Anmerkungen zur Piratenberichterstattung
Eine Frischzellenkur für das Parteiensystem? Demokratie wagen? Basis statt Bullshit? Es wird so viel über die Piratenpartei berichtet, dass man nur mit den täglichen „Erkenntnissen“ der schreibenden Kollegen wohl problemlos alle Folianten des gesamten 13. Jahrhunderts füllen könnte. Sie seien so anders, so jung, so frisch, so unverbraucht, so unprofessionell.
Das alles kann man da lesen. Und man kann dort lesen, wie sie versuchen, die Gremienstrukturen des prädigitalen Zeitalters durch Softwarestrukturen zu substituieren. Ein Hoch auf den Nachrichtenwert: Andere Leute machen etwas anders! Da ist der sprachbildfreundliche Name, der Jederfeder zum Klischeebingo einlädt. Da ist das ostentative Selbstbewusstsein, mit dem die Neuen versprachen, alles zumindest anders, einiges sogar besser zu machen. Da ist die ach so oft gelobte, offen zur Schau getragene Ahnungslosigkeit. Und sind nicht in Wahrheit viele der politischen Entscheidungsträger ahnungslos oder zumindest nur begrenzt handlungsfähig? Sind ihre Heilsversprechungen nicht allzu oft eher Volkes demoskopiertem Maule oder reinem Wunschdenken entsprungen? Oder gar in – an Manipulation grenzenden – Verzerrungen der Realität der Notwendigkeiten, der eigenen Gestaltungsmöglichkeit, und Kompetenzen vorgetragen?
Und da sind die Reaktionen der etablierten Parteien. Von Anbiederung (auch für „Piraten in der MLPD“ würde man sicherlich drei Zeilen Aufmerksamkeit irgendwo bekommen) bis Anfeindung (wahlweise als marktlibertäre, spätpubertäre Plebejer oder als programmfreie Chaotentruppe) ist alles enthalten. Wer Piraten möglichst gut, doof, notwendig, hirnfrei oder irgendwie findet, darf auch mal ins Fernsehen. Ein absurdes Schauspiel, das mehr über Akteure und Medienlogik aussagt denn über die Piraten. Was ihr Erstarken heißt, was sie wollen, was sie machen oder ob sie nicht doch genau so eine Schnarchtruppe sind, wie man es anderen Parteien so gern nachsagt, darüber erfahren wir im Regelfall: nichts.
Stattdessen sind sie eine Projektionsfläche für alle, die Politik gerne anders sehen würden – und damit ist auch die Enttäuschung vorprogrammiert. Denn die frischgebackenen Hobbypolitiker, deren aktuelle Erfolgsgeschichte mit dem Unfall eines Abgeordnetenhauseinzugs begann und für den sie überhaupt nicht gerüstet waren, genießen zwar – anders als die Politiker anderer Parteien – kollektiven Welpenschutz. Aber anders als die Möchtegernprofis anderer Parteien haben viele von ihnen tatsächlich oft nur lautere Absichten und fast keine Ahnung von tatsächlicher Politik und Verwaltung. Natürlich wäre es ein Irrtum, zu glauben, dass alle, die in anderen Parteien Karriere machten, zwangsläufig gute Politiker wären. Aber die aus vielen Gründen – wie der oftmals gescholtenen Konturlosigkeit junger Parteigewächse – und Teils auch zu Recht gescholtene Ochsentour ist fast immer auch mit einem Gutteil politischer Bildung verbunden, die nicht in Wikipedia nachzulesen ist, solange man nicht weiß, wonach man suchen müsste.
Zur medialen Inszenierung tragen auch die Piraten selbst wesentlich bei, ohne daran schuld zu sein. Ihre offene Kommunikation ist in puncto Banalität und Blödheit keinen Deut besser oder schlechter als in anderen Parteien, nur sichtbarer und damit einfacher medial zu verwerten. Wenn in der präpiratisierten Politik die Akteure für Home Stories gescholten wurden, ist die Story über Piraten mit etwas herumgoogeln nur zu oft in Sekundenschnelle verfertigt. Und einige der Akteure halten sich für so klug, dass sie auf der Medienklaviatur solange per Dauerfütterung glauben spielen zu können, dass sie es gar nicht mehr merken, wenn sie sich verspielen und dann erstaunt tun, wenn ihnen Misstöne vorgehalten werden.
Dass der Grat zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung oftmals ein dünner ist, ist eine Binse. Doch viel fataler dürfte sein, dass einige der besonders sichtbaren Piraten einem „Wir können machen was wir wollen – und werden trotzdem gewählt“-Mantra folgen. Nein, möchte man rufen, das können auch die Piraten nicht. Irgendwann werden die Klickzahlen für die Seifenoperdebatten sinken, der Neuigkeitswert des bloßen Neuseins aufgebraucht sein und dann kann die Fahrt mit dem Medienaufzug auch ganz schnell in Richtung Kellergeschoss gehen. Wie schwierig es ist, aus diesem wieder herauszukommen, haben die schwedischen Piraten erlebt – sie krebsen wieder in der politischen Bedeutungslosigkeit herum.
Noch sind die Chancen gut, dass den deutschen Piraten nicht das gleiche Schicksal droht. Die nächsten Wahlen stehen – sofern nichts Unvorhergesehenes passiert – erst im Januar 2013 in Niedersachsen an, gefolgt von der Bundestagswahl im September. Zeit für Antworten wäre also da. Auch für den einen oder anderen Journalistenkollegen.
Fernsehtipp: Heute Abend, 16.05.2012, 22:45 Uhr läuft im ZDF eine Dokumentation über die Piraten, die ich im Pressescreening schon gesehen habe. Sie ist mir persönlich viel zu seicht, aber ich bin den Demoskopen wohl eh nie als ZDF-Zuschauer aufgefallen.
Disclaimer: Ich war Mitglied bei Bündnis ‘90/Die Grünen und bin Mitglied des Digitale Gesellschaft e.V., der sich für Nutzerinteressen in der Politik einsetzt.
