Eine Parabel für Heinrich Wefing
Auch in der dieswöchigen Ausgabe der ZEIT ist wieder einmal ein Artikel enthalten, der uns sagt, dass das Internet oder zumindest seine aktiven Bewohner tendenziell böse sind. Und dieses eine Mal stimme ich dem Autoren Heinrich Wefing bei etwas zu. Denn er hat etwas geschrieben, das zweifelsohne korrekt ist:
Erstaunlich ist nicht, dass dieser Kulturkampf jetzt losbricht. Erstaunlich ist in Wahrheit, dass er so lange auf sich warten lassen hat. Wieso hat es fast zwanzig Jahre gedauert, bis öffentlich formuliert wird, was doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist: dass das Netz kein rechtsfreier Raum ist.
Es ist gut, dass Wefing diesen Punkt aufwirft. Und er liegt zweifelsohne damit richtig, dass im Cyberspace die heutigen Gesetze nicht als solche ernst genommen, Freiheit verehrt und gelebt wird. Dass so lange geschwiegen wurde, hat seinen guten Grund.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie hätten eine Insel entdeckt. Sie finden diese Insel wunderschön, bauen sich dort ein kleines Häuschen, fangen Fische und bauen Gemüse an. Es gibt ein Wäldchen, eine Lichtung und einen Bach. Sie lesen manchmal ein gutes Buch. Manchmal, wenn der Wind gut steht, hören Sie die Fischerstochter vom Festland ein Liedchen trällern. Das weiß sie nicht und es tut ihr auch nicht weh, aber sie freuen sich an diesem Liedchen.
Irgendwann kommen Ihre Freunde zu Besuch. Sie mögen die Insel und beschließen, zu bleiben. Sie freuen sich über ihre Freunde die Ihre Insel mögen und sagen: was mein sei, sei auch dein.
Irgendwann kommen die Eltern zu Besuch. “Was für eine schöne Insel, und spannend, wie Ihr hier alle lebt. Aber das ist schon alles etwas seltsam hier. Aber gut, dass wir so liebe, unpolitische Kinder haben. Da brauchen wir uns ja wohl trotzdem keine Sorgen machen.”
Sie leben weiter und immer mehr Freunde kommen auf ihre Insel. Alle freuen sich, aber viele vergessen, dass es nur eine Insel ist. Sie kommen gar nicht mehr wegen der Insel, sondern deshalb, weil hier irgendwie die cooleren Leute sind. Weil hier etwas neues entsteht und sie gerne dabei sein wollen.
Als eines Tages die Eltern vor Ihrer Tür stehen und sagen, dass sie jetzt auch auf der Insel wohnen, sind Sie überrascht. Als die Eltern sagen, dass auch alle Ihre Freunde herziehen wollen, dass dafür aber der Wald planiert, der Bach ausgetrocknet und der Fischfang eingestellt werden muss, sind sie erstaunt und erschreckt. Als die Eltern dann auch noch sagen, dass das Fischermädchen vom Ufer doch bitte nicht diesen schrecklichen Indiepop sondern gefälligst Schlager trällern soll, platzt Ihnen der Kragen. Sie sind schlussendlich doch politisch geworden.
Wefing hat dennoch Unrecht, wenn er schreibt:
Dass im Cyberspace dieselben Gesetze gelten wie in der realen Welt.
Die Internetgeneration hat ihre Eltern in Ruhe gelassen, so wie die Elterngeneration die Internetgeneration nicht beachtete. Nun hat die Elterngeneration beschlossen, das Internet so zu betreten, als ob sie dort zuhause wäre. Wir leben in spannenden Zeiten. Und die Zeit (nicht die ZEIT) arbeitet für die Internetgeneration und ihre Gesetze.
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