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Der Mann von nebenan

Posted on 25 November 2006 by Falk

Es klingelte an meiner Tür. Erst an der Haustür, dann an der Wohnungstür. Morgens um kurz nach zehn. Und ich erwartete keinen Besuch, sondern war in Eile. Wer konnte es sein? Staubsaugervertreter, Zeugen Jehovas? Als es das zweite Mal an der Wohnungstür klingelt, öffne ich dann doch.

Vor mir stehen zwei Herrschaften in ihrer charakteristischen beige-grünen Kombination. Wann ich den Nachbarn denn das letzte Mal gesehen hätte, wollen sie wissen. Ich habe überhaupt keine Ahnung, einige Tage ist es sicherlich her.

Es ist ein Haus mit vielen Mietparteien, 24 Briefkästen zieren den Eingang. Ich kenne vielleicht fünf von ihnen. Die nette Familie mit anatolischem Migrationshintergrund, die deutscher wirkt als die meisten anderen Einwohner der Gegend. Und die ältere Dame mit dem kleinen Kampfhund, die im Theater um die Ecke jobbt und immer gut gestylt ist.

Meinen Nachbarn habe ich in drei Jahren vielleicht zehn Mal gesehen. Wenn ich auf dem Balkon war, dann stand er manchmal an der Brüstung seines Balkons. Herr N. ist ein älterer Mann. Schwierig zu schätzen, wie alt genau. Mitte 50? Anfang 60? ich kenne ihn nicht. Herr N. ist nur mein Nachbar.

Die besorgten Polizisten haben jemanden mitgebracht. Vermutlich eine Verwandte. Ich kann ihnen nicht weiterhelfen und offenbar auch niemand sonst im Haus. Manchmal, wenn Herr N. vor mir durch den Hausflur ging, roch es nach Alkohol. Sein Telefon hörte man manchmal durch die Wand klingeln.

Nun schlägt man nebenan die Scheibe zur Wohnung von Herrn N. ein. Die Drehleiter auf der Straße zieht die Schaulustigen an.

Einmal habe ich bei mir Geburtstag gefeiert. Da stand er gerade zufällig auf dem Balkon. Ich hab ihn gefragt, ob er etwas dagegen hätte, wenn es etwas länger lauter sein würde. Herr N. hatte natürlich nicht. Er war selbst nie laut.

Als ich die Wohnung verlasse, steht vor meiner Tür ein großer Feuerwehrkoffer. Auf der Straße steht das Feuerwehrauto mit Drehleiter, ein Polizeiauto und ein Krankenwagen. Ich habe keine Ahnung, wie es Herrn N. geht. Ich muss zum Zug. Er ist mein Nachbar.

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