Onlinewahlkampf 2009: #fail
Posted on 01 April 2009 by Falk
Achtung. Hier gehts um Politik und meine höchstpersönliche Meinung. Und ja: Ich habe gerade nicht so gute Laune. (Deutlich weniger genervt scheint Robin Meyer-Lucht gewesen zu sein, zart Besaitete also bitte da lang.)
Es ist jetzt noch ein gutes halbes Jahr bis zur Wahl. Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, was bislang getan wurde und was dann noch kommt. Ich war gestern Abend beim Media Coffee der DPA-Tochter “news aktuell”, wo Politikstrategen (Kajo Wasserhövel, Steffi Lemke, Hans-Jürgen Beerfeltz), der nicht mehr für die Bundes-CDU aktive Peter Radunski sowie für die Medienseite Peter Frey vom ZDF herumsaßen. Das Publikum war gespickt mit Abgeordneten- und Fraktionsmitarbeitern, Medienmenschen und nicht zuletzt einer Heerschar total wichtiger Mitarbeiter mindestens genauso wichtiger Politikberatungsfirmen, die bei Speichelleckwettbewerben mit Sicherheit Medaillenchancen gehabt hätten.
Noch vor wenigen Monaten konnte man mit den Menschen, die auf dem Podium saßen, halbwegs normal reden. Und mit einigen davon habe ich das auch gemacht. Aber gestern Abend war Wahlkampfzeit. Inhaltsarmes Schaulaufen, ein leider fehlendes Phrasenschwein hätte vor Freude gequiekt und mit dem Ringelschwänzchen so rotiert, dass es zum Sahneschlagen getaugt hätte. Sicher war es der falsche Ort. Obama? Ach Quatsch, die öffentlich-rechtlichen sollten doch ja bitte nicht nur Merkel und Steinmeier zum TV-Duell einladen.
Sicher war es das falsche Publikum. Wer dort saß, verdient zum Großteil am herkömmlichen Flaschenhalsgeschäft. Aber mein Glaube an den Willen der Parteien, sich ernsthaft in den Onlinewahlkampf zu begeben, ist gestern Abend erschüttert worden.
Wo stehen sie bislang?
1. Die Parteien haben sich Obama angeguckt.
2. Sie haben sich neue Websites gegeben.
3. Sie haben sich überlegt, dass Obamakampagne sein eigentlich sehr cool wäre. Leider habe man aber keinen Obama.
4. Sie haben ihre Wahlprogramme erstellt.
5. Sie haben ihre Kandidaten (weitgehend) bestimmt.
6. Sie haben die Worte der Obama-Kampagne auswendig gelernt.
Was kommt:
Heiße Luft. Und davon ganz schön viel.
Und warum?
1. Obama angucken ist schön. Wenn ich mir anhöre, wer die Phrase vom “kontrollierten Kontrollverlust” (also bewusst Wahlkampfanteile an die eigene Klientel abgeben) statt dem “unkontrollierten Kontrollverlust” (es nicht zu tun, so dass die Klientel es einfach trotzdem tut) so alles schön dreschen kann, wird mir speiübel. Wer Grassrootscampaigning so versteht, dass er einer Horde willenloser Deppen sagen kann, was sie tun und lassen sollen, der sollte es einfach nur sein lassen.
2. Die neuen Websites sind ein Fortschritt. Aber sie sind Stückwerk, sie sind kranken wie die Gesamtkampagnen an Botschaften und Gesamtstrategien. “Wir sind für dagegen” oder “gegen dafür” und übrigens, wir sind auch noch die besten. Und unser Personal steht genau dafür. Statt Kampagnenplattformen, die Menschen ansprechen und für die Parteien begeistern sollen, haben sich die meisten für Websites entschieden, die höchstens zu einer Sache taugen: Pressemitteilungen.
Ich sage es mit einem Zitat aus Joe Trippis großartigem Buch “The Revolution will not be televised”: They didn’t get it.
Es wurde korrekt konstatiert, dass Obamas “Change”-Kampagne nicht nur für den Wechsel, sondern auch gegen Bush, Bushs Gefolge, Bushs Amerikastil und das Fox News-Amerika geführt wurde. Ohne ein dagegen wird es kein dafür geben. Wer Grassroots Campaigning möchte, kann sich nicht darauf zurückziehen, total hübsch und toll und besser zu sein. Engagement kommt dadurch zustande, dass es etwas gibt, für dass man sich engagieren kann. Und wer die seltsam diffuse Masse der Kern-Netzbewohnerschaft erreichen und für sich gewinnen möchte, kommt einfach nicht umher, sich auch mit deren Themen zu beschäftigen.
Es ist ein Irrglaube, dass die Verschrottungsprämie automatisch relevanter sei als die Frage, ob Netze neutral gestaltet sein müssen. Es ist ein Irrglaube, dass die Koketterie mit Inkompetenz in technischen Fragen dabei förderlich sei. Es ist ein Irrglaube, dass man über Themen wie Beschäftigungspolitik und die Frage der Länge der Auszahlung von Kurzarbeitergeld die ach so saturierte und bornierte Netzgemeinde (die schon allein aufgrund ihrer eigenen Bildungssituation sicherlich eine privilegierte, aber keineswegs automatisch unsolidarische ist) ansprechen könnte. Es ist irre, zu glauben, dass, wenn man sich nicht für sie interessiert, sich die ach so egozentrischen und unbedeutenden Multiplikatoren im Netz für die eigene Sache begeistern ließen.
Noch ein paar Bemerkungen zu Peter Frey und seiner Haltung, dass es ja bedauerlich sei, wenn die Parteien im Netz an dem Flaschenhals der Massenmedien vorbei direkt mit dem Wähler kommunizieren würden: ich gehe vollkommen d’Accord, dass es Kernaufgabe professioneller Medien ist, zu hinterfragen, zu recherchieren, aufzudecken und politische Orientierung durch Einordnung zu geben. Nur wer es sich finanziell leisten kann, sich zeitintensiv mit einer Materie zu beschäftigen, kann sich qualifiziert und intensiv dazu äußern. Leider schaffen es die finanziell dafür ausgestatteten Medienschaffenden nur noch selten, sich selbst dieses Leitbildes zu vergewissern und genau das zu tun: sich nicht für Talk und Quote, sondern für Qualität und Tiefe zu entscheiden. Das letzte mir bewusst kritisch nachhakende ZDF-Magazin war Kennzeichen D. Wer seine Legitimation selbst abschafft, sollte nicht über den eigenen Deutungshoheitsverlust und die beklagenswerte Oberflächlichkeit der Amateure jammern.


Warst du jemals wirklich guter Hoffnung?
Wir sehen ja jetzt schon beim Europawahl und der Haltung der Kandidaten (? la Koch-Mehrin: http://blog.focus.de/kochmehrin/archives/357), dass sie von Kontrollverlust nichts halten; neue Medien nur als veränderte PR-Kanäle, nicht als verändertes Mindset.
Boringness rules!
Nur zur Ergänzung: Radunski ist in der Tat nicht mehr für die CDU aktiv. Dafür um so mehr für eine PR-Agentur…
Radunski hat bei der letzten RLP-Wahl noch die dortige Union bewahlkampft. Wenn auch für Publicis, iirc.