Zuhause ists am gemütlichsten
Eine kleine Polemik in Erwiderung auf Florian Holzhauers Aufruf zu kreativem Ungehorsam. Zwei Tage später als geplant.
Das Internet ist ein feines Feld. Dort darf jeder alles sagen, was er möchte. Solange er nicht in China wohnt, den Jugendschutz respektiert und auch sonst ganz lieb und nett ist. Er darf sich sogar mit großen Konzernen, kleinen Tagedieben und mittleren Katastrophen beschäftigen. Und seine Meinung in Bits und Bytes gießen.
Manchmal, aber nur manchmal, da kommen sie aus den Löchern. Diejenigen, die meinen, dass sie eine Meinung hätten. Zur Meinungsfreiheit, zur Unabhängigkeit des Cyberspace, zu Softwarepatenten. Zum Beispiel auf dem Chaos Communication Congress, dort findet man sogar ziemlich viele von ihnen. Sehr normale Menschen, manche vielleicht etwas überinformierte Newsjunkies, die auch mal zu ökologischen Fehlschlüssen neigen. Und dann regen sie sich auf. Manchmal sogar fürchterlich. Sie denken alleine, in Gruppen und in Vorträgen darüber nach, ob die Welt nicht viel besser sein würde, wenn man auf sie, die Nerds hören würde.
Das beschäftigt sie dann drei, vier Tage lang. Und danach setzen sie sich in den Zug, ins Auto oder den Flieger. Gehen heim an den Rechner - und stellen fest, dass die Welt immer noch ungerecht ist. Dass sie wieder nicht zugehört hat. Dass in der Politik Milliarden für falsch dimensionierte, falsch geplante, nutzerferne und nutzerfeindliche Projekte ausgegeben werden. Oder auch mal nur Millionen. Dass sie das ganz furchtbar schrecklich finden. Und die Gesellschaft mehr auf die Nerds hören sollte.
Was daran nicht stimmt? Die Nerds exkludieren sich in ihrer Definition aus der normalen Gesellschaft. Dabei sind sie alle in erster Linie nur Menschen. Und wie alle anderen Gruppen könnten sie ihr Wissen auf ganz verschiedene Arten und Weisen einbringen.
Warum gehen eben diese oft gut gebildeten, mit Sachverstand ausgerüsteten Menschen nicht in die Parteien? Es wird schon welche mit genügend Themendeckung geben, an Parteien herrscht hierzulande sicherlich kein Mangel. Warum gehen sie nicht in die Lokalpolitik? Dort wird im kleinen der gleiche digitale Bullshit betrieben, wie im großen - oder wer entscheidet über die Frage, welche Software in Schulen, Tagesstätten und Kindergärten eingesetzt wird?
Expertise tut not - und es gibt Menschen, die sie haben. Und eine Sensibilisierung für ihre Themen schaffen können - sich dafür aber aus ihrem Sessel herausbewegen müssten.
2 sagten etwas
“Warum gehen eben diese oft gut gebildeten, mit Sachverstand ausgerüsteten Menschen nicht in die Parteien?”
Ein paar Kommentare von jemandem, der es versucht hat… Sicher, einen Versuch zu bereuen wäre dumm - das Schlimmste, was geschehen kann, sind wohl schlechte Erfahrungen… Anyhow: Es funktioniert nicht. In Parteien leben Hierarchien, existieren Ortsgruppen, Landesverbände, ein Bundesverband. Dort finden sich ein paar Leute, die mit Enthusiasmus und Engagement an Sachen arbeiten, zusammen mit solchen, die den schnellen Weg nach oben suchen. Willst Du relevante Entscheidungen mit beeinflussen, mußt Du ebenfalls weit genug oben in der Hierarchie sein, um überhaupt erst einmal gehört zu werden. Wenn Du “unten” grummelst, interessiert sich kein Schwein für das, was Du sagst. Aber nach “oben” kommst Du nicht mit Ideen, mit denen Du Konflikte in Deiner Partei finden wirst.
“Warum gehen sie nicht in die Lokalpolitik? Dort wird im kleinen der gleiche digitale Bullshit betrieben, wie im großen - oder wer entscheidet über die Frage, welche Software in Schulen, Tagesstätten und Kindergärten eingesetzt wird?”
So eine Entscheidung hast Du einmal in zehn Jahren auf dem Tisch, und dann ist nicht einmal sicher, daß Du wirklich entscheiden kannst. Da ist der Lehrer, der nur Microsoft kann, da ist das Förderprogramm, welches viel Geld verspricht, wenn Du die “richtige” Technik installierst und kaufst, und da ist im Zweifelsfall immer eine Mehrheit, die Dich überstimmen wird, weil das Thema für sie genauso unbedeutend ist wie für Dich die Diskussion über Umgehungsstraßen oder das Stop-Schild in Hintertupfingen.
“Was daran nicht stimmt? Die Nerds exkludieren sich in ihrer Definition aus der normalen Gesellschaft. Dabei sind sie alle in erster Linie nur Menschen. Und wie alle anderen Gruppen könnten sie ihr Wissen auf ganz verschiedene Arten und Weisen einbringen.”
Natürlich gibt es Nerds/Geeks/Hacker/whatever, auf die diese Definition (leider) paßt. Andererseits: Wo Wissen einbringen? Wo mitdiskutieren, wenn nicht diskutiert wird? Dieses Land hat keine politische Kultur. Versuch’ mal, irgendwo in eine Fußgängerzone zu gehen und die Menschen in ein Gespräch über aktuelle politische Themen zu verwickeln. Danach bist Du grenzenlos desillusioniert. Schlimmer noch: Nahezu alle Themen, die “nerd-relevant” sind, existieren im Themen- und Nachrichtenbereich der “restlichen” Gesellschaft nicht. Hast Du in irgendeiner Nachrichtensendung, irgendeinem Magazin, irgendeiner weitreichenderen Berichterstattung jenseits von heise und Co. schon ‘mal ‘was von Softwarepatenten, IPRED oder dem biometrischen Paß gehört? Letzterer hat es zwar selbst in den MDR geschafft - aber erst, nachdem er schon beschlossene Sache war, und auch dann nur deswegen, weil ganz plötzlich klar wurde, daß der Bürger dafür perspektivisch mehr Geld in die Hand nehmen muß. Ansonsten haben diese Themen keine Öffentlichkeit.
Was also tun? Warten, bis die Mediengesellschaft an Wirkung verliert, die Menschen aus dem Bilder- und Tonstrom der Push-Medien heraustreten und wieder selbst denken? Verbittert und zynisch darüber philosophieren, daß die Gesellschaft letztlich doch nur das bekommt, was sie in ihrer Ignoranz, in ihrer geistigen Faulheit verdient? Oder einfach nur “Wind machen”, versuchen, Menschen zusammenzuführen in der Hoffnung, irgendwann einmal eine kritische Masse zu erzeugen für bestimmte Themen?
Sicher, im Rahmen von CCCs oder Linux-Tagen diskutiert sich gut über solche Fragen. Aber nur derlei Events sind es, die überhaupt irgendwie Aufmerksamkeit erzeugen, die es vielleicht schaffen können, durch ihre pure Größe Menschen anzulocken, die bislang Berührungsängste und/oder noch gar keine Kontaktpunkte mit den verbundenen Themen hatten. Das ist etwas, was Dir in politischer Arbeit nie gelingen wird, soviel ist sicher…
[…] Die Idee zu der Podcastepisode ist, nebenbei bemerkt, schon etwas älter. […]