Categorized | Medien, Menschen, Rechner und Netz

Partizipation im Web: Suum cuique

Posted on 10 Dezember 2007 by Falk

Bernd Graff, stv. Chefredakteur bei Sueddeutsche.de hat darüber geschrieben, dass das partizipative Web nicht zuletzt voller Dreck sei. Darauf kann man mit wütender Polemik antworten, so wie es der geschätzte Kollege Knüwer tat. Oder aber man schenkt Graffs vermeintlichen Argumenten etwas mehr Aufmerksamkeit. Denn was er schreibt, ist vordergründig korrekt.

Seit Anbeginn der Zeitung schreiben Menschen Leserbriefe. Und wer jemals die Fanpost mancher Zeitung gesehen hat, der weiß, dass dort nicht nur lesbares und lesenswertes User-Generated-Sonstwas ins Haus flattert. Doch vieles davon landet niemals auf den gedruckten Seiten.

Anders im Netz: hier können Leserkommentare ohne Prüfung und in Sekundenschnelle hinterlassen werden. Manchmal ganz ohne, meist nach einer einfachen Anmeldung. Verifiziert nur mittels E-Mailadresse ist der Nutzer in der Lage, seine Meinung zu äußern, Kritik und Lob zu üben, auf vermeintliche und echte Mängel hinzuweisen. Für Verfechter des Gatekeeperwesens und Puristen ist dies keine schöne Vorstellung.

Mit etwas Wortgewalt und einem Stapel externer Referenzen – oft Begründungen, die einer sachlichen Betrachtung kaum standhalten wie der Verweis darauf, dass Wikipedia nicht den Anspruch erhebt, wissenschaftlichen Standards zu genügen – schwingt sich Graff von Liane zu Liane. Unsinn sei es, den viele anonyme Kommentatoren hinterlassen. D’accord. Ungeprüft seien die Informationen. D’accord. Loser Generated Content. D’accord. Das alles existiert. Und er räumt gleichzeitig ein, dass ja doch gar nicht alles so schlimme wäre, es Leuchttürme der Wisdom-of-the-Crowd-Welt gebe.

«Warum aber sollten Menschen, die lediglich neue technische Möglichkeiten nutzen, etwa um ihre Poesie-Alben zu veröffentlichen oder um ihrer Trauer über kaputte Computer Ausdruck zu verleihen, warum sollten diese Menschen Produktionsbedingungen für Medien diktieren und Meinungsführerschaft beanspruchen?», fragt Graff. Das ist die alles entscheidende Frage: Ist man willens, technisch und organisatorisch in der Lage, sich angemessen mit UGC (vulgo bei sueddeutsche.de Leserkommentaren) zu beschäftigen? Ihren Mehrwert zu erkennen, ihn wertzuschätzen ohne gleich jeden getippten Buchstaben auf seinen Sinngehalt hin überprüfen zu müssen?

Jede partizipative Plattform ist nur so gut wie ihre Nutzer. Und diese richten sich nach dem Angebot. Dass alle großen Zeitungsportale nunmehr Catchall-Strategien fahren und statt auf Qualität nur auf Reichweitenzuwächse setzen, das ist ein Armutszeugnis. Sueddeutsche.de sperrt zu gewissen Zeiten die Kommentarfunktion, weil sie eine Moderation nicht mehr gewährleisten können. Wer die Nutzer der schon legendären “Die 100 besten Biere”-Galerie haben will, der bekommt auch ihre Ergüsse nach dem Genuss ebendieser zu spüren. Oder anders gesagt: wer Schrottcontent anbietet, wird auch von seinen Usern nichts als Schrottcontent erwarten dürfen. Das gilt im Übrigen nicht nur für Sueddeutsche.de.

Aus meiner Arbeit bei ZEIT online habe ich gelernt, dass der Content zumindest heutzutage den UGC maßgeblich bestimmt. Manches Thema zieht bestimmte Usertypen an, die man gar nicht haben möchte. Und dennoch: selbst die in meinen Augen beklopptesten Nutzer bei ZEIT online, z. B. meine wenig geliebten Salonfaschisten, sind bezüglich des formalen Niveaus deutlich über dem eines durchschnittlichen Redebeitrags eines beliebigen Proseminars an deutschen Universitäten. Leider? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Diskurs ist, wenn man damit umzugehen weiß. Und sich nicht fürchtet, vor dem was da kommt. Alles wird.

6 Responses to “Partizipation im Web: Suum cuique”

  1. Bjoern sagt:

    “Diskurs ist, wenn man damit umzugehen weiß.”

    Zitiere Dich gerne bei Gelegenheit mit diesem Satz. Danke.

  2. derblauebarbar sagt:

    Korrekt. Oder anders: Wo Dünnschiß ist, sind Fliegen auch. Es ist, speziell bei der SZ (online) mehrfach (nicht nur von mir) angemahnt worden, die Qualität der online-gestellten Artikel deutlich zu heben ODER aber wenigstens die kostenlosen Hilfs- und Spann-Dienste Der Kommentatoren im Sinne ihres beta-tester-Daseins zu würdigen.

    Und dann kommt (quasi als Dank) der Graff-Artikel.

  3. Gafra sagt:

    “z. B. meine wenig geliebten Salonfaschisten…”
    Leider gibt es aber auch diejenigen, die in sehr aggressiver Weise differenzierte Äußerungen als Verleugnung von Nazi_Verbrechen deuten und User in einer Weise angreifen, die der von Salonfaschisten kaum nachsteht.
    Das ist mir selbst passiert und in der Folge stürzte sich eine Gruppe Gleichgesinnter auf mich, so dass ich es vorzog unter neuem Pseudonym zu kommentieren.

  4. derblauebarbar sagt:

    Idi*ten gibt’s auf beiden Seiten. Das ist doch unbestritten. Unbestritten ist aber auch, daß es gute technische Möglichkeiten gibt, um solche Auswüchse klein zu halten, daß es einer gewissen man-power (Moderation) bedarf, um es gesittet zu halten und daß es (last but not least) eines anspruchsvollen content -(Umfelds) bedarf, um die Wahrscheinlichkeit von Pöbeleien gering zu halten.

    Der Weg, den die SZ gerade geht, ist der genau entgegen Gesetzte.

  5. simplymyself sagt:

    23.12.2007
    simplymyself

    “Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser “Freeze” gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage”:

    Kinderschutz in Deutschland – Die vergessenen Kleinen Ein Kommentar von Heribert Prantl

    Ist es nicht auch ein Verlassensein, zu nicht genehmen Zeiten einen Kommentar zu solch einem Artikel schreiben zu wollen und nicht zu dürfen? Hat sich in Ihrem Hause einmal jemand Gedanken darüber gemacht, was Unbehaustheit wirklich bedeutet? Ist dies nicht bereits eine Form des Ungewolltseins, der Überflüssigkeitsbekundung Außenstehender in Bezug auf die eigene Existenz, sofern sie nicht konform geht mit dem öffentlich Akzeptierten, weil Bekanntem und daher Erkanntem?
    Und was ist mit dem Fest der Geburt Christi? Beginnt dieses für die sueddeutsche.de bereits am Wochenende vor dem Heiligen Abend, und wenn ja, ab welcher Uhrzeit?
    Oder schließen Sie diesen Tag mit ein in die Schockfrostzone? Beziehungsweise: darf der gemeine suedcafe-Benutzer seine unmaßgebliche Meinung am Montag = morgen = Heiligabend kundtun in der Zeit von 08:00 bis na ja wann? 18:00h? Oder ist dann bereits wieder shockfrostzonetime??
    Wozu richten Sie ein Leserforum ein ohne Sperrmöglichkeit vorherig bedachter Auswüchse jedwelcher Richtung und ohne ein anschließend irgendwie auch nur annähernd erkennbares Prinzip der konstruktiven Verbesserung?

    Ich wünsche den Damen und Herren Moderatoren ein besinnliches und friedliches Weihnachtsfest, bar jeglicher Ironie.


Leave a Reply

It sounds like SK2 has recently been updated on this blog. But not fully configured. You MUST visit Spam Karma's admin page at least once before letting it filter your comments (chaos may ensue otherwise).

Kategorien

Archives