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Lasst die Keule mal zuhause

Die Netzgemeinde hat lange Jahre darum gebeten, dass man ihr zuhört - weil man es nicht tat. Sie hat gezetert, gemosert, ihr ganzer Sach- und Fachverstand wurde ignoriert. Politiker aller Couleur, das von de Maiziere so genannte “Sie wissen schon wovon ich rede” als Höhepunkt, haben sich blamiert. Und sie haben die Netizens zu einer losen Ansammlung von solchen werden lassen, die erst die Augen verdrehen, dann fast schon reflexartig mit “Die haben mal wieder überhaupt nichts verstanden und sowieso keine Ahnung” reagierend. Und dann kommt noch ein kleiner Nachsatz wie: “Damals als …, haben wir das ja auch schon diskutiert. Und auch damals hat uns keiner zugehört.”

Jetzt ist es an der Zeit, ganz schnell zu lernen. Und zwar für die Netzgemeinde.

Politik hört derzeit zu. Politik will zuhören. Natürlich ist es traurig, dass es dafür erst eine in sich selbst zutiefst apolitische und damit Partei im meiner Meinung nach schlechtestem Wortsinne (nämlich als partielle Interessenvertretung ohne gesamtgesellschaftlichen Anspruch) und eine erkleckliche Anzahl enttäuschter Wählerstimmen brauchte. Aber: im neuen Bundestag sitzen viele auch jüngere Menschen, die längst nicht mehr so Internet-inkompetent sind wie ihre Amtsvorgänger. Und viele Politiker der alten Garde bringen andere Qualitäten, Wissen und Instinkt mit. Klar, natürlich gibt es noch viele Entscheidungsträger, deren Affinität zu den neueren Medienformen, freundlich formuliert, distanziert ist. Aber auch das wird sich erledigen - entweder werden die Borg sie schon kriegen, oder sie werden sich nicht dauerhaft halten können.

Wer sich aber gar nicht halten können wird, sind diejenigen, die reflexhaft loskrakeelen. Wer schreit, hat zwar nicht immer Unrecht. Aber er exkommuniziert sich weitgehend aus der Entstehung von Politik. Wer mich kennt, weiß, dass mich Dinge richtig auf die Palme bringen können. Und auch ein angemessen dezibelerzeugendes Stimmorgan besitze. Aber aktuell ist es nicht an der Zeit, mit der Keule in der Hand herumzulaufen und die tatsächlich vorhandenen Verschiebungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, in Köpfe einprügeln zu wollen, die eigentlich sogar sehr gesprächsbereit sind. Leider bin ich kein Comiczeichner, aber das Bild, jemandem eins überzubraten und dabei laut zu rufen: “Hör mir doch zu!”, das zeigt das Problem.

Oft hat “das Internet” die besseren Argumente auf seiner Seite. Dass ihnen zugehört wird, ist neu für viele. Dass sie dann auch noch etwas konstruktives sagen sollen, auch. Aber das wird schon werden. Ich bin da zuversichtlich. Nur beim Lernen über Politik müssen so einige noch etwas nachsitzen. Und vor allem: nicht immer gleich rumschreien.

6 sagten etwas

6 Responses to “Lasst die Keule mal zuhause”

  1. […] daher lasse ich das und schreibe einfach, dass er, – wie ich glaube – einen Punkt hat, wenn er fordert, Internetaktivisten sollten innehalten im Schimpfen auf Politik und Politiker. Denn es habe sich […]

  2. Petraon Jan 27th 2010 at 19:43

    Vielen Dank für den Hinweis. Nach den ersten Versuchen auf der “Twitter” Plattform kam eine Art von Erwachen. Ich war und bin noch erstaunt darüber was alles passiert. Manchesmal auch erschrocken. Was verlangen wir aber von Menschen, die tagtäglich gefüttert werden von Sendungen, die auf bestimmten Kanälen laufen. Von Zeitungen, die ihr Geld mit Schlagwörtern verdienen. Ich bemerke die Unwissenheit in Unterhaltungen ohne Sinn und Verstand. Bei den Versuchen Hintergründe zu erklären, erreiche ich nur noch mehr Unverständnis und auch Ratlosigkeit. Momentan ist ein Geist unterwegs, der nennt sich einfach Angst. Diese Angst, so meine ich, ist geboren aus Ratlosigkeit. Wie schnell sich alles drehen kann, zeigte die letzte Katastophe. Die Bilder und Anrufe erreichten uns schon Minuten nach dem Erdbeben in Haiti. Noch schneller als wie nach dem Tsunamie. Dieses zeigt auf, wie schnell sich alles gedreht hat und die Entwicklung weiter gegangen ist. Menschen, die bis dato unter einer Glocke lebten, sind nun aufgewacht. Wir müssen den Umgang mit diesen Medien lernen, damit sie uns weiterhin nützen. Jeglicher Versuch dieses zu blockieren muss aufgehalten werden. Der normale Mensch hat keine Beraterfirma oder Rechtsanwälte hinter sich. Aber diese Medien nützen uns. Sie helfen unsere Stimme weiterzutragen, auf uns aufmerksam zu machen. Deshalb hoffe ich inständig, dass wir ganz schnell lernen damit in einem vernünftigen Maße damit umzugehen. Trotzdem Danke für das Anstupsen, es hat mich sehr nachdenklich gemacht.

  3. Nicolason Jan 27th 2010 at 21:40

    Wie Petra schon geschrieben hat: Danke auch von mir für’s anstupsen. In Zeiten der doch sehr emotionalisierten Debatte über Themen wie Internetzensur vergisst man leider zu gerne und schnell dass sich auch in den Parteien ein Wandel vollzieht und internetaffine Politiker nicht nur und ausschließlich in der Piratenpartei angesiedelt sind.

  4. uberVU - social commentson Jan 28th 2010 at 4:11

    Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by ms_sophie: word. RT @flueke: Liebe Netizens. Ich sag mal was. Probierts bitte aus. http://is.gd/7a1bz…

  5. […] kühlschranknotizen » Lasst die Keule mal zuhause http://www.falk-lueke.de/index.php/2010/ – view page – cached Falk am 27.01.2010 21st Century Wahnsinn, Gedankengurt, Menschen, Politik, Rechner und Netz […]

  6. Jens Beston Jan 28th 2010 at 14:28

    Das Problem liegt nicht bei den Parteien. Die Internet-Kultur stellt einige grundlegenden Aspekte unseres gesellschaftlichen und insbesondere wirtschaftlichen Denken und Handelns in Frage. Dies geschieht dann auch noch quer zu überkommenen ideologischen Linien. Die Internet-Kultur fordert und fördert sowohl den Einzelnen, als sie auch gleichzeitig an der (korrupten und überkommenen) Basis des Kapitalismus aktueller Couleur heftigst rüttelt.

    Kurz: Durch das Internet stellt sich die Machtfrage zwischen den Menschen auf vielen Ebenen neu - und das ist es was verkommene Politiker und ihre Puppenspieler fürchten. Und nur weil sie uns zum Tee einladen, heisst noch lange nicht, dass sie verstehen (wollen), was das Internet für einen freien Menschen bedeuten kann.

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