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Schirrmachers schöne Scheinwelt

Frank Schirrmacher macht sich Gedanken. Das klingt dann beispielsweise so:

Wir riskieren, die wenigen Kinder, die unsere Gesellschaft in Zeiten des demographischen Wandels hat, auf Dauer mit seelischem Extremismus zu programmieren, wenn wir nicht bald eine Debatte über pornographische und kriminelle Inhalte im Internet beginnen.

Er singt das Hohelied vergangener Zeiten, in denen die Behüteten nicht mit dem konfrontiert wurden, was die böse Welt dort draußen ihnen tatsächlich zu bieten hatte: Sex und Gewalt.

Mir scheint Schirrmachers Position zutiefst verabscheuungswürdig. Was er als «ikonografischen Extremismus» brandmarkt, ist doch nur ein Abbild dessen, wozu Menschen im Stande sind. Als Journalist sollte ihm die Dokumentation des unmenschlichen Menschlichen ein hohes Gut sein, vielleicht sogar das höchste. Niemals habe ich in der FAZ (oder auf FAZ.net) einen Artikel gefunden, der sich angemessen mit den Inhalten auseinandersetzt, die via Internet heute auf uns einprasseln können.

Internet, das heißt vor allem: Pull-Medium. Wir wählen aus dem Menü, und was serviert wird, steht bereits dran. Natürlich ist auch das im Angebot, was Schirrmacher «Extremismus» nennt. Doch was will uns das sagen? Müssen wir besser behüten? Oder ist das passende Wort für Schirrmachers Plädoyer nicht eher Bevormundung?

Kinder von heute verstehen YouPorn genausowenig (und es interessiert sie so wenig) wie sie früher Pornozeitschriften der Eltern, die Softpornos im Zeitschriftenladen oder ähnliches interessiert haben. Sicher, sie werden es sich einmal angucken. Und wenn sie Gefallen daran finden, dann haben Mama und Papa verloren. Mittel und Wege sind einfacher geworden, man könnte den Zugang vielleicht auch demokratischer nennen. Wer Aufnahmen realer Enthauptungen schauen will, kann dies tun. Aber: niemand wird gezwungen.

Wer das akzeptiert, kann seinen Kindern den größten Gefallen tun, der möglich ist: ihnen das Handwerkszeug zu mündigen, aufgeklärten Bürgern mit auf den Weg zu geben. Schirrmacher hat Angst vor diesem Nachwuchs, den er nicht mehr von der unglaublichen Qualität seiner Tageszeitung überzeugen kann, die «eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden» habe. Dass dies leider stets die vergangenen 24 Stunden vor Drucklegung waren, das sagt Schirrmacher nicht. Wer die Nachrichten bereits verdaut hat, kann sich bequem anderen Angeboten im Netz zuwenden. Zum Beispiel - aber nicht nur - YouTube, MySpace, Facebook und wie die Spielzeuge alle heißen mögen. Das Internet ist ein Konkurrenzangebot zu allem analogen Leben. Nicht primär zur Tageszeitung. Und führt auch dazu, dass man die ganz realen Momente um so mehr zu schätzen und genießen lernt. Ein *knuddel* wird nunmal die Qualität einer realen Umarmung niemals ganz erreichen.

(Dieser Beitrag ist aus meinem beruflichen Umfeld ins Privatblog umgezogen.)

4 sagten etwas

4 Responses to “Schirrmachers schöne Scheinwelt”

  1. Danielon Nov 1st 2007 at 19:52

    Ich empfehle Walter Moers: Sex und Gewalt. Aber Schirrmacher lesen wird bekanntlich mit Kafka, nicht unter 3 Erzählungen, bestraft.

  2. […] ist bemerkenswert, dass der von mir begrüßte Text von Falk Lüke umgezogen ist (Link). Sollen wir uns Gedanken […]

  3. […] trifft, trifft zu.” möchte man kurz und prägnant notieren, wenn man die meisten Reaktionen der Blogosphäre auf eine Rede des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher in der […]

  4. […] kühlschranknotizen  […]

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