Barack Obama tut es, Lyssa tut es. Professoren wie Maha und Habu tun es, andere üben damit ihr französisch. Downing Street 10 nutzt es, um Clooney-Visiten zu covern. Und Niggi tut es nicht, betonterweise. Twitter. Twitter. Überall Twitter. Man kann in diesen Tagen nicht aktiver Netizen sein, ohne dauernd auf Twitter zu stoßen. Versuch einer Einordnung der Mikroblogplattform.
Um sich Twitter zu nähern gibt es viele Wege. Ein naheliegender ist, die Charakteristika im Vergleich zu anderen Formen der Onlinepublikation zu suchen. Doch was bietet sich dort an?
Weblogs sind von kleinen Content-Management-Systemen angetriebene Plattformen, auf denen Menschen individuell oder gemeinsam Inhalte veröffentlichen. Wie lang, in welcher Form und wozu, das alles ist den Autoren überlassen. Blogcharakteristisch sind die Kommentar- und die Trackbackmöglichkeit - also die Interaktion mit an anderen Orten im Netz stattfindenden Inhalten und anderen Personen.
IRC bietet sich als Vergleichsmedium ebenfalls an. Dort treffen sich Menschen absichtlich oder zufällig in Channels genannten, frei eröffenbaren Chatrooms, in denen sie unter Pseudonym über all das diskutieren können, was sie bewegt. Viele Channels haben eine lange Historie und sogenannte Residents, Stammbenutzer. Häufig gehen diese gar nicht offline, auch dann wenn sie schlafen. In Queries genannten Fenstern können sich die Nutzer privat austauschen. IRC findet im Web de facto nicht statt, es gibt, jenseits solcher Spaßseiten wie bash.org, kaum unter HTTP auffindbare IRC-Inhalte. Dennoch, was in den Channels stattfindet, ist Teil einer Diskussion in einer Mikroöffentlichkeit: wie Anwesende mit dem vorgefundenen Content umgehen, liegt außerhalb der Reichweite des Einzelnen.
Jabber und die meiste anderen Instant Messenger funktionieren nach dem Buddylist-Prinzip: man muss Kontakte hinzufügen, um mit ihnen Chatten zu können. Viele Instant Messenger bieten auch Gruppenchats an, doch stets stet der individuelle Nutzer im Vordergrund. Instant Messenger haben daher primär privaten Charakter: ihre Inhalte sind öffentlich nicht abrufbar (Ausnahme bestätigen die Regel), werden nicht von Google und Konsorten indexiert.
Auf Twitter haben die Nutzer die Länge einer Kurznachricht (140 Zeichen) Platz um ihren Mitteilungsdrang auszuleben. Chronologisch invertiert wird dort dargestellt, was die Menschen bewegt. Lesen können das theoretisch erst einmal alle: unter twitter.com/username wird dargestellt, was der Nutzer so alles in die Welt setzt. Was macht diesen Dienst also attraktiv? Vordergründig bietet er gegenüber den vorhandenen Techniken nur Nachteile.
Privat ist passé, man schreibt gefühlt für eine Mikroöffentlichkeit und weiß dabei doch genau, dass potenziell jederzeit jedermann zugreifen könnte. Klar, man könnte seine Updates schützen. Aber ist das wirklich der Sinn und Zweck einer Plattform, die zum wilden Aggregieren, Mashen, Interagieren auffordert?
Die Twitternutzung füllt eine Lücke: die meisten Tweets sind in ihrem Informationsgehalt zu klein fürs Bloggen oder zu unwichtig um den Inhalt gezielt einer Person mitzuteilen. Es ist eher ein Rufen in die Wüste. Und manchmal kommt hinter einer Sanddüne jemand hervorgekrochen, der Lust an Interaktion mit diesem Ruf verspürt.
Twitter ist als alleinstehende Kommunikationsform fast nicht verständlich. Nur im Kontext von Blogs, Instant Messengern und IRC ist Twitter zu verstehen: function follows form. 140 Zeichen sind 140 Zeichen - egal von welchem Endgerät aus, einer der großen Stärken Twitters.
Es ist für mich persönlich Befindlichkeitsbloggen und - auch aufgrund der direkten Reply-Funktionen - eine deutlich emotionalere Veranstaltung als das Publizieren via Blog. Twitter entzerrt die Kommunikation weiter, ist ein Anwendungsfall des verzichtbaren Egotainments. Twitter ist die Real-Life-Soap ohne Realität.
Oder sollte zumindest sein. Denn Twitter erfordert eine viel größere Schere im Kopf als das Bloggen: der Chatcharakter, insbesondere seit ich es primär über Jabber in Adium mitbenutze, verleitet dazu, auch Dinge zu publizieren, die einem hinterher leid tun können. Ist ja eigentlich nur ein weiteres Chatfenster, oder?
Nein, ist es nicht. Twitter ist Publikation. Mit den entsprechenden Mindeststandards die ich an Diskretion und Sprachniveau habe. Und deshalb halte ich es auch beim Twittern so, wie ich es schon beim Bloggen halte: über mich wird dort nur der viel erfahren, der mich eh schon kennt. Ansonsten gibt es dort eher einen Einblick in Interessen. Und manchmal - aber ohne den Kontext sicherlich eher seltsam wirkende - Stimmungsbilder und Kommunikationsfetzen mit Menschen, die ich gut, schlecht oder eigentlich auch gar nicht kenne.
Mein Lieblingstwitterer ist übrigens der hier. Der ist nämlich durch und durch künstlerich.