Die Dialektik des Jens Jessen
Jens Jessen, Feuilletonchef und spitze Feder bei der Zeit, versucht, irgendwie den Soboczynskitext von vor zwei Wochen zu rechtfertigen (S.52, “Das Netz trügt“). Er schließt sein Stück folgendermaßen:
“Mit anderen Worten: Das Internet, bevor es großmäulig von E-Democracy redet, muss erst einmal eine angstfreie Gesellschaft in seinen Räumen erlauben, in der nicht jeder, aus Furcht vor seinem missgünstigen Nachbarn, sich unter den kleinsten gemeinsamen Nenner duckt. Oder noch einmal anders gesagt: Es steht außer Frage, dass im Netz ein bedeutender Beitrag zur Demokratie geleistet werden kann. Aber die gegenwärtigen sozialen Umgangsformen verraten keine Tendenz zur E-Democracy, sondern eher zum EBolschewismus.”
Abgesehen davon, dass mich der EBolschewismusvergleich angesichts des Leninbildes in Herrn Jessens Büro leicht amüsiert: Soziale Umgangsformen einzufordern und eine zweifelsohne höchst pluralistische Gruppe wie die der Internetnutzer pauschal als “großmäulig” abzutun, das ist in einem Absatz schon mehr als Dialektik: Es ist einfach nur verlogen. Da kann und darf man ganz groß drüber maulen, wenn ein Feuilletonist nur wenig mehr denn 140 Zeichen benötigt, um seinen eigenen Anspruch so frei heraus durch gegenteiliges Verhalten als bloße Hirnwichserei jenseits gelebter Realität zu diskreditieren.
5 sagten etwas
Habe mich auch versucht, ist aber noch nicht fertig:
http://kommentare.zeit.de/user/rakeller/beitrag/2009/06/04/walter-lippmans-herde-will-nicht-mehr-grasen-kommentar-zu-„das-netz
[…] 5. “Die Dialektik des Jens Jessen” (falk-lueke.de) “Das Netz als Feind” hiess es vor zwei Wochen, “Das Netz trügt“, heisst es heute. Falk Lüke dazu: “Abgesehen davon, dass mich der EBolschewismusvergleich angesichts des Leninbildes in Herrn Jessens Büro leicht amüsiert: Soziale Umgangsformen einzufordern und eine zweifelsohne höchst pluralistische Gruppe wie die der Internetnutzer pauschal als ‘großmäulig’ abzutun, das ist in einem Absatz schon mehr als Dialektik: Es ist einfach nur verlogen.” […]
Was bitte stammt denn an diesem Satz dort unten von einer “spitzen Feder”? Ganz abgesehen davon, dass die Klickrate, die er dort am Wickel hat, doch gerade den ‘Netizens’ als höchst fragwürdige Messlatte gilt. Während hinwiederum die ‘Altverleger’ damit bei allen Media-Agenturen hausieren gehen und die längsten ‘Klickstrecken’ legen. Klassischer Fall von ‘Knieschuss’, würde ich sagen …
*Dieses Ideal einer unendlichen und unendlich diffus bleibenden Diskussion wäre zwar noch immer kein demokratisches, aber doch harmloses, wenn sich nicht der Eindruck aufdrängte, am Ende werde die kommerzielle Währung des Internets, die Klickrate, auch für ein denkbares Abstimmungsverfahren in geistigen Auseinandersetzungen gehalten.*
[…] kühlschranknotizen » Die Dialektik des Jens Jessen - Ich wusste: Irgendetwas stört mich an Jens Jessens Zeit-Kommentar. Jetzt weiß ich's. […]
Lieber Klaus Jarchow,
ich bezog die Wertung “spitze Feder” nicht speziell auf diesen Text. Er ist mir als Polemiker und teils sehr guter Rhetoriker bekannt.
Dass der Klickstreckenwahnsinn auch und gerade bei den Netizens auf eher negative Gefühle stößt, hat leider nur wenig Effekt in der Reporting-orientierten Vermarktungswirtschaft…