Öffentliche Privatheiten, private Öffentlichkeiten
Posted on 08 August 2009 by Falk
Was heißt es in seiner Konsequenz, dass immer mehr Menschen mit dem Internet leben, es in ihren Alltag integrieren, in ihren Kommunikationshabitus? Wenn das Internet als Verlängerung der mündlichen Kommunikation gehandhabt wird?
Immer wieder wird das Internet vor allem von älteren Mitbürgern mit dem Telefon verglichen. Doch das Telefon überträgt keine Bilder, verschriftlicht keine Kommunikation. Und doch: genau die Kommunikation, die früher ausschließlich mündlich kabeltransportiert wurde, findet heutzutage auch schriftlich statt – aufgrund allgemeinen Wertewandels vermutlich sogar noch um einiges intimer, als dies über die Telefonleitungen früher passierte. Ob über Sex, Krankheiten, Geldnöte oder Zukunftsplanungen: die Kommunikation über das Netz ist sehr privater Natur. Private Chatfenster, Direkt- und Kurznachrichten (ja, auch SMS gehört zu diesem Phänomen dazu) simulieren 1:1-Kommunikation. Hier wird oft unverschlüsselt ausgetauscht, was nur zwei Menschen etwas angeht.
Wer verstehen will, warum die Privatsphäre, die informationelle Selbstbestimmung ohne Abhörangst, die Wichtigkeit der uninfiltrierten Kommunikation für diese Generation so zwiespältig in ihrer tatsächlichen Nutzung und zugleich so wichtig ist, muss das berücksichtigen. Jeder Eingriff in Telekommunikationsinfrastrukturen ist heute auch ein Frontalangriff auf die Intimsphäre.


Wo ist der Clou? Versuchst du zu erklären, worauf das Phänomen Piraten zurückzuführen ist?
Der Zusammenhang zwischen öffentlicher Privatheit und informationeller Selbstbestimmung ist sicher gegeben, aber müsste die Schlussfolgerung nicht eher eine andere sein: mehr Aufklärung über das Netz, das wenig vergisst, mehr Bewusstheit im Umgang mit Daten?
Alle Daten, die ich über mich an andere gebe, können missbraucht werden. Wer glaubt, dass Abhörangst und der Protest gegen Eingriffe in Telekommunikationsstrukturen staatliche Eingriffe in die Privatsphäre langfristig verhindern werden, gibt sich einem Tagtraum hin. Auch ohne Gesetze können heute schon mehr öffentliche Daten über Personen zusammengetragen werden, umfangreiche Profile erstellt werden usw., über die sich die Herrschaften in der Normannenstraße früher gefreut hätten. Wenn’s eben nicht durch Repression gelingt, dann durch Spion, Google und anderen sei Dank.
Staatliche Eingriffe in die informationelle Selbstbestimmung sind keine neumodische Interneterscheinung und der Qualitätssprung auf staatlicher Seite ist nicht sehr groß – erschreckend ist aber das Maß an – von Zielpersonen oft selbst unbedacht gefördert – Öffentlichkeit und der daraus resultierender unbeobachteter Möglichkeit des Sammelns.
Entscheidungsträger werden das sehr schnell merken und jeden Gedanken an Zensur dann schnell fallen lassen.
mfg
PS: Perverslinge und politisch Verirrte, denen man so auch auf die Schliche kommt, haben nicht mein Mitleid.
PPS: Wenn man mich aussperrt, baue ich mir eben einen anderen Kommunikationsweg … irgendwo gibts noch Brieftauben.
@bastian: Wie wäre es mal mit Lockerheit beim Umgang mit Daten? Wie Du selber sagst: “Alle Daten, die ich über mich an andere gebe, können missbraucht werden.”
Dir ist klar, dass das der Aufruf zur Schere im Kopf ist? Auch wenn es natürlich so erst einmal stimmt und Du recht hast. Frage – will man das?
Interessanterweise und das wollte Falk wohl vermutlich sagen (denke ich), sind vielen Daten die man im Netz von sich gibt eher im Bereich der 1:1-Kommunikation: PRIVATE Meinungen zu einer BESTIMMTEN Person(en) zur einer komplexen Fragestellung, in einem BESTIMMTEN Zeitraum. Nichts was man später aus dem Kontext gerissen gegen sich verwendet haben möchte.
“Der Qualitätssprung auf staatlicher Seite” ist riesig. Wie Du auf Qualität kommst ist mir nicht ganz klar, ich denke da eher an “Thoughtcrime” und Data mining. Wenn man sich nicht mehr traut eine Meinung auszuprobieren in dem man sie diskutiert hat man bald keine mehr.
Wie definierst Du “Perverslinge und politisch Verirrte”? Die wenigsten Leute können das richtig – es sind immer nur die anderen, nie Leute der “eigenen” Gruppe. Und Internetsperren, egal gegen welche Dienste, sind technisch leichter einzurichten als manch einer denken mag. Viel Spaß mit den Brieftauben, ich will dahin nicht zurück. Ich will lieber mit Dir und Falk offen diskutieren.
Genau darum geht es mir: dadurch, dass das Internet neue Kommunikationswege erschliesst, die auf einer Plattform sowohl oeffentlich als auch privat sein koennen, und dadurch, dass diese intensiv genutzt werden, veraendert sich einiges. Ist alles, was ich bei Facebook schreibe, oeffentlich? Oder ist die Chatfubktion privat? Die Nachrichten? Welchen Status hat was?’
@falk: Ja, kann ich gut verstehen. Erst denkt man “sind die alle doof, man muss sich halt bedeckt halten”. Dann merkt man, dass man lieber “diskutieren und mitreden” möchte und dann merkt man plötzlich erst, wie verwundbar man sich gemacht hat.
Über Kommunikation und deren “Intimzone” (uns und unser Verhalten/Denken) zu reden ist extrem schwierig und kompliziert. Zumal in Diskussionen darüber sofort immer nur die Extreme und die berühmten Totschlagargumente kommen. Was gerne vergessen wird: Eine Privatperson ist kein Journalist oder ein PR-Sprecher – sie tut nur so gut sie es kann ihre Meinung kund und das ist für eine Demokratie erstmal ziemlich wichtig. (quasi ein Stammtisch mit öffentlichen Protokoll)
Was gerne dabei unterschlagen wird: Kommunikation ist auch Verhalten. Wer sich traut unangepasst zu unterhalten, der verhält sich auch schnell unangepasst. Die ganze Sache ist viel brenzliger als viele zugeben wollen. Freie Kommunikation im Internet ist der sozialen Kontrolle teilweise entzogen, dass schmeckt vielen nicht – da sich diese “Unangepassten” selbst wieder untereinander verstehen können. Dies kann oftmals sehr demokratisch oder leider auch – hier ist das Problem – sehr undemokratisch oder menschenverachtend werden.
So – jetzt will ich aber niemanden Angst machen, aber Wahl liegt zwischen:
Das Internet voll zu kontrollieren und alles anzuzeigen was nicht “passt”.
Offene Kommunikation zuzulassen und nicht aus jedem Text einen “Beweis” zu machen.
Hier zwischen liegt irgendwo die Lösung. Früher nannte man das mal Verhältnismäßigkeit. Ich glaube da leider nicht mehr dran. Das Internet macht es zu einfach, Sachen komplett “auszuquetschen” (Daten, Daten, Daten). Diesen Drang können sich nur wenige Personen entziehen, leider. Dies wird oft mit “Begehrlichkeiten” umschrieben. Und gegen alte “Begehrlichkeiten” hat es “Verhältnismäßigkeit” bei neuen “Dingen” momentan politisch/rechtlich noch schwer. Die Gefahr und die Daten sind ja da, jetzt muss nur noch öffentlichkeitswirksam nach alten Maßstäben gehandelt werden…
(so dies waren alles nur Gedanken für heute, 2009-08-11, angeregt durch Falk & bastian – kann morgen alles anders sein.)