hälfte der Geschichte, in der beide Seiten von dieser Partnerschaft profitieren.


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