Werte, Wandel, Wurstsalat: das Wortgewaltsterben fällt aus

Wortgewalt ist eine Tugend und der bundesrepubikanische Diskurs ist so tugendhaft, dass es mich manchmal schaudern mag. Sprachliche Blendgranaten, die den Blick auf den Inhalt vernebeln, sind an der Tagesordnung. Handwerklich schön angerichtetes, doch inhaltlich Fragwürdiges tritt da zu Tage.

Dublin, schräg gegenüber des neuen Google-Hochhauses
Dublin, schräg gegenüber des neuen Google-Hochhauses

Frank Schirrmacher ist zweifelsohne ein kluger Kopf und begnadeter Autor. Diese Woche liefert er uns ein Paradebeispiel, dass auch die Feuilletonfritzenisten gern die gute alte Regel der Vermeidung eines „Betroffenheitsjournalismus“ durchleiden wollen. Er versucht sich – offensichtlich im Schatten von FR-, FTD- und dapd-Ableben, -wicklung und -surdem – an einer Abrechnung mit den Heilsversprechen des Internets, der kalifornischen Ideologie (Richard Barbrook mag er aber gleich einmal nicht benennen, stattdessen ausschließlich auf Kevin Kelly referenzieren, der dem hier gewünschten Effekt der Zurschaustellung der Unzulänglichkeit gerade besser zupass kommt). Er zückt das Keulchen, um es – wie würdelos für Schirrmachers eigene Position! – auf Wolfgang Blau heruntertänzeln zu lassen, dem Noch-Zeit-Online-Chefredakteur, den er damit als Diskursteilnehmer adelt, wie er es sonst nur in seinem schreibenden Piratenkabinett tut, dem von Frank Schirrmacher höchstselbst gemachten Destruktivdiskurs der politisch Unerfahrenen. Er geißelt Blau der Kurzsichtigkeit, des parasitären Verhältnisses zum Mutterblatt, zum Schmarotzer der guten Printjournalismusmarke. Das ist: angewandte Wortgewalt. Doch was versteckt sich überhaupt an inhaltlich Aussagen in seinem wortgewandten Text? Schirrmacher stellt rhetorische Fragen.

Was stimmt jetzt überhaupt an all den Thesen über eine Technologie, die alle sozialen und ökonomischen Beziehungen verändern würde – und was davon ist nichts anderes als Silicon Valleys größter Werbecoup der Weltgeschichte?

Nicht, dass er vorhätte, diese Fragen zu beantworten. Denn Schirrmacher geht es nicht um die sozioökonomischen Veränderungen und letzten Endes auch nicht um die Frage, ob wir uns alle selbst verscheißern/lassen. Natürlich tun wir dies, graduell. So uns Frank Schirrmacher mit seinen steilen Thesen und der sie umgebenden heißen Luft in Wallung zu setzen versucht. Schirrmacher ist längst kein Beobachter mehr, er ist an vielen Stellen selbst der Diskursproduzent, sein Text ist das, was er bemängelt: nicht Wahrhaftigkeit und Aussagekraft, sondern der Wunsch nach Anerkennung, nach Franck’scher Aufmerksamkeit, nach Schulterklopflikes, das ist, was ihn treibt. Er wäre ein guter Blogger. Zum Beispiel bei der Huffington Post:

[..] Das Einzige, was einem auf Anhieb einfällt, ist das Internetprojekt der Millionärin Arianna Huffington, von AOL gekauft und dafür bekannt, dass es seinen Autoren keine Honorare zahlt. [..]

Das Einzige, was Frank Schirrmacher (Sic! Oder war es doch Michael Hanfeld?) auf Anhieb einfällt, ist das Internetprojekt der Millionärserbin Arianna Huffington, das seinen Bloggern nichts zahlt – außer in Reichweite für die eigenen Inhalte, die anderenorts monetarisiert werden. Die Plattform dahinter mit ihren Qualitätssicherungsmechanismen technischer wie redaktioneller Art kostet übrigens auch Geld und zahlt offenbar laut US-Gehaltsseiten auch gar nicht so schrecklich schlecht, wenn auch nicht glorreich. Was es somit insgesamt nicht wesentlich von einigen Zeitungen unterscheidet. Und wenn Frank Schirrmacher dann schreibt, dass „Corporate Journalism“ strukturell Scheiße sei (natürlich in gesetzteren Worten), dann hat er damit verflixt nochmal Recht – und sollte in Frankfurt mit dem Kehren anfangen.

Natürlich ist es darüber hinaus in dieser Ansammlung an Likewünschen auch zustimmungsfähig, die Verantwortung für Normeninterpretation und –konfrontation „den Konzernen“ zuzuschreiben, wie Schirrmacher es am Beispiel Apple nach Morozov tut. Definitionsmacht über Normen und Werte ist historisch stets bei demjenigen, der strukturelle Gewalt auszuüben in der Lage ist – das ist eine Binse, die mich Winseln macht. Apple und die katholische Kirche, Google und die Zeitungsverlage oder FoxNews, es ist gar keine Frage. Es ist banal und natürlich nicht zufriedenstellend, aber es ist, und das sollte man nicht unterschätzen, nicht das Silicon Valley von heute gewesen, das diese Entwicklungen erfand, optimierte, in die Welt setzte. Sondern die breite Aufbruchstimmung, die das Netz so werden ließ, wie es war, die auch einen Facebook und Google nach wie vor Angst machen: es hat einen Grund, warum sie weiterhin versuchen, irgendwie als nerdig zu gelten, um bloß nicht mit den Axel Springer AGs, Mecoms, Murdochs und anderen in einen Topf geworfen zu werden. MySpace starb, als Murdoch kam. StudiVZ war hinüber, als Holtzbrinck es „vermarktete“. Für das Geld, was darin versenkt wurde, hätte man guten Onlinejournalismus machen können. Wer stirbt hier also wen oder was? Welche Ökonomisierung funktioniert hier nicht? Frank Schirrmacher fragt am Ende seines Argumentenquartetts: „Wie kann eine Gesellschaft ohne guten Journalismus überleben?“ Ist das Ende von FTD und FR das Ende des guten Journalismus? Zumindest die FTD-Redakteure dürften kaum um eine Auffanggesellschaft zur Rettung geschäftsmodellbrüchiger betteln.

„Deutschland hat einen funktionierenden Sozialstaat. Wie will man begründen, dass einige Menschen arbeitslos werden, wenn man sie entlässt, andere aber noch eine Zeit auf Kosten der Arbeitslosenkasse und des Steuerzahlers in einer Auffanggesellschaft weiterbeschäftigt werden?“

Die Zeitungen, ehemals selbst notwendige Infrastruktur für den Transport von Nachrichten, machmal sogar Journalismus, und Werbung zum Leser, sie haben im Netz ihre infrastrukturelle Sonderstellung verloren. Und vielleicht, und das kann man in dieser unschönen neuen Welt auch gerne geißeln, ist es ja auch nur das: wir werden in Zukunft sehen, ob Journalismus überhaupt Relevanz für die Menschen hat. Soviel Relevanz, dass sie ihn möchten – auch finanziell. Als Journalist freue ich mich darüber, wenn es so kommt. Und fällt es aus, werde ich darüber noch berichten, um danach etwas anderes zu arbeiten. Das überbordende Sendungsbewusstsein eines Schirrmachers, ich fürchte, es wird in naher Zukunft nur noch für ein Blog reichen: Special Interest eben. Oder zu einer Meinungskolumne im Amazooglemagazin, wenn er denn davon leben müsste. Oder zu etwas ganz anderem. Politico vielleicht. Was Schirrmacher gleich einmal unterschlug, das hätte das an die Wand gezeichnete Bild vom unmöglichen Journalismus in Zeiten der fragmentierte Super-Internetkonzern-normierten-Öffentlichkeiten nachhaltig gestört. Nur klüger macht dieser Debattenbeitrag – und damit wohl auch dieser Text, der in der Verwirrnis des Besprochenen nach einem Lichtlein suchte – nicht. Wortgewalt ist eben nur eine Tugend, nicht mehr.

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