Adam Soboczynski hat sich die “Generation Praktikum” einmal unter anderen Vorzeichen angeschaut.
Ich habe beim Lesen lange überlegt. Er meint wohl viele Menschen aus meinem Umfeld. Und wirft doch zusammen, was nicht zusammen gehört. Die Debatte um die »Unterschicht« – nicht ums Schmidtsche »Unterschichtenfernsehen« – ist zeitlich nachläufig, ab Oktober 2006. Die »Generation Praktikum«- bzw. »Prekariat«-Debatte ist älter und das, womit sich Soboczynski denn auch den großen Rest seines Artikels beschäftigt. Und doch kommt er immer wieder auf die »Unterschicht« zurück, als diejenigen, die nicht geerbt haben/nicht erben werden.
[…] die Familien der Generation Praktikum derzeit überschüttet werden mit Geld und Immobilien […] Mittelbar hat das Erbe die Generation Praktikum längst erreicht […] »Eltern-Airbag« […] »Auch die Generation Praktikum braucht Geld für Kleidung, Computer und Bier.« […] es ist schlicht prestigeträchtiger, ein Praktikum bei, sagen wir, Suhrkamp zu absolvieren, als in einem Fachbuchverlag für Kindergartenpädagogik in Stuttgart eine Stelle anzunehmen: Da fällt kein Glanz ab. […] Larmoyanz ist hierbei eine besonders raffinierte Form der Koketterie. […] ihr Anspruch besteht nicht in erster Linie aus einem kapitalistischen Streben nach Einkommen, sondern nach Selbstverwirklichung und Sinnerfüllung. Bloß kein langweiliger Bürojob, bloß kein Beamtendreikampf: Knicken, Lochen, Heften. Bloß nicht, auch nicht übergangsweise, Call-Center. Es ist attraktiver, eine Weile unter seinem finanziellen Niveau zu leben, dabei aber einem Milieu anzugehören, das um Kultur, Kunst oder Medien kreist. […]
Studenten, Absolventen: geht in die Call-Center! Macht dem Müllmann die Tonne streitig!
Wo die 68er noch die Politisierung des Proletariats forderten, fordert Soboczynski nun das Ende der Schöngeistigkeit. Nieder mit dem Fortschritt, nieder mit dem Flanierleben aus dem Elterngeldbeutel, jetzt wird Handarbeit betrieben! Wer 20 Jahre seines Lebens in Bildungseinrichtungen verbracht hat, soll sich nicht mehr für wenig Geld ausbeuten lassen. Er soll für wenig mehr Geld endlich das tun, was man so schätzt: ehrliche Arbeit.
Ein Aspekt fehlt im Artikel vollkommen, und den halte ich für einen der wichtigsten: Die laissez faire-Erbpraktikanten machen Vollzeitjobs. Ich sitze gerade in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Der Zentrale der Digitalen Bohème, der Selbstausbeutung – und der Nutznießer.
Hier wird sie gemacht, die Berliner Republik. Und einer ihrer Hauptmotoren sind: Praktikanten. So manche PR- und PA-Agentur, die nur aus zwei echten Beschäftigungsverhältnissen besteht. Und ansonsten “run by interns” ist. Vom großen Konzern bis zur kleinen Klitsche, ein Meer gut qualifizierter und unglaublich billiger Mitarbeiter hat das Outsourcing in den eigenen Grenzen ermöglicht. Kaffeekochpraktikanten leistet sich heute kaum ein Unternehmen mehr. Dafür gibts es professionelle Praktikanten beim Lebensmittelcaterer. “Verantwortung übernehmen” heißt das neudeutsch. Oder, noch schöner: “Eigenverantwortlich arbeiten.”
Einer der Hauptnutznießer dieses Zustands ist, neben PR/PA, NGOs und Politik (ja, auch und gerade die), die Medienbranche. Wie es da ergeht? Was dort zu tun ist? Hier ein paar Kostproben (”Wer seine Zeit und sich selbst verbraten will, ist hier gut aufgehoben”). Die vierte Macht im Staate singt das hohe Lied, erweist sich aber gleichzeitig vollkommen unfähig, ihre eigenen Verlage auf den richtigen Weg zu bringen: Wieviel Geld bekommen ZEIT-Hospitanten und -Praktikanten? Kann man davon in Hamburg oder Berlin leben?
Was mich am Artikel wohl am meisten stört, ist eine eigene Falschwahrnehmung: es sind die Kinder der 68er, die sich einfach herausnehmen zu leben, wofür manche aus ihrer Elterngeneration (nicht jeder davon taugt als Erben-Airbag) gestritten haben. Die die Freiheiten ausnutzen. Doch Adam Soboczynski ist selbst erst 31 – und neben seinem zielgerichteten Karrierestreben würde ich, ohne ihn zu kennen, fast vermuten, dass er er ein analoger Bohemièn sein könnte.
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» Ich will nicht werden, was mein Alter ist