Categorized | 21st Century Wahnsinn, Politik, Rechner und Netz

Pro Netzneutralität

Posted on 11 August 2010 by Falk

Heute hat eine Gruppe von Netizens aus verschiedensten Bereichen einen Aufruf für eine gesetzliche Festschreibung der Netzneutralität gestartet. Der Aufruf hat von vornherein meine Unterstützung bekommen und ich freue mich über jeden, der ihn mitzeichnet.

Ohne Netzneutralität würde zunehmend eine Priorisierung durch die Internetanbieter stattfinden, entweder von eigenen Angeboten oder von Angeboten, die es sich leisten können, den privilegierten Zugang zu erwerben. Exklusive Partnerschaften zwischen Unternehmen würden zunehmen und gleichzeitig den wichtigen Grundsatz des freien Zugangs zum Internet künstlich beschränken. Die fatale Konsequenz: Statt Qualität, Sicherheit und Kreativität diktiert das Geld, welche Angebote im Internet nutzbar sind und welche nicht. Datenpakete würden nicht länger wie heute in den überwiegenden Fällen unabhängig von Inhalt und Anwendung gleichberechtigt übertragen werden.

Der Aufruf sagt nicht exakt, wie Netzneutralität festzuschreiben ist. Aber eine Idee dafür gibt es zum Beispiel in der Resolution, die die Kollegen im Transatlantischen Verbraucherdialog (TACD) formuliert haben. Auch hieran habe ich beruflich mitgewirkt.

Heute wird in der Diskussion manches Mal so getan, als ob die Frage der Netzneutralität beim bislang nach wie vor nicht weit verbreiteten (Ausnahme Mobilnetze) IPv6-Standard schon eindeutig entschieden sei und nur “layerinterne” Netzneutralität noch möglich sei. Das sehe ich anders: selbst ein Blick in das 12 Jahre alten RFC2460 zeigt mir keinerlei Muss für den Einsatz von Flow Labels anders denn zero oder für unterschiedliche Traffic Classes. Die mir bislang beschriebenen Szenarien für ein mögliches Priorisierungsmuss zulasten anderer Inhalte musste ich leider als höchst irritierend klassifizieren.

So ist mir zum Beispiel zugetragen worden, dass fehlende Priorisierung zum Beispiel ernsthafte Auswirkungen bei telemedizinischen Anwendungen oder auch die Gefechtsinformationsübertragung über IP habe, da diese zeitkritisch seien. Abgesehen davon, dass ich keine Sekunde zögere zu glauben, dass der erste Bereich, in dem alle Header als “zeitkritisch” gemarkert würden wohl die Erotikbranche wäre, deren Kunden im Internet schon immer sehr zeitkritisch Anwendungen benötigten, dürfte auch klar sein, dass, wer an zu dünner Leitung hängend telemedizinische Anwendungen durchführt, fast schon bedingt vorsätzlich oder zumindest fahrlässig Körperverletzung betreibt.

Um mich davon zu überzeugen, dass es anders sein könnte, warte ich also auch weiterhin auf stichhaltige Argumente (dass man erst glaubt, dass Triple-Play ein attraktives Angebot sei, dann feststellt, dass man den PayTV- und Kabelanbietern zuwenig Kunden abjagen kann, das ist jedenfalls keines, was ich gelten lassen könnte).

Ja, Netzneutralität ist eine gesamtgesellschaftlich-politische Frage. Wenn nach der lustigen “Code is Law”-Formel (auch bekannt als Code is Code-Tautologie) oder hier vielmehr Standard = Law sein soll, dann sind der Standard IPv6, seine Verwendung in Next Generation Networks (NGN) und damit seine Interpretation so wie sonstiges Recht auch an den gesellschaftlichen Willen zu binden. Hierfür bedarf es einer breiten gesellschaftlichen Debatte und genau hierfür ist die Initiative Pro Netzneutralität ein Impuls an alle Beteiligten und Betroffenen: nicht hinter verschlossenen Türen, auf der offenen (Internet-)Bühne muss dieses Thema besprochen werden. Mit Providern, Nutzern, Regulierungsbehörden, Politikern, kurzum: allen. Viele behaupten, kein Interesse daran zu haben, die Netzneutralität aufzugeben. Manche argumentieren, dass der Markt es schon regeln werde. Und wieder andere fassen sich nur noch an den Kopf und fragen sich, ob man derartiges angesichts des Google/Verizon-Geschehens heute wirklich noch locker-flockig in den Raum werfen kann. Ich freue mich auf die anstehenden Diskussionen. Und dies hier ist übrigens mein ganz privates Blog, daher gibt es auch keine Meinungs-Automatismen.

13 Responses to “Pro Netzneutralität”

  1. /sms ;-) sagt:

    zuerstmal: d!a!n!k!e! dass du dich dem thema annimmst… (später mehr ;-)

  2. neutraler sagt:

    Führt denn wirklich jemand über das Internet medizinische Operationen durch? Das klingt mir doch sehr weit hergeholt und nach einer sehr bescheuerten Idee.

    Und “Krieg ober IP” ist auch kein Grund. Erstens muss ich das nicht fördern und zweitens gibt’s dafür dedizierte Netze neben dem Internet: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6f/Intel_GreenDoor.jpg

  3. Torsten sagt:

    Das ist der Makel des Aufrufs: Statt eine Debatte zu konkreten Fragen anzustoßen, wird nur ein Schlagwort gepusht. Nicht mal ein Link zur TACD-Resolution ist zu sehen. Brauchen wir eine gesetzliche Regelung? Kein Wort davon.

    Herr Obermann verrät zwar auch nicht, wie er denn in Zukunft abkassieren will, aber wenigstens hat er zwei Namen in den Ring geworfen: Er will Apple und Google abkassieren. Das glaube ich zwar nicht, aber er hat so zumindest die Diskussion in eine Richtung gelenkt.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Was will Pro-Netzneutralität?

  4. Kai sagt:

    „So ist mir zum Beispiel zugetragen worden, dass fehlende Priorisierung zum Beispiel ernsthafte Auswirkungen bei telemedizinischen Anwendungen oder auch die Gefechtsinformationsübertragung über IP habe, da diese zeitkritisch seien. (…) dürfte auch klar sein, dass, wer an zu dünner Leitung hängend telemedizinische Anwendungen durchführt, fast schon bedingt vorsätzlich oder zumindest fahrlässig Körperverletzung betreibt.”

    Nein. Wer überhaupt über das Internet eine telemedizinische Verbindung aufbaut und nutzt, gehört dafür zur Verantwortung gezogen. Da genügte dann schon eine gezielte DDOS Attacke und der Patient ist tot oder die Operation schlicht unterbrochen. Solche kritischen Anwendungen haben in öffentlichen Netzen überhaupt nichts verloren, sondern werden in extra eingerichteten Verbindungen oder abgetrennten Netzen realisiert. Das gleiche gilt für Gefechtsinformationen: Solche Dinge gehören zwingend in eigene Netzstrukturen und dürfen gar nicht über das Internet realisiert werden.

    Insofern sind solche Argumente nicht mal hanebüchen, sie sind schlicht falsch.

    QOS — und somit Priorisierung — kann es höchstens aus technischen Gründen geben, etwa bei VOIP, wo eine fehlende Sekunde stärker ins Gewicht fällt als bei einem P2P Download. Dass ist aber ein Unterschied zur jetzigen Debatte, wo es schlicht nur um die Gewinnmaximierung der Provider auf Kosten des fairen Zugangs geht.

  5. pit sagt:

    also natuerlich ist netzneutralitaet ein wichtiges prinzip. vor allem aber aus kartellrechtlichen gruenden. applikation und content muss noch klarer getrennt werden von infrastruktur oder gar physikalischem layer. der alte traum von medienmonopol heisst vom untersten layer bis zur technik, den applikationen und dem content volle kontrolle zu haben und dann die preise zu diktieren.

  6. Trolllutscher sagt:

    Ich kann diese Symbolpolitik auch nicht mehr hören. Ich stimme zu, Für Lebens- und zeitkritische Dinge ist die Struktur sauber zu ziehen und nicht einfach oben QoS draufzuknallen. Auch wenn es mal wieder das Totschlagargument wird. Lieber Fieber bekämpfen aber Krankheit gären lassen!?

    JEDER

  7. Trolllutscher sagt:

    Ich kann diese Symbolpolitik auch nicht mehr hören. Ich stimme zu, Für Lebens- und zeitkritische Dinge ist die Struktur sauber zu ziehen und nicht einfach oben QoS draufzuknallen. Auch wenn es mal wieder das Totschlagargument wird. Lieber Fieber bekämpfen aber Krankheit gären lassen!?

  8. @Torsten Ich möchte ganz klar eine gesetzliche Regelung. Ich möchte, dass an dieser Stelle der Staat den Markt im Internet so reguliert (<- ja, wirklich!), dass die Netzneutralität bewahrt und garantiert bleibt.

    Das der Staat seinerseits dafür auch Vorraussetzungen schaffen muss, vor allem durch grundlegende infrastrukturelle Lösungen und Förderungen, um bei steigender Gesamttrafficlast auch alle Daten gleich behandeln zu können, ist mir dabei klar.

  9. Torsten sagt:

    Mathias Richel: das bleibt Dir unbenommen, aber wie viele der Mitzeichner verstehen unter einem Internet “ohne staatliche Eingriffe” eben den Verzicht auf Gesetze und Regulierungsbehörde?

  10. Netzneutralität? Wo gibt es die? Nirgends. Schon immer wurde per Priority Peering, Throtteling etc. das Netz gezielt gesteuert. Nicht immer zu dem Zweck allen Nutzern gleichmäßig viel Internet zu vergeben. Mit IPv6 wird sich dort zusätzliches einiges Ändern weil die Unart mehrere Devices hinter einer IP zu verstecken wegfällt (Stichwort NAT).

    Die Verfügbarkeit von DSL Bandbreiten werden zum Beispiel von der Telekom in gewissen Gebieten nicht anhand der Entfernung zum DSlam angegeben sondern schlicht und ergreifend nach verfügbarem Uplink. Kaufen nun aber mehrere Kunden in diesem Gebiet DSL höhere Bandbreiten bzw. fragen es an, kann die Telekom den Uplink ausbauen und plötzlich erhalten Kunden DSL denen man vorher sagte, sie sitzen zu weit weg, bla. Wie bitte soll das auch anders gehen? Der Staat hat den Ausbau des Internets schlicht verpennt (alle mir bekannten Versuche darüber zu reden scheiterten ala “Internet? Das ist doch dieses BTX-Ding von der Post, das ist doch alles staatlich – ca. 1996). Also nahmen viele Individualisten und damals noch kleine Firmen es selbst in die Hand und erweiterten das Internet – also das, was es damals gab (Stichwort: Xlink, NTG, KPN/Qwest…)

    Also im B2B Bereich bzw. zwischen Providern gab es so etwas wie Netzneutralität nie. Ganz im Gegenteil: Es gibt immer noch aus Zeiten der KPN/Qwest aka Xlink Euroringe Vereinbarung über priorisiertes Peering bzw. Routing/Tagging/QOS/whatever – ohne diese Vereinbarung wären z.B. große internationale VPN/VOIP-Projekte gar nicht erst möglich. Ist mir schon klar, dass die Telekom da gerne was ändern würde, denn der BTX-Anbieter kann da häufig nicht mitspielen ;-)

    Was soll sich für uns Endkunden denn ändern? Dass ich zukünftig für werbefreie HD-Videos bei Youtube Geld zahlen muss ansonsten bleibt mir nur die non HD Variante mit 35 sekunden Werbeblock? Wie schrecklich. Im Moment steuern wir doch vielmehr auf die Variante zu, dass man IMMER Werbung ertragen muss und darüber hinaus HD nicht wirklich HD ist. Und im mobilen Bereich?! Netzneutralität? Lachhaft, Mobilfunkprovider untersagen das Nutzen von VOIP als Skype, SIP und klemmen den Kunden auf ISDN-Geschwindigkeit runter, wenn er bei seiner FLATRATE(!) mehr als x GB Traffik macht.

    Noch eines, das Internt ist nicht ganz so homogen, wie es sich hier vielleicht einige vorstellen. Grundsätzlich ist jeder von uns Teil des ganzen. Beispiel: Kleine Firma X bestellt Breitbandanbinung bei der Telekom/ARCOR/QSC/LAMDANET/etc. und holt sich eine Genehmigung zum verfunken eines Nahegelegenen Ortes (keine Seltenheit, da, wo ich herkomme). Schon erweitert sich hier das Internet auf nicht kontrollierbare Weise. Worauf ich hinweisen will, niemandem gehört DAS Internet nicht mal die Staaten können an Ihren Grenzen Pakete kontrollieren, ergo ist es sinnlos eine deutsche Regelung herbei zu führen. Der richtige Ansatz wäre meines Erachtens nach über die ICANN, die aber (wie das Internet selbst) ein Haufen nicht steuerbarer Individuen ist. Schön wäre, gerade im Zeitalter “keiner fragt aber alle antworten” man könnte unsere/eure/alle deutschen Aktivitäten zu diesem Thema sammeln. Dies könnte zum Beispiel eine Aufgabe der Politik sein, das Bereitstellen einer Plattform.

    Kurzum, hier ist über ein Reizwort ein Thema aufgerufen worden, was zum einen gesellschaftlich für einige Zeitgenossen extrem wichtig zu sein scheint und zum anderen nicht näher definiert ist. Jeder fabuliert davon, dass sich etwas an etwas ändern könne, was es aber in der Art vorher gar nicht gab wenn man denn wüsste worüber man genau redet ;-)

    Vielleicht sollten sich die digital Naives mal auf eine Definition/ihre Definition von Netzneutralität einigen, damit jeder weiß worum es zu streiten gilt.

    Grüße!

  11. Falk sagt:

    Vielen Dank erst einmal an alle Kommentatoren. Insbesondere an Lutz habe ich aber einige Fragen…
    Mir ist noch nicht ganz klar, worauf Du hinaus willst. Wenn ich Dich richtig verstehe, kritisierst Du schon den Ist-Zustand als Verstoß gegen die NN und würdest sie gerne als Prinzip international verankert sehen, richtig?

  12. Hi, sorry, dass ich das nicht gesehen habe und danke für Deine Erinnerung. Die Netzneutralität, so, wie sie derzeit in der Diskussion ist, als allgemeine gleichberechtigte Transportregel für alle IP-Pakete ist eine romantische Vorstellung weil

    1. kein nationales Gesetz nutzt und
    2. es sie so, wie einige Leute diese einfordern, es sie nie gegeben hat

    Ich persönlich bin der Meinung, wie bereits oben beschrieben, dass eine fehlende Netzneutralität auch von Vorteil sein kann, weil ich davon ausgehe, dass ich dann zum Beispiel Youtube Videos gegen Geld ohne Werbung sehen kann… oder aber ich weiß, dass meine Seitenaufrufe nicht durch einen Loadbalancer gebremst werden. Das Thema kommt doch überhaupt erst auf, weil es im Moment so zu sein scheint, als bekämen die Nutzer endlich mal die Bandbreiten – in diesem Fall rede ich von den Backbone-/Langstreckenprovidern – ausgenutzt bzw. überlastet. Bisher war das in der Vergangenheit immer so, dass es dann eine neue Technologie gab, die die möglichen Bandbreiten über vorhandene Medien derart erweiterten, dass viele nicht mehr wussten, wie diese Bandbreiten überhaupt ausgenutzt/verkauft werden sollen – Beispiel: Die überdimensionierten feuchten Glasfaserträume von KPN/Qwest.

    Kurz gesagt, wenn Netzneutralität dann international und für alle überall. Ansonsten werden nationale Modelle wenig helfen, wenn in irgendeinem Land dann doch wieder jemand anfängt Bandbreiten priorisiert zu zu teilen. Man könnte das ganze nun natürlich auch als Standortvorteil politisch ausschlachten und als BRD die Netzneutralität zum Politikum machen. So schlau scheinen unsere Volksvertreter aber nicht zu sein.

    Ich bin ein überwiegend digitaler Mensch und bin für entweder 0 oder 1 und zu allem Überfluss kann ich beidem etwas positives abgewinnen, da ich tagtäglich dadurch ausgebremst werde, dass es eben Netzneutralität gibt.

    Nun klarer?

    Grüße!


Leave a Reply

It sounds like SK2 has recently been updated on this blog. But not fully configured. You MUST visit Spam Karma's admin page at least once before letting it filter your comments (chaos may ensue otherwise).

Kategorien

Archives