Beyond Kapuzenpullover

Online und Offline sind diametral gegensätzliche Welten. Im einen herrscht Journalismus, nämlich in der guten alten Welt der Druckerschwärze, im anderen das möglichst schnelle Zusammenschreiben von Sachverhalten, wie sie sich bei oberflächlicher Betrachtung darstellt, bei dem es am Ende nur um Klickproduktion geht.

Das etwa könnte eine These sein, mit der man sich der Debatte über Kapuzenpulloverträgerjournalismus nähern könnte. Sie ist, in dieser Form, natürlich grober Unfug. Journalismus ist nicht deswegen gut oder schlecht, weil der Buchstabe auf Papier oder digital transportiert wird, weil er im Radio vorgetragen oder im Fernsehen mit Bildern unterlegt wird. Und er wird es auch nie deswegen sein. Guter Journalismus braucht weder Hoodie noch Sakko noch zwangsläufig das Wissen, wie man komplexe Googleanfragen startet. Er benötigt auch nicht zwangsläufig das 47. Teekränzchen mit Bundespolitikern. Guter Journalismus braucht eines: Ahnung.

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Zeit ist ein wesentlicher Faktor beim Ahnung haben. Nur wenn ich die Zeit für den Ahnungserwerb („Recherche“) habe, kann diese tiefergehend sein als eine aus (oftmals institutionalisierten) Vertrauensverhältnissen herausgefischte Zusammenfassung. Zeit muss ich mir aber auch nehmen, um genau hinzugucken. Ist das bei der Twitter-Debatte um die Kapuzenpullover geschehen? Ein Foto, quasi ein Screenshot, aus der FAS genügte, um Menschen auf die Palme zu treiben, die sich geringgeschätzt fühlten. Böses Holzblatt gegen armes Internetz! 2007 hat angerufen!

Die Überschrift des FAS-Textes, nicht im auf Twitter verbreiteten Foto enthalten, heißt: „Die lieben Kollegen“. Der Autor Harald Staun bezieht sich im Kern darin auf den Text „Zwei Welten“ in der Zeit, geschrieben von Alina Fichter. Darin geht es um: Stefan Plöchinger, 37, Kapuzenpulloverträger. Und vielleicht bald Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Volksfront, Sektion Print, derzeit Chefredakteur der Volksfront Süddeutschlands, Sektion Online. Im Text heißt es:

Am wichtigsten erscheint den meisten: Plöchinger habe sich innerhalb der Süddeutschen Zeitung kein schreiberisches Profil erarbeitet. Tatsächlich hat er kaum Texte für das Blatt verfasst, zuletzt erschien ein Essay über Facebook. Man wisse deshalb nicht, wofür er journalistisch eigentlich stehe. Wenn er aber in die Chefredaktion des Blattes aufrücke, werde er womöglich Leitartikel (um)schreiben, wenn Kister und sein Stellvertreter Wolfgang Krach nicht im Hause seien. Aber Plöchinger sei weder ein begnadeter Schreiber noch ein Intellektueller.

Das ist durchaus bemerkenswert. Denn die in der Zeit zitierten Print-SZ-Kollegen meinen damit: er sei kein guter „Journalist“ (in ihrer Definition ist das offensichtlich eine Edelfeder) und er hätte in der Chefredaktion des Blattes deshalb nichts verloren. Ich habe noch einmal das sueddeutsche.de-Archiv durchgeschaut. Ergebnis: ich sehe keinen brillianten Stücke von Plöchinger. Was nicht heißt, dass er sie nicht verfassen könnte. Wer sich an süddeutsche.de vor einiger Zeit erinnert, weiß: er hatte andere Aufgaben denn schöngeistige Spaltenfüllerei. Diese Qualitäten als „Redaktionsmanager“, die er in den vergangenen Jahren bei der Online-SZ zeigte, werden auch von den Print-SZlern hervorgehoben. Genau das ist, was Staun in der FAS aufspießte, als er vorschlug, im Gegenzug zur Plöchinger-Berufung in die Printchefredaktionsetage vielleicht einen „Journalisten“ in die Chefredaktion von Süddeutsche.de zu berufen. Und das ist, woraus das Kapuzenpullover-Meme entstand. Aber die Zeit, darüber nachzudenken, ob dort ein Fünkchen Wahrheit dran sein könnte, die hat sich kaum einer genommen (grundsätzlich löbliche Ausnahme hier, wenn auch nicht dazu).

Bemerkenswert am Rande bleibt, dass Kapuzenpullover heute noch Standesdünkel im Journalismus aufzeigen können. Sie überhaupt für erwähnenswert zu befinden, empfinde ich persönlich als peinlich. Und mich beschleicht das Gefühl, dass der Hoodie gerade bei jenen negativ konnotiert ist, die sich früher gegen das Establishment definierten – und sich heute als Gegenestablishment zu ihren Vorgängern verstehen. Ob die Kapuzenpulliträger von heute in 20 Jahren genau so sein werden?

Geschrieben im Kapuzenpullover.

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