Schlaumeiern für Schlaumeier
Posted on 14 August 2010 by Falk
Stefan Niggemeier findet heute im Bildblog heraus, dass viele von Bild befragte Prominente keine Ahnung von GoogleStreetView haben. Das ist mir beim Durchklicken heute auch schon aufgefallen, und das finde ich in vielen Dimensionen durchaus schade. Aber fast noch etwas mehr bedauere ich, dass ihm dabei selbst ein paar Fehler in der Freude über die der anderen unterlaufen sind.
Die Antworten vieler Leute, die “Bild” zu Wort kommen lässt, zeigen vor allem eines: Wie wenig die Befragten über das Angebot wissen. Viele scheinen zu glauben, dass es aus Live-Aufnahmen besteht, dass Google quasi rund um die Uhr die ganze Welt überwachen lässt. Das ist nicht der Fall. Zudem werden Personen und Autokennzeichen auf den Fotos unkenntlich gemacht.
Nein, Personen werden nicht unkenntlich gemacht. Sieht man auch sehr schön an den Nachbarländern, in denen Google StreetView bereits gelauncht hat. Es werden Gesichter verwischt, nicht mehr, nicht weniger. Im Datenschutz spricht man von personenbezogenen Daten, nicht gesichtsbezogenen. Hat vielleicht einen Grund. Die Bedenken der Sonnenbadenden könnten aufgrund des restriktiven US-Jugendschutzes allerdings trotzdem unbegründet sein, ich weiß jedoch nicht ob Google “Fleischfilter” einsetzt.
Wie es Google schafft, von der öffentlichen Straße aus Dinge zu sehen, die für andere nicht einsehbar sind; ob die Firma nach Ansicht des “Bild”-Mannes spezielle Kameras hat, die durch Mauern fotografieren können, oder ob sie eigene, sagen wir: “Leser-Reporter” dafür einsetzt, bleibt offen.
Das Geheimnis liegt in der Kamerahöhe. Google – und das wird von manchen als nicht mehr von der Panoramafreiheit gedeckt angesehen – filmt eben nicht von einer normalen, ohne Hilfsmittel erreichbaren Höhe aus. In Berlin sind zum Beispiel Mauern und offene, sockelfreie Einfriedungen nur bis zur Höhe von 2 Metern weitgehend unproblematisch errichtbar. Da filmt der Laden halt einfach man drüber wech…
* Ob BildBlog sich nach Einführung eines Leistungsschutzrechts derartige ausgiebiges Zitieren noch leisten könnte, wage ich zu Bezweifeln


Hallo,
wird eine Person nicht dadurch unkenntlich, dass man ihr Gesicht verhüllt/verpixelt?
Nein, bzw. längst nicht immer.
Ich weiss nicht, ob dir schon dieser Link untergekommen ist ueber die Kamerapositions-Relation der Streetview-Wagen: http://www.wortfeld.de/2010/08/relationen/
Obwohl Alexander mit Sicherheit einer der von mir meistgeschätzten und viel zu selten bloggenden Menschen ist: nein, den Beitrag kannte ich noch nicht. Ich teile die implizite Aussage aber auch nicht: die Horde knipsender Mitbürger im Bus auf Butterfahrt taggt ihre Bilder nicht so, dass es auffindbar wäre (außer wieder über GoogleGoggles und Co in der Ähnlichkeitssuche..).
Der ominöse Reisebus ist auch nicht “allgemein zugänglich”, denn der Busunternehmer wird ja in der Regel Geld verlangen und nur selten an bestimmter Stelle langfahren.
Damit fällt er als Argument schon mal flach. Ansonsten ist die Panoramafreiheit gar nicht der interessante Kampfplatz. Die schränkt nur das Recht des Architekten und Graffiti-Sprühers ein.
Tatsächlich hat Google eine Gesetzeslücke aufgetan.
Im Fall Google gibt es dann noch den Eventualvorsatz. Ich gehe davon aus dass Google ein Eindringen in den höchstpersönlichen (sichtgeschützten) Bereich billigend in Kauf nimmt. Das Recht am eigenen Bilde geht noch von Print und Fernsehen aus, also von wenigen und zeitlich beschränkt abrufbaren Bildern.
Dann ist im deutschen Datenschutz noch nicht ausgefochten, wann ein Datum personenbezogen ist. Da gibt es die Lehre der Personenbeziehbarkeit, die sagt aus: Es reicht, wenn man durch Zusammenfügen mit anderen Informationen (besondere Jacke, Statur) diese Daten auf eine bestimmte Person zurückführen kann (Kennzeichen-Scan-Urteil).
Andere betrachten die mögliche Eingriffschwere durch die Veröffentlichung und wägen dann Meinungsfreiheit gegen informationelle Selbstbestimmung entgegen. Wobei Streetview ist ein automatisierter Vorgang ohne jegliche Schöpfungshöhe, hat also keine Meinung.
Die Zukunft wird zeigen, ob die Streetview-Daten für Geo-Scoring und von Versicherungen und Arbeitgebern misbraucht werden.
Mit Opt-In hätte ich nichts gegen Streetview. So bin ich für ein baldiges Verbot.
@Falk:
Oh, sie lernen! Allerdings sind Bilder-Galerien von einer Butterfahrt, wohlmöglich irgendwo schlecht lausig auf einer Vereins-Homepage abgekippt, für Digitalspanner nicht ganz so bequem brausbar wie bei SV und Co.. Dort werden sie mundgerecht aufbereitet. Noch ein bisschen Tuning an Interface und Internet, um man kann spazierengehen.
Ansonsten müssen die Mitbürger ja bald auch nicht mehr selber taggen. Das iPhone 3G ist längst die beliebteste Kamera bei Flickr: http://www.flickr.com/cameras/?nobrand=1 – Das liefert die Geo-Daten gleich mit. Qualitativ sind die aktuellen “Cameraphones” den Kompakten vom Discounter inzwischen ebenfalls in vielen Schnappschussbereichen überlegen.
Ausgehend von der Vermutung, dass Internet-Hochlader vergleichsweise technikaffin sind, dürfte die Zeiten komplett ungetaggter Bilder also ihrem Ende entgegengehen. In 2, max. 5 Jahren dürfte das Thema durch sein. Da ist es dann auch egal, dass GPS ohne Funkzellenunterstützung bei Kompaktknippsen keinen Sinn macht: Es einfach zu langsam/zu teuer.
Tja, und wenn wir dann noch schauen, was der nette Herr Blaise Aguera y Arcas regelmässig bei den TED-Talks präsentiert, wissen wir auch wohin die Reise geht: Mapping von (Flickr-)Bildern auf 3D-Objekte, nahtlos und in Echtzeit, im übernächsten Level dann als Augmented Reality und mit Livebildern.
So richtig viel Zeit haben wir also nicht mehr, um über die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum nachzudenken. Nimmt jemand Ilse beiseite und erklärt ihr das?
@Falk D.: Wie “Street View” mit Opt-In aussehen würde, siehst du, wenn du bei “Google Maps” den Panoramio-Layer hinzunimmst. Ein paar Einzelbilder, ansonsten Straßenkarte zur Orientierung. Das ist nicht praktikabel (Und “nicht praktikabel” meint hier nicht: Dann müssen sie es halt lassen).
Meinst du, dass es den Versicherungen so dreckig geht, dass sie die Daten nicht mehr im Block von spezialisierten Dienstleistern kaufen und anfangen selber zu surfen? Ansonsten reicht zum Profiling wohl regelmäßig die Adresse.
Wobei, im Fernsehen hat der Anflug via Google Earth auch die gute alte Kartenanimation verdrängt ,)
Beim Reisebus-Vergleich ging es mir um ein Argument, das auch bei Dir auftaucht: “Das Geheimnis liegt in der Kamerahöhe” — den Eindruck habe ich eben nicht. Und wenn ich mir die Sightwalk-Aufnahmen anschaue, die etwa einen Meter tiefer aufgenommen sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Debatte großartig anders verlaufen wäre, wenn das Aufnahmen von Google wären. (Hach, und vielen Dank für die Blumen. Irgendwann habe ich auch wieder ein Leben, das Bloggen besser zulässt.)
Danke fuer die Anmerkung, ich teile sie so nur zum Teil. Den hysterischen Teil der Diskussion muss sich Google Dank seiner unterirdischen Kommunikationspolitik durchaus mit anrechnen lassen – keine Spur von offener, transparenter Kommunikation. Selbst offensichtliche Missverstaendnisse werden erst nach Tagen kommentiert/korrigiert. Dass man es jetzt auch noch schafft, als IT-Butze im Kernbereich der unternehmerischen Taetigkeit – dem Programmieren von Internetzeugs – einen halben Bauchplatscher hinzulegen, passt ganz gut ins Bild.