Herrjeh, FAZ.net!
Posted on 24 Juni 2010 by Falk
Es gibt da einen Menschen, mit dem ich mich eigentlich immer nur streite, wenn ich ihn treffe. Der heißt Michael Seemann, im Internet eher mspro. Zum Beispiel auf Twitter. Einmal hätte ich ihm fast behelfsweise die Hand zum Mund geführt. Ich schätze ihn manchmal, weil er sich Gedanken macht.
Er hat das jetzt leider mal vergessen, wenn ich seinen Schilderungen folge. Er hat in seinem FAZ-Blog Ctrlverlust Bilder verwendet, die er so nicht hätte verwenden dürfen (falsche CC-Lizenz). Soweit, so Alltag. Soll auch schon Printbildredakteuren passiert sein: huch, hatte man gar keinen Vertrag mit dem Knipser oder seiner Agentur. Raus damit, ab dafür: Problem erledigt, evtl. entsprechende Bildhonorare und Strafen nachliefern und nicht wieder machen.
Aber nun ist das Blog gelöscht. Pardon, gesperrt. Weil er sich der Redaktion widersetzt habe, schreibt Michael Seemann. Er hat wohl ohne Rückfrage nach erfolgter Bildentfernung sein Blogposting wiederveröffentlicht.
Ich staune. Er hat bei FAZ.net gebloggt, gegen Geld. Seine Beiträge waren verschwurbelt. Inhaltlich für mich nicht zutreffend. Aber nie im Leben hätte ich gedacht, dass es eine Redaktion gibt, die meint, bei diesem Blog entscheiden zu müssen, was da erscheint. FAZ.net macht sich gerade lächerlich – und zeigt mir zugleich, dass nicht alle Angestellten der Marke, hinter der so viele kluge Köpfe stecken sollen, diesem Anspruch wirklich gerecht werden. Der Verlust von Ctrlverlust ist verschmerzbar. Das offenbar geworden schlechte Minikrisenmanagement bei FAZ.net jedoch nicht. Kann es sein, dass man diese per Order von ganz oben zu ihren bezahlten Blogs gekommenen am Main eigentlich gar nicht so gerne haben wollte? Und nur nach einem Grund gesucht hat? Nein? Dann ist ja alles gut. Dann kann das Blog ja wieder online gehen. Und die anderen. Und FAZ.net sich zu den Vorkommnissen äußern.
Diesen Beitrag kann ich dann auch einfach wieder löschen. Kann.
Tags | faz, faz.net, frank schirrmacher, michael seemann, mspro


Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Danke!
Ich verstehe das alles nicht :( Können denn Menschen nicht einfach miteinander reden? Muss immer irgend jemand zeigen, dass er am längeren Hebel sitzt? :(
@Gilly seine (für die FAZ vermutlich teuren) Verstöße gegen die CCL und der zwischenzeitliche Schuss vor den Bug hätten ihm vielleicht Warnung genug sein sollen und die Wieder-Hochlade-Aktion hätte auch Festangestellte vor die Tür befördert – und das in JEDER Zeitung.
Sie schreiben: “nie im Leben hätte ich gedacht, dass es eine Redaktion gibt, die meint, bei diesem Blog entscheiden zu müssen, was da erscheint. FAZ.net macht sich gerade lächerlich …”
Von Seiten der FAZ sehe ich keine Hinweis darauf, dass die sich an der Meinung stören, die mspr0 veröffentlicht. Sie stören sich nur daran, dass er dabei Urheberrechtsverletzungen betreibt.
Mit ihrem “was” ist also nicht mspr0s Meinung gemeint, nur die Werke anderer, die er ohne Erlaubnis dort veröffentlicht hat. Sie hätten nie im Leben gedacht, dass eine Redaktion entscheiden will/muss, ob ein Blogger _das_ (Werke anderer) da veröffentlicht?
Oder finden sie nur die Art und Weise lächerlich, wie die FAZ diese Veröffentlichung untersagt? Mehr proaktive Offenheit von Seiten der FAZ hätte ich auch gut gefunden, aber im großen und ganzen scheint mir das Vorgehen der FAZ noch maßvoll und nicht lächerlich.
Kurzantwort: Urheberrechtsverletzungen sind nicht okay, keine Frage – ob vorsätzlich oder fahrlässig begangen. Sie gehören aber tatsächlich zum journalistischen Alltag (so selten wie möglich, aber passieren halt doch), insbesondere dann, wenn man mit Laien (Michael Seemann ist kein Journalist) arbeitet. Das Blog zu sperren, nachdem die zurecht inkriminierten Bilder entfernt wurden, das ist mindestens unverständlich. Womit ich kein Problem hätte: wenn die unrechtmäßige Nutzung der Bilder aus dem Honorartopf für den Autor abgezogen würde (idR so etwas wie = rechtmäßige Lizensierung*2). Aber das würde voraussetzen, dass der Bildrechteinhaber ausfindig gemacht würde.
Falk: Es wurden wohl nicht alle Bilder entfernt, sondern nur die in dem einen Beitrag. Die Beiträge vorher hatten doch einige Bilder ohne jeden Hinweis auf Herkunft oder Lizenz, wenn ich das im Google Reader richtig sehe. Und innerhalb einer Minute habe ich drei weitere CC-Lizenzverstöße gefunden.
Insofern ist es verständlich wenn das Blog zumindest temporär offline geschaltet wird. Wie die Peinlichkeiten drumherum entstanden sind, warum beispielsweise keine vertröstende Fehlermeldung angezeigt wurde und dem Auoren eine Perspektive aufgezeigt wurde, steht auf einem anderen Blatt.
So, Falk, jetzt stell Dir einfach mal vor, Du wärst ein alteingesessener genossenschaftlich organisierter Verlag, der durchaus weltweit einen Ruf zu verlieren hat. Dann hast Du einen Blogger engagiert, dem Du vertrauensvoll einen Account gibst, ihn natürlich auch bezahlst. Na gut, er beherrscht die deutsche Grammatik und Rechtschreibung nicht, aber das sei mal dahingestellt.
Nun schreibt dieser Blogger über Digitalien, auch über geistiges Eigentum, von seiner kruden Clique wird immer artig wohlwollend kommentiert. Wenn es aber an die eigenen Bilder im Blog geht, die ohne Zutun der Redaktion unter faz.net direkt online gehen, dann ist dem Blogger die CC-Lizenz mal schnuppe. Alles kleine lässliche Sünden, hm? Das solltest grade Du als Verbraucherschützer besserwissen. Sowas kann teuer werden, wenn Du kein Hinterhofblog betreibst, sondern ein gestandener Verlag bist.
Nun denn, wenn es Dir auffällt, weil sich ja zumindest einer der Bestohlenen gemeldet hat, nimmst Du den Artikel vom Netz. Und was macht Dein Blogger? Er tritt den Shitstorm los, und um der Frechheit die Krone aufzusetzen, stellt er das Geschwurbel erneut ein, wenngleich ohne Bilder.
So, jetzt sei mal der Verlag. Du würdest den Sprallo weiter bloggen lassen? Kann nicht Dein Ernst sein. Wäre ich Schirrmacher, würde ich nicht mal mehr die E-Mails dieses Bloggers beantworten.
@Tarben: Ein schönes Gedankenexperiment. Obwohl der mögliche Erkenntnisgewinn leider durch die abfälligen Äusserungen über Grammatik und Rechtschreibung geschmälert wird. Auch Journalisten schreiben in den meisten Fällen nicht fehlerfrei. Sonst könnten sich die sparwütigen Verlage nämlich Lektorate sparen. Und Geschwurbel enthält der Artikel “Apple vs. Turing” zumindest nach meiner Meinung nicht. Vielmehr beleuchtet er ein Thema, dass uns die nächsten Jahre immer öfter beschäftigen wird. (Meta)Ironie der Geschichte ist doch, dass mspr0 – indirekt – durch die Verwendung zweier Bilder von dem kontrollwütigen Apple in einem Artikel über Apples Kontrollwut die Kontrolle über seinen Blog verloren hat. Aber sei’s drum:
Es hat ja nicht der Verlag – oder gar die Genossenschaft, wie du es implizieren möchtest – die Entscheidung gefällt, den Blog abzuschalten. Es war(en) Redakteur(e), vermutlich der CvD. Und ich bezweifle, dass sich deren Interessen mit denen der Gesellschafter decken. Vielmehr dürfte insbesondere die Annahme, über das was gut für den Verlag sei, nicht trennbar sein von dem was gut ist für die Personen – in ihrer Rolle als angestellte Redakteure.
Die Verlagsleitung vermutet offenbar, dass Blogs zu haben eine super Sache ist. Da dürften etliche Faktoren eine Rolle gespielt haben: neue Leserschichten, besseres SEO-Ranking und ein gewisser wirtschaftlicher und selektiver Druck auf die klassischen Redakteure und Autoren.
Man kann davon ausgehen, dass insbesondere letzterer Punkt vom FAZ-Team deutlich wahrgenommen wurde. Die vielen Sockenpuppenbeiträge in den diversen Kommentarspalten über den Vorgang lassen wenig anderen Interpretationsspielraum und erinnern an die Abläufe bei der Eva-Schweitzer-Affäre. Auch dort haben sich signifikant viele Anonyme in dem gleichen Stil geäussert wie einige wenige Journalisten, die sich aus der Deckung trauten.
In meinem Freundeskreis gibt es eigentlich keinen einzigen Journalisten, der nicht der Überzeugung ist, dass das Internet, das Web und speziell die Blogs die dümmsten Erfindungen seit der Pest sind. Nach ihrer Meinung müsste damit zwangsläufig die journalistische Qualität sinken, da Finanzierung von Inhalten weg bricht und man dadurch immer mehr für immer weniger produzieren muss.
Mit entsprechender Häme betrachten solche Journalisten den Fall: endlich zeigt mal ein großer Verlag diesen kleinen, nichtswürdigen Bloggern wer die Lufthoheit über die klugen Köpfe hat.
Dabei übersehen sie aber, dass der Fall genau andersherum gelagert ist: Schirrmacher ist es mit seinem Buch gelungen, wieder zu einem Diskurs eingeladen zu werden, der bis dahin ohne die altehrwürdige FAZ verlaufen ist. Er hat erkannt, dass die FAZ in diesem wichtigen Thema nicht mehr der Taktgeber war. Mit der Einladung an mspr0, auf der FAZ den Blog zu veröffentlichen, hat er sich in ein Spiel eingekauft zu dem die FAZ bis dahin nicht eingeladen war.
Kleingeistige Redakteure haben die FAZ bei diesem wichtigen Thema grade von der Gästeliste gestrichen. Jetzt können im Feuilleton wieder die wirklich wichtigen Fragen der nächsten Jahrzehnte behandelt werden, z.B. Suhrkamps Umzug nach Berlin oder die Abschaffung der Wehrpflicht.
Das sind keine “abfälligen Äusserungen über Grammatik und Rechtschreibung”, das ist schlicht die Wahrheit. Das sagt übrigens was darüber, wie jemand mit seinen Worten umgeht, wie er sie wertschätzt.
Und die FAZ hat übrigens ein ausgesprochen gutes Lektorat, das Herr Seemann in seiner Arroganz natürlich zwecks Autonomie übergeht.
Da wären wir beim dritten Punkt: Selbstverständlich ist der wissenschaftshistorische Teil des “Apple vs. Turing”-Artikels in vielen Details Mumpitz. Da weiß ja teilweise die Wikipedia mehr.
Dass auch die FAZ vor einiger Zeit – just als Herr Seemann dort Blogger wurde – auf das Geschwafel der Horden von Social-Media-Twitter-lass-uns-was-verkaufen-Consultants reinfiel, ist bekannt. Das macht die Entscheidung, Herrn Seemann direkt auf der Plattform bloggen zu lassen, zwar entschuldbar, aber nicht minder dämlich. Die Lufthoheit hat die FAZ jedoch nie abgegeben, warum sollte sie auch? Herr Seemann bloggt, die FAZ bringt Interviews übers Jahr mit jeder Menge wichtiger Menschen in- und außerhalb Deutschlands, hat Diskurshoheit in vielen Feldern, kommentiert gesellschaftliche Diskussionen intelligent, ordnet Wissen ein. Was soll da der aus der hinteren Reihe stammelnde Blogger, der unverstehbare Thesen zusammenschrammelt, wichtig sein? Oh, bitte.
Schirrmachers Buch ist eines der meistverkauften Bücher im Jahr gewesen, sowas nennt man Zeitgeist. Seemann war nie auch nur auf der Gästeliste.
@qrios: Mal wieder neue Freunde suchen, hilft oft.
qrios: Du hast merkwürdige Journalisten in Deinem Freundeskreis.
Mist, da bin doch seit langem das erste mal wieder auf einen Troll reingefallen. Schon bei dem Nick hätte ich stutzig sein müssen. Bist Du der echte oder der wahre Tharben?
@qrios: Ich heiße tatsächlich Tharben, daran sind meine Eltern schuld. Ich bin aber kein Troll, es ist anders: Ich hab mich seit langem nicht mehr so über ein Verhalten eines Bloggers geärgert wie bei dieser Sache. Ich neige sonst gar nicht dazu, viel zu kommentieren und mich aufzuregen. Aber ganz entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten bringt es mich ehrlich auf die Palme, wie Herr Seemann mit einer durch und durch frechen Reaktion auf sein eigenes Fehlverhalten versucht, die Netz-Community hinter sich zu bringen. Dass er das Klauen der Bilder so verharmlost, es auch kaum erwähnt in seinen endlosen Blogposts, dass er sich so wichtig nimmt, irgendwie bringt das meinen Blutdruck in Wallung, wenn er dann reflexartig als der unterdrückte Blogger verteidigt wird.
Ich weiß, ich sollte mich abregen. Ich nehm es mir ja schon vor.
Tharben: es ist ein Gerücht, dass es automatisch für “alteingesessene Verlage” teurer würde als für “Hinterhofblogger”. Und zu dem Thema haben ja auch andere nochmal nachgelegt: http://www.neunetz.com/2010/06/25/ctrl-verlust-auch-faz-redakteure-missachten-cc-lizenzen/