Barack Obama in Berlin: Schaut genauer auf diese Stadt
Gestern war ich bei Barack Obamas Rede auf der Straße des 17. Juni/Siegessäule. So wie ich kamen etwa 200.000 weitere um Obama reden zu hören. Auf meinem Rückweg, auf einer Rolltreppe im Hauptbahnhof, fragten mich zwei nette ältere US-Bürger ob und warum ich dort war. Sie konnten einfach nicht verstehen, was einen US-Präsidentschaftskandidaten so interessant für so viele Leute hierzulande macht.
Meine Antwort war nur die halbe Wahrheit, wie ich zugeben muss. Ich sagte, dass ich Politikwissenschaft studiert habe und dabei politische Kommunikation eines meiner Hauptfelder gewesen sei. Mich interessierte die Inszenierung, der Auftritt und die Rede eines Präsidentschaftskandidaten außerhalb des eigentlichen Wahlkampfgebietes. Doch nach etwas längerem Nachdenken muss ich ein paar Anmerkungen mehr machen (auch wenn dieses Posting dadurch gewisse Längen bekommt).
Zuallererst ist es natürlich mein professionelles Interesse. Normalerweise ist es mir nicht möglich, eine US-Kandidatenrede zu sehen. Ich habe eine Menge Artikel und Bücher über die Kampagnenführung in den USA und den Wahlkampf ums Weiße Haus insbesondere gelesen. Auch wenn mir klar war, dass diese Rede und die Inszenierung nicht annähernd so sein würden wie seine Heimspiele, war ich doch sehr interessiert daran, wenigstens ein bisschen davon zu sehen. Barack Obama mag der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden, aber der Präsident der Vereinigten Staaten – ich bin mir nicht sicher, ob, trotz all des Geredes über die Führungsrolle der USA in den internationalen Beziehungen und in der Wirtschaft, sich US-Bürger tatsächlich im klaren darüber sind, dass sie nicht nur „ihren“ Präsidenten wählen. Sie werden den nächsten mächtigsten Mann Politiker der Welt wählen.
Am Morgen fragte mich jemand in gebrochenem Deutsch nach dem Weg zur Siegessäule, wo Obama seine Rede hielt. Es stellte sich heraus, dass es ein französischer Photograph war, gerade aus Paris gekommen und am Abend schon wieder auf dem Heimweg. Er wollte „diesen Typ“ sehen. So wie ich auch. Und wie viele. Barack Obama ist in diesen Tagen so etwas wie ein Popstar.
Als Barack Obama zu reden begann, wartete die Menge auf das was kommen würde. Als Obama sich auf historische Momente wie die Luftbrücke bezog, klang es wie eine kleine Geschichtsstunde. Da die Geschichte in Deutschland allgemein bekannt und in den vergangenen Jahren so etwas wie toterzählt wurde, waren sich viele Leute in ihrer US-skeptischen Einstellung sicher, dass diese lange Einführung sich vor allem an das US-Publikum richtete (zumindest ist das, was ich selbst dachte aber auch Menschen um mich herum laut sagten). Als Obama über die historischen Beziehungen und Verbindungen zwischen den USA und Europa sprach zeigten sich erste Fragezeichen in den Gesichtern der Zuhörer. Kommunismus – auch wenn er sehr viel konkreter hinter dem Beton der Berliner Mauer war – hatte niemals die gleiche überwältigend negative Konnotation in Europa, wie er es in den USA hatte. Der Gegner war nicht der Kommunismus. Der Gegner war die Diktatur in jedweder Facette.
Wie bereits vielfach angemerkt hat Senator, US- und Weltbürger Obama keinerlei Erfahrung in internationalen Beziehungen. Dadurch wurde seine Rede mit einiger Spannung erwartet. Er erwähnte einiges, was die Menge gerne hören wollte, z. B. sein Engagement für nukleare Abrüstung, gegen den Klimawandel und für die Reduzierung von CO2-Emissionen, für die Umwelt und stärkere internationale Institutionen, für die Armen und Benachteiligten dieser Welt, für den Dialog mit jenen in islamischen Ländern, die westliche Werte teilen. Doch er erwähnte auch Dinge, die der Menge keine positiven Gefühle bereiteten. Er möchte nicht nur die Beziehungen über den großen Teich hinweg wiederbeleben und vertiefen. Er forderte Europa dazu auf, seinen Teil für eine bessere Welt zu leisten – und das nicht nur bei Themen wie Umwelt, sondern auch in militärischer und politischer Hinsicht. Insbesondere seine Lobrede auf ide Nato war eher befremdlich für die Anwesenden – die NATO ist, wie alle militärischen Optionen, nicht sehr populär in Deutschland. Die meisten Menschen sehen sie eher als Notwendigkeit denn als wirklich begrüßenswert an.
War es also ein historischer Moment? Ich denke schon, falls Obama Präsident werden sollte. Die typische deutsche, vielleicht europäische Sicht ist diese: wie kann jemand so dumm sein, George W. Bush zum Präsidenten zu wählen? Einen anti-intellektuellen texanischen Cowboy ohne grundlegendes Wissen über irgendetwas in dieser Welt? Umgeben von Geostrategen und Lobbyisten, die am liebsten die Welt regieren würden? Vielleicht übertreibe ich hier ein bisschen, aber die Enttäuschung über Bushs Wiederwahl hat tiefe Einschnitte im Vertrauen in die Wähler des früheren engen Verbündeten hinterlassen. Der Irakkrieg und seine Folgen waren nicht unvermeidbar, wer vorher die politischen Analysen verfolgte wusste bereits um die Probleme, die sich später als wahre Annahmen herausstellten. Der Irakkrieg wurde auf Lügen aufgebaut, unter Umständen geführt, die viele bloß den Kopf schütteln ließen.
Könnte ein US-Präsident Barack Obama die Probleme der Welt lösen helfen? Da es wenig Wahl für all jene gibt, die den Globus gerne in einen friedlichen Ort im Universum, an dem Menschen in Freiheit leben können: ja. Barack Obama hielt eine pathetisce, verlangende und sehr wählerzentrierte Ansprache in Berlin. Aber seine Botschaft ist in Europa wohlbekannt. Hier weckt „Change you can believe in“ Hoffnung und Erwartungen. Und, ganz nebenbei bemerkt, es kann sein, dass John McCain in den USA als erfahrener Außenpolitiker bekannt ist. In Europa ist McCain nur eine Pommes-Marke. Er ist für die meisten ein unbeschriebens Blatt. Barack Obama hat eine Vision einer Welt entworfen, in der viele lieber leben würden.
Ich hätte das auf der Rolltreppe sagen sollen, denke ich. Hoffe, dass die beiden gut in Zürich angekommen sind und die Fahrt mit der deutschen Staatseigentumsbahn genossen haben.
Eine kleine Anmerkung zur Sprache: als Obama den „Blogger im Iran“ erwähnte, als er sagte, er würde gerne „Direct Messages“ an jene senden, mit denen Bush nicht einmal spricht, da musste ich lächeln. Ich stellte mir deutsche Politiker vor, die so sprechen.
(Crossposting: Original auf falklueke.com - dem englischsprachigen Schwesterblog)
Jemand sagte was
Grundsätzlich können wir uns ja nicht den neuen US-Präsidenten schnitzen. So gesehen ist Barack Obama derjenige den ich klar bevorzuge. Letztendlich werden dann die Menschen auch durch ihr Umfeld geprägt, dass sich naturgemäß mit einem möglichen Amt als Präsident ändern wird. Aber ich hoffe Barack wird sich in manchen Punkten nicht zu sehr beeinflussen lassen.