Berlin – Wittenberge
Es ist 8:19 Uhr, der ICE rumpelt auf Gleis 7 aus dem Lehrter Bahnhof. Zu früh für meinen Geschmack. Aber nicht zu früh für die beiden Damen in der Sitzgruppe schräg rechts von mir im Wagen 23. Die machen wieder einmal das, was ich an Deutschen so schätze: Meckern über professionelle Optimierer (Consulter, Controller etc.). Und consulten ganz kostenlos den halben Tag. Beratungsunternehmen? Die Bahn sollte einfach Mikrofone installieren. «Viel zu schwierig zu finden, diese unteren Bahnsteige!», krakeelt die eine. Ich hatte erst einen Kaffee. Habs aber trotzdem geschafft. S-Bahn-Gleis, dreimal runter. Gar nicht so schwer. «Und es sind viel zuwenig Infotafeln!», antwortet ihre Freundin in gleicher Lautstärke. Ja, sie hat recht. Aber das interessiert hier niemanden. Soll sie das doch als Anregung an die Bahn mailen. Ich werfe ihnen böse Blicke zu. Was sie natürlich nicht stört. Sie optimieren den Hauptbahnhof, die Bahntaktung und die Schaffnerfreundlichkeit bis der Zug durch Wittenberge rauscht. Dann lesen sie Bunte, Gala oder sowas. Schade, dass man im ICE so schlecht Leute mit dem Kopf aus dem Fenster halten kann. Bisschen Durchzug wäre gar nicht schlecht gewesen.
Ludwigslust bis Bergedorf
«War das die Acht?» – «Nein, die Zwölf». Der nächste Optimierer kommt kurz nach Ludwigslust. Ein muffliger Mann in seinen Vierzigern. Er führt im Auftrag der Bahn Kundenbefragungen durch. Ob ich teilnehmen wolle, fragt er mich. Na, klar doch. Vielleicht ja wirklich eine Möglichkeit, dem geliebten Schienenunternehmen ein bisschen was mitzuteilen. Meine Bahnkarte möchte er sehen. Daran ist unschwer zu erkennen, dass ich häufiger fahre: Bahncard, Onlineticket, Reservierung, Kreditkartenzahlung. Ob er noch mehr notiert hat?
Er reicht mir seinen Frage- und Antwortbogen. Das ist gar nicht schlecht gemacht, er besteht aus einer Fragezahl und einer wohl eher zufälligen Antwortzahl. Dadurch können Mitreisende mit durchschnittlicher Gedächtniskapazität nicht nachvollziehen, was man antwortet. Reisehäufigkeit, Anzahl der Übernachtungen bis zur Weiterreise, Bonusprogramme, Handyticket und noch ein bisschen.
Er ist langsam. Schafft bis Bergedorf noch drei Sitzgruppen, also seit Berlin geschätzte zwei Waggons, ca. 50 Leute. Immerhin war ich damit zwei Prozent seiner Ergebnisse.
Bergedorf bis Hamburg
Nach Kundenzufriedenheit hatte er nicht gefragt. Das fällt mir auf, als in Bergedorf eine Baustelle aus heiterem Himmel mitten auf die Bahnstrecke plumpst. Direkt vor den ICE 1608 von Leipzig nach Altona. Zumindest klingt die Durchsage so. Gut zehn Minuten steht der Baureihe 2-ICE dort herum. Wie die meisten anderen darf ich eine kleine Verspätungsmeldung durchtelefonieren. Bergedorf sieht schrecklich langweilig aus. Mit jeder Minute schrecklicher. Danach wirkt selbst Hamburg wunderschön. Wäre alles glatt gelaufen, ich hätte mich weniger übers Ankommen gefreut.
Der Eintrag hier war schon fertig. Eigentlich. Dann kam Smultron, mein Standardeditor unter MacOS X. Der erste Bug seit Monaten. Deshalb jetzt aus dem Gedächtnis.