Anmerkungen zur Causa Jens Weinreich

Ich interessiere mich nicht sonderlich für Sport. Aber ich interessiere mich für Politik. Weshalb ich immer wieder mit Genuss die Texte und Stücke von Jens Weinreich las oder hörte. Nun diskutiert die Netz-/Medienmeute, wie es sein kann, dass der Deutschlandfunk ihn nicht weiter beschäftigte. Anmerkungen zu einer nicht gewöhnlichen Situation.

Der Deutschlandfunk steht unter Druck. Der freie Sportjournalist Jens Weinreich hat die Beendigung seines fest-freien Mitarbeiterverhältnisses durch die Sportredaktion des Deutschlandfunks, die wohl die einzige sportpolitische Redaktion in Deutschland ist, auf seinem Blog öffentlich gemacht und dabei Fragen aufgeworfen. Weinreich fragt, warum er gehen musste. Der Deutschlandfunk sagt, er hätte sich unkollegial verhalten. Weinreich vermutet, relativ unverblümt, dass er aus redaktionspolitischen Erwägungen geschasst wurde – formaljuristisch geht auch er davon aus, dass er nichts erreichen kann. Weinreich widerspricht in einigen nicht gerade irrelevanten Details der offiziellen Darstellung des Deutschlandfunks, warum die Zusammenarbeit beendet wurde.

Weinreich ist nicht irgendwer. Er ist der deutsche Sportjournalist, der sich wie kaum ein anderer in den Tiefen und Untiefen von IOC, FIFA und anderen internationalen Sportkommerzpolitgebilden auskennt. Ein Trüffelschwein. Und das weiß er zweifelsohne auch.

Früher hätte das niemanden interessiert, vielleicht ein paar Medienredakteure bei Tageszeitungen oder vielleicht – aber auch das ist eher unwahrscheinlich – die Journalistenmagazine. Aber Weinreich hat schon vor einiger Zeit begonnen, seine Bekanntheit über das Netz zu nutzen, um sich als Person bekannt zu machen. Diese Bekanntheit nutzt er jetzt. Und, soviel kann man wohl nach wenigen Tagen sagen, steht zwar zweifelsohne als ungewöhnlich radikaler Verfechter seiner Sache da. Aber wenn es stimmt, dass ihm mit der Beendigung des Arbeitsverhältnisses die wirtschaftliche Grundlage entzogen wurde, dann ist das wenig überraschend: hier steht einer mit dem Rücken zur Wand und hat nichts mehr zu verlieren. Anders als die andere Seite. Es gibt kaum einen Sender, der so für Seriosität und Glaubwürdigkeit steht, wie der Deutschlandfunk. Er ist das Aushängeschild des seriösen Informationssenders. Wenn er in Verdacht gerät, nicht nur an seiner politisch konsensual bestimmten Spitze, sondern sogar in den Redaktionen auf politische Interessen Rücksicht zu nehmen, sollten dort alle Alarmglocken schrillen und die Offensive gesucht werden: warum hat man Jens Weinreich gefeuert? Es mag dafür gute Gründe geben. Die verlautbarten sind es aber nicht. Dass die Verlautbarung Weinreichs Schilderung nach auch noch fehlerhaft ist, um so schlimmer. Das ist keine Werbung für das Kölner Hochhaus. Und überhaupt muss die Frage erlaubt sein: warum so wortkarg? Warum sind die Sender des Deutschlandradios in eigener Sache nah am Sendeausfall? Läuft da nur das Notband?

Unbequeme Journalisten sind oft unbequem. Das gilt nicht nur für diejenigen, die von ihren Recherchen betroffen sind, sondern auch für ihre Auftraggeber. Und manch einer wird im Laufe der Jahre zur Diva. Ob das für Jens Weinreich zutrifft, kann ich nicht beurteilen, da ich ihn nicht persönlich kenne. Aber was ich beurteilen kann: redaktionelle Unabhängigkeit ist in privaten Medienhäusern oftmals keineswegs so groß, wie man sie sich wünschen würde. Es wäre sehr schade, wenn man das auch über den “Funk”, das Aushängeschild der gesprochenen Information feststellen müsste. Für Weinreich gibt es eh keinen Weg mehr zurück zum Raderthaler Hochhaus. Alles was er jetzt machen kann: Crowdfunden. Und damit dem eigenen früheren Brötchengeber ein Schnippchen schlagen, das ihm mittelfristig mehr weh tun könnte, als die Debatte selbst: direktfinanzierter statt gebührenfinanzierter Qualitätsjournalismus, ohne Verwaltungsoverhead, das wäre ja mal was.

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