Feuilleton (aka Kulturteil)

Jede Zeitung, die etwas auf sich hält, hat ein Feuilleton. Warum? Weil Feuilletons der Ort sind, an dem sich der Journalist hinter seinem Wortgeröll verbarrikadierend austoben darf.

Baum, Grundzutat für Feuilletons. Symbolbild.
Baum, Grundzutat für Feuilletons. Symbolbild.

Das Feuilleton, im Volksmund wahlweise Föjetong, Föletonk oder abschätzig Kulturteil genannt, ist ein besonderer Bestandteil der heutigen Zeitungen. Es gibt keinen anderen Ort in einer Zeitung, in dem ein Verleger auch den abstrusesten Unfug dauerhaft dulden würde, solange er nur niveauvoll artikuliert daherkommt: Stil vor Hirn. Es gibt auch keinen anderen Ort, an dem auch alltags Experimente mit Formaten, Themen und, auch das, Stilmitteln möglich sind. Und schon gar keinen, der so selbstreferenziell oder zumindest systemreferenziell ist. Feuilletonisten schreiben nicht für den Leser, sie schreiben für die Kollegen im eigenen und die Feuilletons der Konkurrenz und wünschen, dass der Glanz der Gedanken der von ihnen Beschriebenen auch auf sie abfärben möge. Das ist alles fein. Ein gutes Feuilleton versteht sich als der beste Teil einer Zeitung, als das eine Edelfederbuch, das besserer Politik-, Wirtschafts- und im Zweifel auch Sportteil ist, da man dort in die Tiefe, in den Hintergrund, den Abgrund und die freie Aufarbeitung des Seins, des Menschen, des Menschseins und des Miteinandermenschseins vordringen darf.

Doch wie so oft verbirgt sich, hinter der Schönheit der Sprache, nur zu oft ein menschlicher Abgrund. Oder eben, wie bei den gewachsenen Feuilletons der deutschsprachigen Medien, ein ganzes Sammelsurium and Schluchten, Schluchzern und armen Schluckern, denen es viel zu oft nur noch um eines geht: ein klein wenig Glanz in ihrer bescheidenen Hütte, ein klein wenig Abfärben der Genialität der Großmeister des reflektierten Gedankens auf sie, die dies alles dem Leser zugänglich machen. Denn ist nicht wohl selbst ein kluger Mensch, wer mit klugen Menschen sich umgibt? Muss nicht jener, der Jacques Derrida, Jürgen Habermas und Harry Frankfurt gesprochen hat, nicht wenigstens ihre Werke durchdrungen, ihre Gedanken verstanden, ihrem geglaubten Genie annäherungsweise ebenbürtig sein?

Ach nein, der deutsche Kulturjournalist misst sich in seinem Dasein dem Hiersein des Dortseins der Anderen. Er streitet mit den Kollegen, er streitet mit den Kollegen der anderen Blätter, er streitet mit sich selbst. Das Feuilleton ist die Inkarnation des größten aller Medienübel, die Resterampe der Rücksichtslosigkeit gegenüber einem potenziell interessierten Leser. Es ist der Ort, an dem mit spitzer Feder der Konkurrenz ans Leder gegangen wird, ein organisiertes, ritualisiertes und egodominiertes Echokämmerlein. Das Feuilleton spricht nur zu sich und seinesgleichen. Man sollte sie alle schließen, sie in Kulturteil umbenennen und die Idee, dass es einen besseren Politikteil, einen besseren Wirtschaftsteil und einen besseren Sportteil brauche, schlicht eben dort ausleben. Es würde wenig verloren, aber vielleicht etwas gewonnen.

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