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Zum Hintergrund der Zeit-Debatte ums Internet

Posted on 04 Juni 2009 by Falk

Böses Internet, gutes Internet? In der Zeit sind in den letzten Wochen eine erkleckliche Anzahl Artikel erschienen, die sich mit dem Internet auseinandersetzen. Manche sagen darüber sogar eher, sie würden gegen das Internet hetzen. Nun sollte man ein paar Dinge über die Zeit wissen – und auch im Kontext versuchen zu verstehen, warum gerade jetzt das gefühlte intellektuelle Flaggschiff der deutschen Presselandschaft sich so intensiv der Thematik annimmt.

Bei der Druckausgabe Zeit arbeiten sehr gut bezahlte Journalisten, die unter für die meisten anderen Journalisten erstaunlich luxuriösen Umständen arbeiten können. Damit meine ich nicht Kantinenessenspreis, sondern die Tatsache, dass dort Zeit und Mittel vorhanden sind, mit denen guter Journalismus ermöglicht wird. Ob dieser dabei immer entsteht, steht derweil auf einem anderen Blatt.

Es ist durchaus ein Statussymbol, eine Zeit-Visitenkarte zu besitzen. Die Zeit hat 60 Jahre Reputation, hat die wichtigsten deutschen Debatten intensiv begleitet und sich häufig den Luxus mehrerer Meinungen geleistet. Sie hatte progressivere Zeiten und Geister und konservativere ebensolche – alles mehr oder minder ausgewogen. Doch stets war sie dem bildungsbürgerlichen Milieu verpflichtet, einem Milieu, in dem mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen – manches Mal auch mit Geld – belohnt wird, wer universalistisch sich bildet und offen für das Neue den schönen Geistern und Künsten sich widmet.

Der Aufstieg des Internets begann indes in den wirtschaftlich schwärzesten Stunden der Zeit. Die Zeit verpasste trotz erfolgtem Start fast alle Trends, verlor sich in Behäbigkeit. Was sie schaffte, war aus ihren früheren Heiratsanzeigen die Partnerbörse und Gelddruckmaschine Parship sowie auf den Stellenanzeigen basierend die Jobbörse Academics zu etablieren. Doch ihr Internetauftritt blieb weitgehend bedeutungslos, trotz der theoretisch großen Ähnlichkeit der Early Adopter (jung, gebildet, männlich, einkommenstark) mit denen der Zeit-Zielgruppe.

Und überhaupt: darf man so hochwertige Texte wie die der Zeit im Internet einfach so veröffentlichen? Diese Diskussion tobte bei der Zeit sehr viel länger als bei den meisten anderen Verlagen, wo sie teilweise per Ordre de Mufti durchgesetzt wurde. Die Redakteure, und unter ihnen einige besonders dienstalte und damit nicht zuletzt auch hierarchisch relevante Figuren, sperrten sich gegen eine Veröffentlichung ihrer Texte. Der Onlineauftritt der Zeit war lange Zeit wenig anderes als eine kleine Auswahl von Texten, die zuvor im Blatt erschienen waren, zuzüglich einiger Agenturmeldungen und eines Forums. Die Konkurrenz war zu diesem Zeitpunkt schon längst auf dem Weg, das Internet als ihre Zukunft zu begreifen. Und machte sich auf den Weg ins Ungewisse.

Im Laufe der Zeit änderte sich die Eigentümerstruktur bei der Zeit und der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Da einiges hiervon auch in meine Zeit bei Zeit Online fällt, möchte ich dazu nicht mehr sagen als auf dieses Interview hier verweisen, das der Zeit-Chefredakteur und Tagesspiegel-Herausgeber Giovanni di Lorenzo mit Dieter von Holtzbrinck 2006 führte, als dieser Abschied nahm.

Nun ist Dieter von Holtzbrinck aber wieder zurück. Und anders als sein internetaffiner, aber keineswegs stets glücklich handelnde Bruder Stefan von Holtzbrinck, gilt “DvH” als “publizistisch denkender Verleger”. Vom Wiedereinstieg DvHs zum 01. Juni 2009 erhoffen sich aus der Riege der Internetskeptiker – und derer gibt es am Speersort einige – eine klare Absage an den Ausverkauf ihrer ach so qualitativ hochwertigen Arbeit. Wie sich dies auf die erst vor kurzem gegründete Zeit Digital, als deren Zweck nicht zuletzt auch die Personalkostenreduktion im Onlinebereich angesehen werden darf, auswirkt, ist mir bis dato unbekannt.

Die Zeit verkauft laut IVW im vergangenen Jahr konsequent um die 500.000 Exemplare pro Woche. Das ist gegenüber 1999 eine Steigerung um gute 50.000 Exemplare. Die Zeit ist nicht im gleichen Maße von Leserschwund betroffen wie andere. Manche der Redakteure glauben daher, dass es keinen Grund gibt, auf das Internet zu setzen. Das gilt nicht für alle und auch nicht für jeden in dieser starken Form. Aber in jeder Publikation eines Textes, der Urheberrecht, Zivilisiertheit oder politische Regulation des Netzes zum Thema hat, kann immer auch ein gutes Stück Hauspolitik stecken. Schade, dass die Zeitredaktion das nicht schreibt. Es wäre zutiefst menschlich. Ich wäre auch schon damit zufrieden, wenn sie es nur im Netz schriebe. Die Onlinekollegen, die unter ganz anderen Arbeitsbedingungen als die Blattredakteure eine eigenständige Plattform betreiben, zu deren Gerüst die Veröffentlichung von Inhalten aus Publikationen des Zeitverlages sowie des Tagesspiegels gehört, würden ihnen dafür sicherlich gerne Platz einräumen.

2 Responses to “Zum Hintergrund der Zeit-Debatte ums Internet”

  1. kellerra sagt:

    Schöner Artikel. Ich habe mich auch ab und an über diese Probleme in Zeit aufgeregt. Hier einer meiner letzten Artikel zum Thema, diesen Text würde ich dort gerne mitverlinken. Es kann sein das das “ö” im Link bei einigen Leute Probleme bereitet, ggf. selbst nachtragen.

    http://kommentare.zeit.de/user/rakeller/beitrag/2009/06/09/hintergrundproble-bei-internetartikeln-zeitungen-die-unmögliche-tat


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