Adventskalendergeschichte #3: “darf ich mich auf bahn comfort setzen”
Posted on 06 Dezember 2008 by Falk
Viele der Leser meines Blogs kennen mein intensives Verhältnis zur Deutschen Bahn AG. Ich mag sie ja, auch wenn es mich schon vor den Weihnachtszügen graust. Es ist angenehm, zu fahren.
Auch, weil ich noch im Besitz einer bahn.comfort-Karte bin. Das ist so etwas wie eine Reservierung, ohne eine Reservierung zu haben: es gibt in ICEs einen bestimmten Bereich (ca. 32 Plätze in der 2. Klasse), der für eben diese Vielfahrkunden vorgesehen ist. Ich habe viel erlebt auf diesen Plätzen. Habe grummeligen älteren Herren nachweisen müssen, dass ich den Platz mit der Steckdose wirklich beanspruchen darf. Bin von grummeligen älteren Herren gebeten worden, den Platz doch bitte freizumachen, nachdem ich eine Nacht nicht so viel geschlafen hatte und eher nach mittel- und fahrkartenlos denn nach Bahn-Comfort aussah. Beim Sitzplatz ist man sich jedoch ab einer gewissen Fahrhäufigkeit klar der Nächste. Das werden wieder schöne Weihnachten.
Die Überschrift war übrigens eine Suchanfrage, eben aus den Serverstats gefischt. Die Antwort: Im Prinzip ja, aber. Aber heißt hier: wenn ich komme, dann machst Du mir bitte Platz. Als Dank für meine vielen tollen hochinformativen Bahnpostings.


Ich muss sagen, ich finde das grenzwertig. Ich habe auch eine bahn.comfort Karte, habe sie aber noch nie benutzt, um jemanden von einem entsprechenden Platz wegzupoebeln. Widerstrebt mir irgendwie. Ich komme auch immer in arge Gewissenskonflikte in SItuationen wie dieser: Freitagnachmittag, ICE knallvoll mit Wochenendreisenden plus Soldaten (und vielleicht noch irgendeiner Messe auf dem Weg oder sowas), jedenfalls absehbar voll. Also kaufe ich mir eine Reservierung. Und in der Tat ist im Zug auch kein Platz mehr, aber auf dem von mir reservierten Platz sitzt ein altes Muetterchen. Es ist klar, dass sie stehen muss, wenn ich meine Reservierung durchsetze. Darf ich das moralisch tun (M35, koerperlich gut zusammen aber auch genervt und muede)?
Ich könnte jetzt sagen: ja. Muttchen kann sich ja auch eine Reservierung kaufen, nech?
Tu ich natürlich nicht. Die besonders kritischen Wochenendfahrten kann ich durch galantes Anfangs- und Endstationsfahren meist von vornherein ohne größere Probleme meistern. Und wenn nicht, frage ich etwa nach folgender Prioritätenliste: Unsympathen, Leute mit Schlips oder in lustigen Bürokostümen. Meist ists dann auch schon erledigt. Schwangere und Gebrechliche (wobei die eh meist eine Reservierung haben, sind ja oft Schalteruser) vertreibe ich natürlich nicht. Oder anders gesagt: ich vertreibe jene, bei denen ich denke, dass sie sich die Reservierung “sparen” wollten.
Jedenfalls ist das Finden meist noch nicht besetzter (bahn.comfort-)Plätze an Anfangs- und Endstationen einer der wenigen Vorteile für BahnvielfahrerInnen. Das Gegenstück zum Leute vertreiben ist übrigens, Leute wie deine Suchanfrage zu ermuntern, die Plätze doch zumindest solange zu nutzen, bis jemand kommt, der sie vertreiben möchte.