Warum ich freier Journalist bin

Ein paar Anmerkungen zu einem Text von jemandem, dessen Arbeit ich sehr schätze – weil er den Versuch macht, eine schlafende Prinzessin zu wecken.

Das Leben als Freier Journalist ist wunderbar. Man stößt immer wieder auf Erstaunliches.
Das Leben als Freier Journalist ist wunderbar. Man stößt immer wieder auf Erstaunliches. Hier bei einer Veranstaltung von Friedrich-Naumann-Stiftung und Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin (2011).

Wie sagte Horst Köhler einst? Man dürfe zuweilen gar nicht so sprechen, wie man zitieren kann:

Online-Journalisten sind von Medienunternehmern, aber auch Journalisten anderer Medien lange als Kollegen zweiter Klasse behandelt worden. Billiggehälter, kleinere Teams, härtere Arbeitsbedingungen, Dumpinghonorare für freie Mitarbeiter, kein Ansehen in den Mutterredaktionen: Unter diesen Rahmenbedingungen wurden und werden die Online-Seiten deutscher Medienhäuser betrieben. Es ist eine wichtige Frage, wie unter diesen Umständen ein nachhaltig profitables Produkt entstehen soll, das tradierte Qualitätsversprechen der journalistischen Marken einlöst. Von nichts kommt nichts, sagt der Volksmund. Jene Medienhäuser, die sowohl klug in ihre digitalen Produkte investiert haben, sind heute am besten für die Zukunft gerüstet.

Sage nicht ich. Sondern Stefan Plöchinger, der Chefredakteur von Sueddeutsche.de ist, vorher lange bei Spiegel Online war und den Ruf eines bewährten Onlinerecken hat.

Ich liebe den Journalismus. Es macht Spaß, sich in Dinge einzufuchsen, Zusammenhänge, Einflüsse, Auswirkungen darzustellen. Und Journalismus ist ein Menschenbusiness, hat viel mit Gespür und Näschen zu tun. Ich mag insbesondere auch Online. Weil Onlinejournalismus mehr kann als Papierjournalismus. Leider primär in der Theorie. Plöchingers Gesamtbild ist überaus zutreffend: niemand nimmt die notwendige Menge Geld für guten Onlinejournalismus in die Hand. Obwohl er damit vermutlich die komplette Landschaft umkrempeln könnte. So etwas wie “Reisekostenübernahme” ist etwas, das fast keine Onlineredaktion kennt. Sie kann ja ihre festen Mitarbeiter schon fast nie irgendwohin schicken. Weshalb es eher so ist, dass man als Freier irgendwohinzufahren beschließt und dann dort gezwungen ist, soviele Artikel aus einer Veranstaltung herauszupressen, dass die Reisekosten irgendwie mitgedeckt sind…

Trotzdem gibt es auch etwas, wo ich ihm widersprechen möchte: er schreibt an einer Stelle von

junge[n] Kollegen, die das Glück hatten, einen festen Job in einer Redaktion zu bekommen.

Ich möchte zu diesen von ihm beschriebenen Bedingungen aber gar nicht fest in einer Redaktion sitzen. Und ich halte es auch für einen der größten Konstruktionsfehler, wie Onlineredaktionen besetzt werden: Journalisten, die – ich überzeichne – vom Journalistikstudium in die Redaktionen fallen und nie ernsthaft frei gearbeitet haben, davon ihre Miete und ihr Frühstück zahlen mussten. Viele Onlineredakteure schreiben dabei auch noch kaum selbst, sondern sind in erster Linie Verwalter und Rettungssanitäter unter miesen Bedingungen entstandener, oft unsorgfältig zusammengetackerter Schnellmachwerke (geliefert wird, was bezahlt wird) von Freien. Was man vielen Texten dann auch wieder anmerkt. Oder sie dürfen zwei Nachrichtenagenturen miteinander remixen. Doch zur Recherche telefonieren? Bei vielen fast ausgeschlossen, weil sie in Großraumbüros sitzen [Ergänzung: in denen ich zumindest nicht wirklich gut herumtelefonieren kann und ihnen zudem für eigene Recherche eh fast keine Zeit gegeben wird]. Mit Onlinern kann man sowas ja machen. Oder?

Natürlich gibt es trotzdem die guten, entspannt geschriebenen Texte. Für meinen Teil kann ich für bessere Texte aus den letzten zehn Jahren zehren, meinem hübsch bunten Netzwerk an Menschen, die ich zu meinen Themen anrufen und fragen kann. Aber das war ein ganz schön langfristiges Investment. Das Leben als Freier bietet neben gewissen Unsicherheiten – vor allem wirtschaftlicher Art – aber auch wunderbare Freiheiten. Ich muss nichts. Ich kann. Bis das Konto das anders sieht. Aber so lang ist es eigentlich wirklich traumhaft.

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