Gestern war ich in Hohenheim bei den 33. Stuttgarter Tagen der Medienpädagogik. Dort ging es in diesem Jahr um die Frage, ob und wie man Heranwachsende für Politik interessieren und begeistern kann. Leider konnte ich nur am Samstag anwesend sein und verpasste dort dadurch Ulrich Sarcinelli und Hans Leyendecker, konnte aber dem sehr schönen Vortrag von Holger Meeh und der Präsentation des neuen Wahlomat-Projektzuständigen der Bundeszentrale für politische Bildung miterleben, bevor ich selbst aufs Podium durfte.
Unter der Überschrift “Wieviel Inszenierung verträgt die Demokratie? Herausforderungen an Politik, Medien und Schulen” diskutierten der grüne Tübinger OB Boris Palmer, Michael Zeiß aus der Chefredaktion des SWR-Fernsehens, Wolfgang Gushurst von Das Ding (ebenfalls SWR) und Holger Meeh (Pädagogische Hochschule Heidelberg) mit dem Moderator Michael Herrmann, Päd. Hochschule Weingarten. Es wurde eine lebhafte Diskussion, in der von vornherein klar war, das wenig klar war. Das Publikum, vor allem Medienpädagogen, aber auch Studenten, Wissenschaftler und andere, waren zwar nicht laptoplos. Aber ich habe kein iPhone, keinen Blackberry und während der Diskussion auch keinen aufgeklappten Laptop (außer meinem) gesehen. Mir fiel auf: hier wird anders kommuniziert. Das Durchschnittsalter war wohl auch über 40.
Die Diskussion verlief, wie schon angemerkt, irgendwie Hölzchenstöckcheneinszweidrei-mäßig. Qualitativ war sie hoffentlich okay, das müssen die Zuhörer/-schauer beurteilen. Aber es war auffällig, dass wir vier oder fünf Diskussionen führten.
Wie kann man Kindern und Jugendlichen Politik nahe bringen? Nun, es ist schwer heutzutage. Da war man sich einig. Jugendliche interessieren sich nicht unbedingt für Politik, wenn Politik draufsteht. Dass vieles von dem, was sie interessiert, keineswegs politikfern ist, geschenkt. Boris Palmer berichtete, dass er mit seiner Verwaltung und den örtlichen Schulen aktiv versucht zu vermitteln, dass die große Politik und die kleine keineswegs irrelevant sind. Weshalb er auch selbst viel mit Klassen diskutiert - und dann viel damit zu tun hat, gegen Klischees und Vorurteile anzukämpfen.
Auch Wolfgang Gushurst versucht Politik nahe zu bringen. Das Ding ist ein Tri-Medium für den Nachwuchs, beachtet und gelobt, kritisiert und von manchen mit Naserümpfen bedacht. Denn Das Ding macht nicht zuletzt Pop - inszeniert und verpackt, packt ungeniert Inhalte an, bei denen mancher lieber einen Psychologen anrufen würde oder den Sendebetrieb einstellen. Das macht es in meinen Augen zwar ziemlich gut, aber dennoch ist es eine Gratwanderung: Wieviel “seichte Kacke” muss sein, wieviel Entertainment tut Not, produziert man auf diese Art nicht genau die Apathie, die man vorgibt nicht zu wollen? Alles nicht so einfach.
Das Fernsehen als klassisches lineares Medium ist da keineswegs immer besser bedient. Denn das muss nicht nur diese Zielgruppe beglücken, es muss alle erreichen - so zumindest der Anspruch. Dass der nicht erfüllt werden kann und wird, sei dahingestellt.
In der Diskussion ging es also um vieles - und in meinen Augen vor allem um Aufmerksamkeit? Boris Palmer meinte, dass er die 600 Leute, die ich bei Twitter erreiche, beim Gang durch die Stadt schon treffe. Stimmt irgendwie, aber irgendwie auch nicht. Habe ich nicht weiter diskutiert. Interessant fand ich die Diskussion mit dem Publikum: hier zeigte sich bei manchen eine gewisse grundlegende Technikskepsis, auch eine ausgeprägte Angst vor der Vereinnahmung des Alltags durch die Technik schien mir in manchem Redebeitrag anzuklingen. Und natürlich gibt es Auswüchse, vielleicht lebe ich manche davon ja auch selbst sehr aktiv. So wie ich vor Jahren sicherlich einmal zwei Wochen lang primär mit Railroad Tycoon verbracht habe. Ist das dadurch etwas schlimmes? Oder nur etwas anderes?
Was heißt das alles für die Politik? Mit Wolfgang Gushurst und seinen Erfahrungen weitgehend übereinstimmend ist mein Fazit, dass Politik und medial reproduzierte oder auch produzierte Politik doch viel zu oft an der Lebenswirklichkeit der jüngeren Generation vorbeigeht. Und dass das nicht nur eine Form- und Formatfrage, also eine der Verpackung sei. Sondern dass auch und gerade im Inhaltlichen die Differenzen zu beobachten seien.
Übrigens sind weder Merkel noch Steinmeier Obama. Hielten wir am Rande fest.
Nachtrag: wir diskutierten natürlich auch ein klein wenig über die armen jungen Menschen, die heutzutage von gewalthaltigen Medien nur so überschüttet werden.