Bildung als Stückwerk
Posted on 19 Juli 2010 by Falk
Gibt es etwas Uninspirierteres als die Frage, welcher Universität welche Exzellenz in welchem Bereich zuerkannt und mit Geldern gefördert wird? Ob die Modularisierung des Studiums dem Humboldtschen Bildungsideal noch nahe genug kommt? Ob Schüler besser mit fünf oder sechs oder sieben eingeschult werden, um dann zwei oder drei Jahre lang in der Schuleingangsstufe zu sitzen, nach vier oder sechs Jahren auf weiterführende Schulen geschickt werden?

All dies sind Zeichen der Hilflosigkeit. Statt sich mit den wirklich relevanten Fragen zu beschäftigen, wird wie schon seit 50 Jahren an den Symptomen herumgedoktert. Nein, das deutsche Bildungssystem hat sich in weiten Teilen nicht so bewährt, wie es das hätte tun müssen, um nicht grundsätzlich in Frage zu stehen. Bildungspolitik muss zum Ziel haben, Menschen die Möglichkeit zu geben, unabhängig von ihrer Herkunft, Geburt und körperlichen Hindernissen die Ausbildungsmöglichkeiten zu eröffnen, die diese in Anspruch nehmen wollen und bei der Frage Hilfestellung zu leisten, was für den Einzelnen sinnvoll und damit eventuell auch für die Gesellschaft insgesamt später nützlich sein könnte. Diesem Ideal gerecht zu werden, das umfasst nicht nur die Hamburger Frage.
Jedes Lieschen weiß mittlerweile, dass Deutschland eine sozial hochgradig ungerechte “Bildungsrepublik” (so das von Kanzlerin Merkel ausgerufene Ziel) ist. Bildung als Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe ist faktisch privatisiert, denn das Private ist die entscheidende Determinante für den Bildungsweg. Ins falsche Elternhaus geboren zu sein, das heißt zugleich auch: schlechte Chancen haben. Das kann und darf Politik nicht dulden.
Tabula Rasa könnte hier weiterhelfen. Bildung einmal anders herum zu denken tut dringend Not. Deutschland muss in Ermangelung anderer Rohstoffe ein Vorzeigebildungsland werden. Wieviele berufliche Stationen wird ein heute geborenes Kind in seinem Leben haben? Wir wissen es nicht, aber können davon ausgehen, dass mit steigender Lebenserwartung, sich schnell verändernden Umweltbedingungen durch technischen Fortschritt wie verändernde Märkte das Modell des lebenslang ausgeübten Berufs ein für alle Mal hinfällig ist. Doch darauf ist das deutsche Bildungssystem nicht ausgelegt. Es sagt: wir bilden bis zu 20 Jahre aus, dann wird 40 Jahre gearbeitet.
Was es also braucht, ist ein viel breiterer Ansatz. Wie kann man es schaffen, dass die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen von heute und morgen tatsächlich faire Bildungschancen bekommen? Wie müsste die Bildungsinfrastruktur aussehen, mit der man den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft begegnen kann? Vom Kindergarten über die Berufsschulen bis zum Seniorenstudium: Wo wollen wir mit der “Bildungsrepublik” hin, wie ist das zu leisten?
Die heutigen Strukturen können dabei nicht unter Artenschutz stehen. Bildung ist eine Gemeinwohl-Dienstleistung – wenn der Bedarf sich ändert, muss die Struktur angepasst werden. Dafür wünsche ich mir von den politischen Akteuren jede Menge Mut. Und keinen Verweis auf Bund-/Länderkompetenzen, widerstrebende Eltern, die heilige Dreigliedrigkeit oder die Unantastbarkeit der Hochschulautonomie. Wir können dabei jede Menge von den anderen Ländern auf dieser Welt lernen.
Tags | bildungspolitik, schulen, universitäten


Du sprichst wahre Worte. Wie schön, wenn das alle so sähen. Dein Wunsch danach ist wohl ein frommer Wunsch. In der Krise ist die Bildung in diesem Land schon seit Jahrzehnten. Nur scheint es, dass seit PISA und andere Studien das schöne Trugbild vom weltweit bewunderten Deutschen Bildungssystem nachhaltig zerstört haben, weil es eben mehr Schein als Sein war, endlich einige Leute aufgewacht sind. Da hier im Lande aber leider Ideologien, Kleinstaaterei und Besitzstandsdenken das Tun und Handeln bestimmen, rührt sich nicht wirklich viel. Der Komapatient Bildungsrepublik zuckt mal hier und mal dort, da ein jeder sich zum Heilsbringer berufen fühlt und es mit dieser oder jener Quacksalberei versucht. Gesundet ist der Patient daran bisher nicht. Eher schlechter ist alles geworden. Was fehlt, ist der Chefarzt und eine klare und einheitliche Therapie.
Für mich heißt das, Ende mit der Länderhoheit in Sachen Bildung. Zu welchem Chaos das geführt hat und wie unfähig die Länder sind, endlich zu einer gemeinsamen, einheitlichen und zukunftsfähigen Lösung zu kommen, wie immer sie aussieht, das haben sie seit Jahrzehnten mehr als deutlich unter Beweiß gestellt.