Das Ende der Generation Praktikum?
Thomas Pleil freut sich: die Absolventen des Studiengangs Onlinejournalismus in Darmstadt kommen wohl fast alle unter. Abgesehen davon, dass sich bei Absolventenstudien im Regelfall diejenigen nicht zurückmelden, die echte Probleme haben, erstaunt mich ein Satz:
verdienen überwiegend zwischen 500 und 2.500 Euro netto
500 netto? Das ist Hartz IV. Oder Praktika. Dann vom Ende ebendieser einst proklamierten Generation zu sprechen, halte ich für gelinde gesagt erstaunlich. Von Praktikanten zu Geringverdienern - das ist kein Aufstieg.
8 sagten etwas
Gemeint sind natürlich Tagessätze :-)
Das möchte ich ein wenig relativieren.
Ob sich gerade die Unzufriedenen nicht zurückgemeldet haben, ist Spekulation, möglicherweise ist’s so. Aber auch das banale Problem, dass nicht alle Adressen zur Verfügung standen, ist ein Grund dafür,weshalb manche nicht teilgenommen haben. Insgesamt haben aber 83 von 101 Absolventen mitgemacht, das ist ein Rücklauf von 82 %. IMO ist das enorm viel.
Zum Thema Geld: Ich habe in meinem kurzen Text einige Lohnbandbreiten zusammengefasst. Im Detail sieht es so aus: Einer von 83 Antwortenden verdient unter 500 Euro - und ist in einer anderen Branche tätig (nicht Journalismus oder PR). 11 verdienen zwischen 500 und 1.000 Euro. Insgesamt liegen damit 14% der Befragten unter 1.000 Euro. Die Zahl der Geringverdiener ist also so hoch nicht. Bezieht man zusätzlich mit ein, dass etwa ein Drittel aller unserer Absolventen erst wenige Monate vor der Befragung ihr Diplom gemacht haben, so empfinde ich die hier getroffene Schlussfolgerung etwas übertrieben.
Und noch eine Kleinigkeit: Ich habe nicht behauptet, dass die Generation Praktikum am Ende sei, sondern gefragt, ob dies so sei und selbst geantwortet, dass diese Folgerung wohl nicht zutreffe.
Nur 14% der Antwortenden prekär. Oder nicht doch eher: 14% Prekariat? Jeder siebte also?
Ich habe nicht geschrieben, dass das Ende ausgerufen worden sei. Aber angesichts dieser Quote zzgl. nach meinen Erfahrungen mit Absolventenstudien (etwas größerer Studiengänge) einer relevanten Restmenge ebenfalls in mindestens ähnlich gelagerten Anstellungsverhältnissen in der Gruppe der Nichtantworter (habe selbst einmal bei solchen “nachgefasst”, warum sie nicht antworten) überhaupt darüber laut nachzudenken…
Ich glaube, wir sind uns schnell einig, dass es viel zu viele sind, die viel zu wenig verdienen - auch unter den hier Befragten.
Auf der anderen Seite ist es für mich ein Fortschritt, dass drei von vier Befragten nicht erst ein Volontariat, Praktikum o.ä. absolvieren mussten, um in den Beruf zu kommen. Wenn ich mich richtig erinnere, war das für Journalismusabsolventen vor ein paar Jahren noch ganz anders.
Ein anderer Aspekt, vielleicht aus Sicht mancher etwas naiv: Ich möchte gar nicht, dass Studenten sich einer “Generation Praktikum” zugehörig fühlen. Leider habe ich oft genug den Eindruck bekommen, dass allein dieser Begriff manchen das Selbstbewusstsein nimmt und sie sich “unter Wert verkaufen”.
Spannend ist natürlich die Frage, wie sich die Berufswege entwickeln und zu welchem Ergebnis eine Befragung der selben Absolventen in ein paar Jahren kommt.
Als Autor der Studie darf ich hinzufügen:
1. Es wäre schön, wenn man als Journalist erst mal eine Studie liest, bevor man über sie schreibt. Der Seite 18 z.B. können Sie entnehmen, dass das Einkommen der OJ-Absolventen im Schnitt nur geringfügig unter dem Einkommensschnitt aller Online-Journalisten in Deutschland liegt - und das obwohl die Absolventen erst seit kurzem im Job sind. (hier der Link zur Studie: http://blog.journalismus-darmstadt.de/?p=292)
2. Es ist bezeichnend, dass hier gerade über das Einkommen diskutiert wird und nicht über andere wichtige Punkte - zum Beispiel, dass 91 Prozent der befragten Absolventen zufrieden oder sehr zufrieden mit ihren derzeitigen Jobs sind.
3. Wir haben 18 von 101 Absolventen nicht rechtzeitig für die Befragung erreicht (alle anderen haben ja geantwortet). Zwei davon haben sich nachher gemeldet - sie arbeiten in ähnlichen (positiven) Jobsituationen wie die Befragten. Es gibt eine Reihe von Indizien dafür, dass die Nicht-Antworter auf keinen Fall grundsätzlich unzufrieden sind oder von Harzt-IV leben, wie Sie behaupten.
Herr Meier, mich interessiert die Studie nicht sonderlich und auch die Zufriedenheit Ihrer Absolventen nehme ich ggf. erfreut zur Kenntnis, hat aber mit meinem Posting nicht sonderlich viel zu tun.
Mich interessiert, wie man mit Studien jedweder Couleur umgeht, wie man sie interpretiert. Ihr Kollege Pleil hat die Ergebnisse der Befragung gleich zum Diskussionsbaustein eines Endes der “Generation Praktikum” erhoben.
Wenn ich den Ball der Leseempfehlung an Sie zurückspielen darf: ich schrieb nicht, dass sie unzufrieden sein *müssten* oder von Hartz IV *lebten*. Sondern vielmehr, dass erfahrungsgemäß die Situation derjenigen, die sich nicht bei Absolventenbefragungen zurückmelden eher schlechter denn besser ist (im Vergleich zur Rückmeldersituation).
Es mag natürlich sein, dass in Darmstadt alles anders ist und die Leute vor lauter gut bezahlter Arbeit keinerlei Zeit für die Rückmeldung haben. Aber 16/101 sind immer noch 15%, zu denen Sie keine Angabe treffen können. Aber wissen tun wir es nicht.
Lieber Thomas Pleil, vielleicht sollte man den Begriff auch kurzerhand vergessen. Immerhin ist bei vielen Studiengängen - iirc auch beim OJ in Darmstadt - die Praktikumsmühle ja inzwischen von nachgelagert als Pflichtveranstaltung in den Studienzeitraum verlegt worden. Insofern wäre alles andere dann ja doch auch sehr erschrecklich…
Richtig, denn Praktika nach dem Studienabschluss sind häufig eine Form der Ausbeutung - während eines Studiums jedoch können sie die Lehre sinnvoll ergänzen und ein Bestandteil der Qualifikation sein und Orientierung geben (wenn die Sache fair läuft, wird ein Praktikum selbstverständlich bezahlt). Oder glauben Sie, dass Praktika generell überflüssig sind? Das hielte ich ehrlich gesagt für etwas realitätsfern.
Vermutlich werden wir zu einigen Aspekten unserer Diskussion unterschiedlicher Meinung bleiben…